wild.live.platt – Dichters un Muskanten op de Wilde Weed

Von stolzierenden Bio-Kühen und theoretischem Outdoor-Erlebnis

Bunte Blech-Lawinen schieben sich wie Endlos-Schlangen über DAS infrastrukturelle Bauwunder Schleswig-Holsteins, die Autobahn 7. Nach einer halben Stunde, Bremse, Gas, Bremse, Gas, Bremse, Gas, Bremse, rotes Rücklicht, Bremse… verschafft mir das blau-leuchtende Schild mit der wunderschönen Aufschrift „Neumünster-Süd“ Aussicht auf Besserung. Dann das erlösende Geräusch: der Blinker und nur noch rechter Fuß – also Gas!

Wie schön. Nach weiteren zwei bis drei Abbiegungen, werde ich entlohnt für den Beinah-Beinkrampf auf der rechten Seite (Bremse, Gas). Ein schmaler Weg mit dem wohlklingenden, geheimnisvollen Namen „Am Hochmoor“ schlängelt sich über den Ochsenweg fast durch bis zur Hartwigswalder Au, rechts und links nur grün, grün und nochmal grün! Grasende, glücklich-muhende Galloways stehen auf den Weiden entlang des schnuckeligen Weges, heben hier und da mal den Kopf und blinzeln durch ihre lockigen Mähnen hindurch. Und dann liegt er vor mir: der Landschaftspflegehof Hartwigswalde.

Zwischen Heu, Stroh und Mist wuseln dutzende Leute durcheinander, schleppen Strohballen in den ausnahmsweise mal blitzeblank geputzten Kuhstall und stellen sie ordentlich in Reihen auf, zaubern Bühnenteile an die Stelle, an der sich sonst die Galloways satt essen, ziehen Kabel durch die gesamten Stallungen und hängen überall Lautsprecher auf. Der rauchige Duft saftiger Bio-Steaks, Bio-Bratwürstchen und Bio-Frikadellen zieht seine Kreise über die Stallungen, die wilden Weiden und weit darüber hinaus. Der matschig-miefige Kuhstall von Weidelandschaften e.V., einem der größten Pächter der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, verwandelt sich in eine rausgeputzte, große Showbühne. Der perfekte Ort für DAS Event im NATURGENUSSFESTIVAL der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein: wild.live.platt – Dichters un Muskanten op de Wilde Weed – ein plattdeutscher Nachmittag unter freiem Himmel auf der Wilden Weide von Dirk Andresen, dem Geschäftsführer von Weidelandschaften e.V. Er ist an diesem Tag Gastgeber und Griller.

Eben noch im Mief des Kuhstalls und jetzt auf unserer Show-Bühne

„Eins, zwei, eins, zwei … Sound-Check, Check … eins, zwei, eins, zwei …“ ertönt es dann in ausgepegelter, absolut angemessener Lautstärke aus den Lautsprechern. Sven Niemand, von Musikanlagen Kiel aus Molfsee, geht mit gespitzten Ohren durch die Gänge aus Strohballen und Bierzelt-Bänken und prüft den Sound für die große Show der schleswig-holsteinischen Platt-Schnacker-Prominenz . „Läuft!“ findet er und übergibt das Mikro an Platt-Ikone und Moderatorin Ines Barber. „Test, Test, Test, wir sind hier ob de Wilde Weed … bei der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein Test, Test, Test…!“ Auch sie findet, besser geht’s nicht! Und so langsam füllen sich die Reihen. Zielgruppe? Alle! Plattdeutsch scheint so hip wie nie. Und: die Platt-Promis, wie Musiker Gerrit Hoss aus Itzehoe und Bio-Milchbauer mit Rampensau-Gen Matthias Stührwohldt aus Stolpe, sind wahre Publikums-Magneten.

Von Anfang-Dreißigerin mit Kleinkind und Ehemann an der Hand, über Mitt-Vierziger, bis hin zu Ü-50er und Silver-Ager, strömen sie alle an den ungewöhnlichen und doch so einladenden Ort für einen unvergesslichen und unterhaltsamen Nachmittag. Und dann haut Gerrit Hoss, Platt-Super-Star aus dem Kreis Steinburg auch schon in die Saiten, sein Song „Ünner mien Huut“ eröffnet das diesjährige Platt-Spektakel und erfüllt genau das, was er verspricht: er geht sowas von unter die Haut.

Zweiklassen-Gesellschaft gibt’s auch unter Kühen – Bio oder nicht?

Auch die Robust-Rinder, genauer gesagt die Galloways von Dirk Andresen, finden ihren Weg vom hintersten Fleck der Weide nah ran an das Show-Geschehen. Kein Wunder, es geht bei Gerrit Hoss‘ erstem Text ja auch um sie, und um ihr privilegiertes Leben als Bio-Kühe:

Gesamten Artikel online lesen oder Print-Ausgabe bestellen

Jana Schmidt,
Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein