Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Bis an die Wende zum 19. Jahrhundert war „Heimat“ in Deutschland schlicht ein rechtlicher Begriff. Er besagte, dass man einer Gemeinde zugehörig war. Eine „Heimat“ zu haben hieß, an einem bestimmten Ort das Aufenthaltsrecht zu genießen. Was besonders in Notfällen relevant war. Bei Verarmung und Verelendung konnte man am Heimatort Unterstützung verlangen. Woanders wurde man ausgewiesen. Reste davon finden sich heute im deutschen Asylrecht. Es verpflichtet Menschen dazu, sich solange an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Gebiet aufzuhalten, bis über ihren Asylantrag entschieden ist.

 

Der Heimatbegriff, wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts. Damals wurden diejenigen Vorstellungen und Gefühle wachgerufen, die bis heute prägend sind, wenn von „Heimat“ die Rede ist. Diese Heimatgefühle haben im 19. Jahrhundert nicht wenig zum Nationalismus beigetragen. Und nach 1945 sind diese Gefühle in Deutschland von den Verbänden der sogenannten Heimatvertriebenen genutzt worden, die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als irreversible Ostgrenze Deutschlands zu verhindern. Was in Polen nicht gerade dazu beigetragen hat, das polnisch-deutsche Verhältnis zu entspannen.

 

Was aber besagt das romantische Heimatgefühl ursprünglich? Kann man es überhaupt vom Nationalismus lösen? Und kann es heute, im Zeichen von Globalisierung und entfesselten Weltmärkten, noch oder wieder von Bedeutung sein? Das kann es, und zwar aus zwei Gründen, die den Heimatbegriff von Anfang an geprägt haben: Heimat ist eine moderne Vorstellung, keine traditionelle. Die Moderne selbst produziert immer wieder beides: einerseits Heimatverlust und Heimatlosigkeit, andererseits Heimatvorstellungen und Heimatgefühle. Heimat ist im Grunde eine kritische Vorstellung, keine konservative oder gar reaktionäre. Heimatvorstellungen antworten auf Probleme der modernen Welt, und diese Antwort ist ungebrochen aktuell. Um diese Hintergründe darzulegen, soll der Blick auf die Romantik gerichtet werden, auf zwei der bedeutendsten Romantiker: die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Ja, damit sind die berühmten Märchenbrüder gemeint. Aber sie waren mehr als das; sie waren auch Sprachwissenschaftler, Rechtswissenschaftler, Historiker, sogar Politiker, wenigstens Jacob Grimm, der 1848 im ersten frei gewählten deutschen Nationalparlament mitwirkte, in der Frankfurter Paulskirche.

 

Die Brüder Grimm sind in Hessen aufgewachsen. Hier haben sie an die 40 Jahre ihres Lebens verbracht: in Hanau, Steinau, Marburg und Kassel. Dann gingen sie nach Göttingen und Berlin. In Göttingen hat Jacob Grimm 1830 eine Grundsatzrede zu unserem Thema gehalten: „Über die Heimatliebe“. Aber auch in Briefen und Lebenserinnerungen haben sich die Brüder Grimm zeitlebens zur Frage der Heimat geäußert. Es handelt sich um ziemlich abstrakte und hoch differenzierte Überlegungen. Dabei lassen sich drei Aspekte unterschieden:

1. Heimat als Erscheinung der Ferne, 2. Heimat als Erscheinung der Nähe. Schließlich findet sich 3. eine Synthese aus beidem: Heimat als Erscheinung der Ferne und der Nähe zugleich.

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Prof. Dr. Harm-Peer Zimmermann