Mythen in Schleswig-Holstein

Ein Mythos – was ist das eigentlich? Der Begriff wird fast inflationär verwendet. Wer im Internet nur zwei Minuten sucht, dem wird deutlich, dass Lady Diana und Marilyn Monroe, Störtebeker und die Stadt Bielefeld, das Ungeheuer von Loch Ness, die Titanic, Schalke 04, die Silberpfeil-Rennwagen, das Wunder von Bern und das Wirtschaftswunder als Mythen gelten. Die Brockhaus-Enzyklopädie widmet dem Begriff mehrere Seiten und sieht in ihm eine Verklärung von Personen, Sachen, Ereignissen oder Ideen zu einem Faszinosum von bildhaftem Symbolcharakter. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet Rede, Erzählung, Fabel. Fuchs/Raab stellen in ihrem „Wörterbuch zur Geschichte“ den Mythos in Gegensatz zum Logos, dem durch verstandesmäßige Beweise abgesicherten Wort. Der Mythos transzendiere das Geschehen.

 
Menschen, Gesellschaften brauchen offenbar Mythen. Sie heben sie aus der Alltäglichkeit heraus, erzählen von ihrer Herkunft, vermitteln Identität, spornen vielleicht zu neuen Taten an. Manche Mythen sind Teile des kollektiven Bewusstseins geworden. Sie bieten eine exemplarisch verdichtende Prägnanz. Häufig kreisen sie um zentrale und existenzielle Ereignisse. Sie schmücken nicht selten die Herkunft des eigenen Volkes, der eigenen Gruppe mit der Aura des Einmaligen, des Heldenhaften oder des Geheimnisvollen. Manchmal dienen sie dem Erklären und Begründen, manchmal dem Verklären und Überhöhen, bisweilen nur dem bloßen Unterhalten oder aber der absichtlichen Täuschung. Der Wiener Geschichtsforscher Wolfgang Schmale meint, dass ein Gemeinwesen sinn- und identitätsbildende Geschichten brauche. Der Europäischen Union fehle es daran und sie finde auch deshalb nur schwer dauerhaften Rückhalt in der Bevölkerung. Er stellte die Frage: „Scheitert Europa an seinem Mythendefizit?“

Gesamten Artikel online lesen oder Print-Ausgabe bestellen

Prof. Dr. Thomas Steensen,
Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte

Der Artikel ist eine gekürzte Fassung der Eröffnungsrede zum 1. Tag der schleswig-Holsteinischen Geschichte, gehalten am 11. Juni 2016 im hohen Arsenal Rendsburg.