Gelebte Tradition

Gelebte Tradition

Über die nachhaltige Entwicklung von immateriellem Kulturerbe in Schleswig-Holstein und Deutschland

 

Lebendige Traditionen haben in Deutschland in den letzten Jahren deutlich an kulturpolitischer Bedeutung und öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Auslöser dieser Neubewertung waren die jahrzehntelangen Bemühungen der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), weltweit die Achtung und Wertschätzung von kultureller Vielfalt zu fördern. Dies führte nicht zuletzt im Jahr 2013 zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes und damit zu einer Aufwertung von kulturellen Ausdrucksweisen in Deutschland. Biikebrennen, Tonnenabschlagen und niederdeutsches Theater als „immaterielles Kulturerbe“, wie es in der UNESCO-Terminologie heißt, sind von menschlichem Wissen und Können getragen, das von Gruppen und Gemeinschaften in Norddeutschland praktiziert und von Generation zu Generation weitergegeben und weiterentwickelt wird. Bei der Schaffung, Pflege und Neugestaltung von immateriellem Kulturerbe spielen praktizierende Gemeinschaften sowie zivilgesellschaftliche Gruppen und ihr ehrenamtliches Engagement eine zentrale Rolle und leisten einen wichtigen Beitrag zur Bereicherung der kulturellen Vielfalt, der menschlichen Kreativität und der Zivilgesellschaft in Deutschland.[1] Das UNESCO-Übereinkommen setzt sich aus diesem Grund zum Ziel, die praktizierenden Gruppen und Gemeinschaften in die Verwaltung des immateriellen Kulturerbes einzubeziehen, um die kulturelle Vielfalt des vorhandenen Wissens und Könnens in Deutschland lebendig zu erhalten.

Die in Deutschland gelebte Bandbreite an Formen immateriellen Kulturerbes sind allerdings größtenteils noch undokumentiert. Für die Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens wurde das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes ins Leben gerufen, das eine Bestandsaufnahme des kulturellen Wissens und Könnens in Deutschland darstellen und einen umfassenden Blick auf unterschiedliche Formen immaterieller Kultur und Lebensweisen langfristig ermöglichen soll. Das Verzeichnis stellt eine erste initiale Auswahl einer breiten Diskussion über die Wahrnehmung und Wertschätzung von lebendigen Traditionen in Deutschland dar, die im Dialog mit den Kulturträger_innen kontinuierlich ergänzt und weiterentwickelt werden soll. Das bundesweite Verzeichnis ist damit „weder als Endergebnis einer wissenschaftlichen Definitionsleistung noch als kulturpolitische Setzung zu verstehen.“[2] In jährlich stattfindenden Bewerbungsrunden macht es sich die Deutsche UNESCO-Kommission aus diesem Grund zur Aufgabe, mit uns in den Dialog zu treten, zu fragen, was wir in unserer Gesellschaft als erhaltenswertes immaterielles Kulturerbe verstehen und gemeinsam das Verzeichnis kontinuierlich zu erweitern.

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Samantha Lutz,

wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde/ europäische Enthnologie an der Universität Hamburg