Rungholt – eine versunkene Stadt?

Am 30. Juni 1594 hielt Herr Levinus Friderici, Herrn Friderici Martini pastoris zu Buptee Sohn mit der tugendsamen Vollich, Backe Boisens Tochter, Hochzeit. Die Trauung vollzog Herr Laurens Adsen, Pastor zu Witzwort in Eiderstedt, der selber von der Insel Nordstrand stammte. Damit nun die genannte Vollich, eine Bauerntochter, dem Predigersohn ebenbürtig wäre, brachte ein Teilnehmer der Hochzeitsgesellschaft, vielleicht Adsen selber, eine gar schreckliche, aber auch für die Familie des Backe Boisen vorteilhafte Geschichte zu Gehör:

Da sei vor langer Zeit ein Ort namens Rungholt in einer großen Sturmflut vergangen, weil die Einwohner ihren Priester zu einer trunken gemachten und in ein Bett gelegten Sau gerufen hatten, damit er einem Sterbenden die Sakramente reiche. Dieser bemerkte den Frevel,  verließ das Lokal, wurde dann auf dem Wege zur Kirche zum Hostienfrevel aufgefordert, eilte aber weiter und teilte in der heiligen Stätte seinem Gott den Frevel mit, erhielt dann den Auftrag, den Ort schnellstens zu verlassen, da dieser wegen der Schandtaten durch eine Flut vernichtet werden sollte.

So entkam er der Katastrophe zugleich mit vier Jungfrauen, eines reichen Mannes Töchter, die am Tage zuvor zu einer zum Gedächtnis der Stiftung eines Gotteshauses zu feiernden Messe gereist waren. Und von einer dieser Jungfrauen sollte das Geschlecht Backe Boisens in Bupschlut, dem Nachbarort von Buptee, und seiner Erben abstammen.

Von der Familiengeschichte zur Volkserzählung

Diese Erzählung wanderte dann über Laurens Adsen in die neueren Chroniken Eiderstedts und in die von ihnen abhängigen Nordstrander Annalen. Vergleicht man nun die verschiedenen Fassungen, erkennt der kritische Betrachter, dass die später so genannte Rungholtsage aus vielen, zeitlich und räumlich unterschiedenen Teilen besteht, eine gelehrte Konstruktion ist und gewiss bis zur Veröffentlichung in der
Nordfriesischen Chronik des Pastors Anton Heimreich in den Jahren 1666 bzw. 1668 nicht als naive Volkserzählung gelten kann.

Zu einer solchen wurde sie dann im 19. Jahrhundert in Folge der 1845 von Müllenhof veröffentlichten Sagensammlung. Liliencrons Gedicht „Trutz, blanke Hans“ trug den Begriff der „Stadt“ Rungholt in das 20. und 21. Jahrhundert. Als nun 1921 der Nordstrander Andreas Busch bei Südfall zwischen Pellworm und Nordstrand Siedlungsreste fand, ordnete er diesen den Namen Rungholt zu. Nach der Veröffentlichung seiner Ergebnisse im Jahre 1923 fand Busch in Pastor Rudolf Muuß, damals zu Tating, einen historisch beschlagenen Mitstreiter, der 1927 in seinem Buch „Rungholt“ die Nachweise zur Existenz des Ortes gefunden zu haben meinte.

 

 

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Albert Panten
Niebüll