Waldemar Bonsels – Der sanfte Wendehals

„In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit …“ Spätestens seit den 1970er Jahren, seit der japanischen Zeichentrickserie und ihrem Titelsong von Karel Gott kennt wohl jeder die Abenteuer der Biene Maja als drollige Kindergeschichten. Die Vorlage zu dem Film ist bereits von 1912 und weit weniger putzig, gleichwohl entführt sie den Leser in eine magisch-mythische Natur. Kaum jemand weiß, dass der Autor der Vorlage, Waldemar Bonsels Schleswig-Holsteiner war – und eine schillernde Figur der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

 

Waldemar Bonsels wurde am 21. Februar 1880 in Ahrensburg geboren. Sein Vater war zum Studium nach Schleswig-Holstein gekommen und besaß zunächst eine Apotheke in Rendsburg, dann ab 1880 in der Residenzstadt Ahrensburg. Der Vater entschloss sich zu einem weiteren Studium und bekam 1886 die Approbation als Zahnarzt. Die Familie war dann ab 1891 in Kiel ansässig, später, nach dem Tod des Bruders, in Lübeck.

Bonsels wurde christlich erzogen und entwickelte bereits früh schriftstellerische Neigungen. Das erste erhaltene „Werk“ namens Château Corbeau entstandt 1895 in Kiel. Dichterisch geprägt wurde Bonsels durch Schiller, Dostojewski und die Bibel. Schon in dieser Reihenfolge zeigt sich ein wesentlicher Charakterzug des Dichters: Unterhalb der großen Namen machte er es nicht. Zunächst einmal aber entfloh er, zum Leidwesen des Vaters, dem Abitur und dem bürgerlichen Leben.

Pile Trak, Seemann aus Kiel, wurde sein Gefährte. Man traf sich am Hafen an der Förde, zum Angeln und zum Müßiggang. Doch Bonsels bekam, wie man so schön sagt, in bürgerlicher Perspektive doch noch „die Kurve“. Ab 1901 arbeitete er in Karlsruhe bei einer Buch- und Kunstdruckerei und begann dann mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust eine Ausbildung zum Missionskaufmann in Bethel. Im Anschluss daran ging er in der Tat in eine Stellung bei der Baseler Mission in Kannur (ehem. Cannanore) in Südindien und unternahm Wanderungen durch das Land. Aber er tat sich schwer. In Indien bekam Bonsels Zweifel am Sinn der Mission, insbesondere an seiner eigenen Tätigkeit als Missionskaufmann. Er erhob gegenüber seinem Arbeitgeber schwere Einwände gegen die Vermischung von Seelsorge und Ökonomie und veröffentlichte 1904 einen Offenen Brief an die Baseler Missionsgemeinde in Württemberg und der Schweiz.

Seine Eindrücke wird er Jahre später literarisch verarbeiten und als Buch mit dem Titel Die Indienfahrt veröffentlichten. Nachdem er Indien verlassen hatte, wohnte Bonsels in München und gründete dort 1904 den eigenen Verlag E.W. Bonsels und Co. Er bewegte sich in der damals zeittypischen Schwabinger Boheme, pflegte unter anderem eine enge Freundschaft mit Heinrich Mann, der auch in seinem Verlag publizierte. Bonsels heiratete, bekam mit seiner Frau zwei Söhne, ließ sich scheiden, heiratete wieder, bekam wieder zwei Söhne. Aber auch diese Ehe hielt nicht lange. Bonsels lebte gerne und oft weitab von der Familie in München, am Starnberger See oder auf Capri in Italien. Er unterhielt zahlreiche Liebschaften, teilweise traf er sich parallel mit mehreren Frauen. Bonsels war ein „Frauenflüsterer“, so sein Biograf Bernhard Viel. Seine Beziehungen waren so zahlreich, wie auch die Namen der Gefährtinnen hochkarätig waren. Da finden sich unter anderem die Lyrikerin Paula Ludwig, die Schauspielerin Pamela Wedekind, die Tänzerin Erna Goldstein oder Rose-Marie Bachofen, ebenfalls eine Tänzerin. Sie wusste den Filou zu nehmen, nämlich an der langen Leine, und wurde so seine langjährige Gefährtin, die er 1948 letztlich auch heiratete.

Gesamten Artikel online lesen oder Print-Ausgabe bestellen

Martin Lätzel