Bahnhöfe in Schleswig-Holstein – Potenziale und Strategien für die Zukunft

Ein Städtchen am See, von Bäumen und kleinen Häusern gesäumte Straßen, eine rote Diesellok mit silbernen Personenwagen schiebt sich ins Bild: Diese farbensatte Szene könnte sich auf einer Modellbahnanlage nicht besser abspielen. Tatsächlich ist sie aber Realität (wenn auch eine filmisch montierte), denn es handelt sich hierbei um die Eingangssequenz der Vorabendserie „Kleinstadtbahnhof“ aus den frühen 1970er Jahren. Deren Macher entdeckten den Bahnhof im holsteinischen Plön, das sie „Lüttin“ nannten, als ideales Setting für das Modellhaft-Typische der alten Bundesrepublik.

Zwei Staffeln lang standen Heidi Kabel und Gustav Knuth als Betreiberehepaar Henning hinter der Theke der Bahnhofsgaststätte und meisterten die großen und kleinen Geschichten des Alltags. Schaut man sich die Serie heute, nach 45 Jahren, noch einmal an, wird einem bewusst, wie stark sich Infrastrukturen und Mobilität verändert haben.

Noch in den 2000er Jahren arbeiteten auf vielen „Kleinstadtbahnhöfen“ zahlreiche Eisenbahner, wie es auch die Serie zeigt. Nicht nur in der „Fahrkartenausgabe“, sondern auch in den Stellwerken, Schrankenposten und als Fahrdienstleiter. Sie sind heute größtenteils verschwunden, und vor allem die logistischen Dienstleistungen haben sich auf andere Verkehrsträger verlagert. Die strukturellen Veränderungen sind auch an den Bahnanlagen und Gebäuden ablesbar: Gleise wurden zurückgebaut, Güterabfertigungen, Stellwerke und manchmal auch die Bahnhofsgebäude abgerissen.

Eine Zeit lang schienen die Bahnhöfe ihre historische Funktion als „Empfangsgebäude“ im wahrsten Sinne des Wortes, als repräsentative Visitenkarten für ihren Ort und stolzes Zeichen für die neue Zeit der Eisenbahn, verloren zu haben. Sie verkamen zu Schmuddelecken, an denen man sich nicht gerne aufhielt, und die Zustände auf den Bahnhofstoiletten, wenn es denn noch welche gab, wurden regelrecht zum Inbegriff für den infrastrukturellen Niedergang und den Rückzug der öffentlichen Hand aus der Daseinsvorsorge.

Seit einigen Jahren erleben Bahnhöfe jedoch wieder eine Renaissance. Und zwar nicht nur die Hauptbahnhöfe, die, einem generellen Trend in vielen Innenstädten folgend, zu großen Shopping Malls geworden sind (ein frühes Beispiel dafür war der Bahnhof Altona, bei dessen Neubau 1976–80 die Bundesbahn ein Kaufhaus in das Empfangsgebäude integrierte. Bekannter sind die großen Um- und Neubauten jüngerer Zeit, etwa Leipzig und Berlin), sondern auch viele kleine und mittlere Bahnhöfe. In Deutschland hat sich eine Vielzahl von Modellen entwickelt, wie Bahnhöfe, die von der DB nicht mehr genutzt oder sogar veräußert werden, als öffentliche Orte erhalten werden können: Als „Bürgerbahnhof“, Gemeindehaus, Reisebüro, Café oder Tourist-Info.

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Johannes Warda
Historiker und Architekturwissenschaftler