Rolf-Peter Carls KulturOrte: Das Lockstedter Lager – ein Stück finnischer Geschichte auf deutschem Boden

Als langjähriger Leiter der Kulturabteilung in Schleswig-Holsteins Kultusministerium kennt Rolf-Peter Carl die Kulturorte des Landes und ihre Geschichten wie kaum ein anderer. Umfangreich, detailliert  und informiert stellt er sie uns vor. Dieses Mal: Das Lockstedter Lager

Die finnische Unabhängigkeitserklärung jährt sich 2017 um 100. Mal. Daran hat Deutschland – insbesondere eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein – keinen ganz geringen Anteil. Das Jubiläum gibt Anlass, sich dessen zu erinnern.

Der 27. Februar 2015 war ein großer Tag für Hohenlockstedt. Ein Wachbataillon der Bundeswehr war aus Berlin angerückt, hohe Offiziere, Diplomaten und Honoratioren von der Gemeinde und vom Kreis gaben sich die Ehre und auch der Innenminister des Landes Schleswig-Holstein war persönlich erschienen. Anlass war der „100. Finnentag“ – nur historisch sehr Versierte dürften auf Anhieb erklären können, was es damit auf sich hat. Warum wird in Deutschland – mehrere tausend Kilometer vom Heimatland entfernt – ein „Finnentag“ begangen, warum in Hohenlockstedt?

Fast genau 100 Jahre zuvor, am 25. Februar 1915, waren 189 finnische Freiwillige angekommen, um sich hier von preußischen Offizieren militärisch ausbilden zu lassen. Die Gemeinde Hohenlockstedt gab es damals allerdings noch gar nicht. Ausbildungsort war das Lockstedter Lager, ein fiskalischer Gutsbezirk, zu dem ein bereits seit Jahrzehnten genutzter ausgedehnter Truppenübungsplatz gehörte.

Das Ganze war ein hochkonspiratives Unternehmen: Finnland war seit 1809 ein teilautonomes russisches Großfürstentum und Russland befand sich seit Monaten im Krieg mit dem Deutschen Reich – die jungen finnischen Männer, überwiegend Studenten, ließen sich also ‚beim Feind‘ ausbilden, ein klarer Fall von Landesverrat! Dahinter standen seit langem schwelende finnische Unabhängigkeitsbestrebungen, die mit dem Kriegsausbruch 1914 an Fahrt aufgenommen hatten. Zur Lösung von Russland waren eigene Streitkräfte vonnöten, vor allem ein Reservoir mittlerer und höherer Führungskräfte. Und die wollte man sich in Deutschland ausbilden lassen.

Bereits Ende Oktober 1914 hatte sich im Studentenhaus Ostrobotnia in Helsinki ein „Provisorisches Zentralkomitee der Aktivistischen Bewegung“ gegründet, das die Trennung von Russland – notfalls auf dem Weg einer militärisch-revolutionären Erhebung – vorbereiten wollte und dafür auf deutsche Unterstützung rechnete. Wenig später reisten zwei finnische Studenten im geheimen Auftrag des Komitees nach Stockholm, um dort Kontakt zu deutschen Behörden aufzunehmen. Über den deutschen Militärattaché in Schweden und ein „Berliner Büro“, geleitet von einem finnischen Rechtsanwalt, wurden das deutsche Auswärtige Amt und der Admiralsstab in die Überlegungen zur militärischen Ausbildung finnischer Freiwilliger einbezogen. Die Vorstellungen, welchem Ziel diese – zahlenmäßig ja sehr begrenzte – Aktion dienen sollte, gingen auf deutscher Seite zunächst stark auseinander.

Das Auswärtige Amt war eher zögerlich, um die Möglichkeit eines Separatfriedens mit Russland nicht zu gefährden, während das Kriegsministerium mit dem Gedanken spielte, auf diesem Weg ein finnisches Hilfskorps aufzustellen, das eine mögliche spätere Landung deutscher Truppen in Finnland entweder direkt unterstützen oder mit verdeckten Aktionen im Hinterland wirken sollte. Ende Januar verständigte man sich darauf, die von Finnland angebotenen ersten 200 Freiwilligen jedenfalls auszubilden, wobei deren späterer Einsatz ofenblieb. Der erste vierwöchige Lehrgang begann dann bereits etwa drei Wochen später.

189 junge Männer nahmen daran teil, die über ein Netz von schwedischen und dänischen Etappenstationen ins Reichsgebiet geschleust wurden. Die Ausbildung im Lockstedter Lager lief offiziell als „Pfadinder-Feldmeister-Kurs“ und wurde vom Gründer der deutschen Pfadinderbewegung, einem Major Maximilian Bayer, geleitet. Sie erfolgte jedoch von vornherein gemäß den Richtlinien für die deutsche Reserveoffiziersausbildung und stand unter dem preußischen Militärreglement.

Als die ersten angehenden finnischen Jäger dort ankamen, war das Lockstedter Lager zwar noch keine Gemeinde, aber doch bereits eine auf Dauer angelegte Siedlung mit festen Unterkünften, Läden, Handwerksbetrieben, Bahnanschluss, Wasserturm und Soldatenheim. Die Kasernenanlage bot Unterkünfte für 8600 Soldaten und 190 Pferde. Vorausgegangen war dem immerhin schon eine 50jährige Geschichte.

Begonnen hatte sie 1865 nach dem Krieg gegen Dänemark in der kurzen Ära des preußischösterreichischen Kondominiums über die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Preußische Truppen nutzten die Lockstedter Heide zu groß angelegten Manövern, um so militärische Stärke zu demonstrieren. Die übenden Truppenteile waren in etwa 700 Zelten untergebracht. Auch in der Folgezeit fanden auf dem Truppenübungsplatz gelegentliche Manöver statt. 1870/71 begann man auf der Lockstedter Heide mit der Errichtung eines Artillerieschießplatzes als Ersatz für den zu klein gewordenen Schießplatz „Lohheide“ bei Rendsburg. Das erste Barackenlager wurde von 5000  französischen
Kriegsgefangenen genutzt, die

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Rolf-Peter Carl