Seit 1999 regelmäßig in Kiel: das Monodrama-Festival THESPIS

Dass Deutschlands einziges Monodrama-Festival in Kiel stattfindet, geht auf die Initiative von Jolanta Sutovicz zurück.

Rolf-Peter Carl über THESPIS

„Mit THESPIS steht Kiel auf der Weltkarte der internationalen Theaterfestivals“

 

Ein Monodrama. Was soll das sein? Starrt da jemand in den Spiegel und spricht mit sich selbst? Gehört zu einem Theaterstück, einem Drama, nicht unabdingbar das Gegenüber, der Dialog, die zwischenmenschliche Aktion? Der Theaterautor und -regisseur Jens Raschke zitiert die durchaus auch in Schauspielerkreisen verbreitete Ansicht: „Ich meine, so richtiges Theater, das fängt doch erst an, wenn sich mindestens zwei Menschen gegenüberstehen und miteinander was verhandeln. Sich streiten, zusammen weinen oder sich verliebt um den Hals fallen. Das ist für mich Theater“. Und als Student der Literaturwissenschaft hat man es doch schon bei Peter Szondi, einer Autorität auf dem Feld der Dramentheorie, gelernt: „Von der Möglichkeit des Dialogs hängt die Möglichkeit des Dramas ab“.

Also ohne Dialog kein Drama? Ein Monodrama also ein Widerspruch in sich? Aber Jens Raschke ist dem Monodrama selbst eng verbunden und gibt hier eine Einschätzung wieder, die er selbst ganz und gar nicht teilt. Ohne Zweifel ist das Monodrama eine sehr spezielle Spielart des Schauspielertheaters, aber eine, die in der Vielfalt ihrer darstellerischen Möglichkeiten und in ihrer Faszination für das Publikum keineswegs hinter dem traditionellen Mehrpersonenstück zurücksteht. Und in den Anforderungen an seine Darsteller geht es darüber sogar noch hinaus. Karlheinz Braun, Herausgeber eines Sammelbandes mit 15 Monodramen, fasst zusammen, was die Spielvorlage von ihm oder ihr verlangt:

„souveräne Verfügung über meist große Textmengen, äußerste Konzentration bei ständiger Präsenz, physische Kraft und schauspielerische Virtuosität, richtiges Timing, schnelle Reaktionsfähigkeit auf mögliche Einwürfe des Publikums, Witz, Selbstironie und Charme – vor allem aber eine Aura, als Einzelner Viele verführen und in Bann schlagen zu können. Für das Monodrama ist der Schauspieler alles“.

Mit dem einzigen Darsteller steht und fällt das ganze Stück und für das Publikum der ganze Abend. Für ihn – oder sie – bedeutet das einen ungeheuren Erwartungsdruck – das ist die Kehrseite des beschriebenen Anforderungskatalogs, die wiederum Jens Raschke auf den Punkt bringt: „Man kann die Ängste derer verstehen, die ganz allein durch den Abend müssen, ohne einen Kollegen im Rücken, vor sich eine Wand aus Skepsis, einer gegen alle“.

 

Das Einpersonenstück hat in Kiel seit 1999 eine feste Heimstatt. Mittlerweile zum zehnten Mal ist THESPIS, das Internationale Monodrama Festival, hier über die Bühne(n) gegangen. Während in Minsk / Weißrussland, in Moskau, Jerewan / Armenien, Tel Aviv und Edinburgh bereits regelmäßig Monodrama-Festivals veranstaltet werden, war das für die Landeshauptstadt und für die Bundesrepublik insgesamt ein ganz neues Terrain. Auf deutschen Bühnen bildete das Einpersonenstück bis dahin die Ausnahme im Spielplan: ‚Klassiker‘ wie Samuel Becketts „Das letzte Band“, Jean Cocteaus „Die geliebte Stimme“ oder Patrick Süskinds „Der Kontrabass“, neuerdings auch gern die  Monologversion von Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“, wurden zu Paraderollen für einen Publikumsliebling. Oder man  nahm schon mal eine Studioproduktion für eine Person ins Programm, reduzierte dadurch die Kosten und gab gleichzeitig einem Ensemblemitglied die Chance, sich als Solist zu profilieren. Dafür bot sich etwa Franz Xaver Kroetz‘ „Wunschkonzert“ an, die Pantomime einer älteren Frau, die sogar ganz ohne Worte auskommt. Das Kieler Schauspielhaus hat in dieser Spielzeit mit der Selbstdarstellung eines Obdachlosen (Jim Price: „Protestsong“; gespielt von Marius Borghoff – auch im Programm des diesjährigen Monodramafestivals) und den Reflexionen einer amerikanischen Pilotin, die aus sicherer Entfernung in ihrer kalifornischen Kaserne einen Kampfdrohneneinsatz in Afghanistan steuert (Georg Brant: „Am Boden“; gespielt von Jennifer Böhm) gleich zwei solche Produktionen auf dem Plan.

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Rolf-Peter Carl