Aarhus für eine Nacht und zwei Tage

Mit dem Zug von Weimar aus geht es für unseren Autor Johannes Warda in die Kulturhauptstadt Europas 2017 Aarhus. Besonders die Architektur der zweitgrößten Stadt Dänemarks hat es ihm angetan. Seine Rückreise zur Zeit des Sturmtiefs “Xavier” wird schließlich zu einem kleinen Abenteuer…

 

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Jahr 2012. Da stand die ganze Region Flensburg/Sonderburg Kopf, weil man sich gemeinsam um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2017“ bewerben wollte. Daraus wurde nichts, aber neben Paphos auf Zypern erhielt eine Stadt mehr oder weniger in der Nähe den Zuschlag: Aarhus, zweitgrößte Stadt Dänemarks, und die Region Midtjylland.

Aber was heißt das eigentlich, Kulturhauptstadt zu sein? Jenseits der Konzeptpapiere mit ihren vollmundigen Versprechungen für ein ereignisreiches Jahr? Wir beschlossen, hinzufahren und uns umzusehen – ganz ohne Programmhefte und sonstiges Kulturstadtmaterial. An einem Montag im Oktober, nach Feierabend, bestiegen wir in Weimar (trug den Titel 1999 und nennt sich daher immer noch „Kulturstadt Europas“) den Zug gen Norden. Ein bisschen schwang die Hoffnung auf eine Verspätung mit, auf dass die Reise von gut zehn Stunden Dauer in Flensburg durch eine Hotelübernachtung mit Frühstück unterbrochen würde (diese fixe Idee sollte auf der Rückfahrt auf überraschend andere Weise Wirklichkeit werden). Aber nichts dergleichen geschah. Trotz zumeist recht knapper Umsteigezeiten lief alles wie am Schnürchen.

Auch der Grenzübertritt in Padborg führte kaum zu Verzögerungen; der kurze Diesel-InterCity war von den Militärpolizisten schnell kontrolliert. Zudem hatte die Zugbegleiterin in Flensburg vorsorglich schon die Toiletten verschlossen. Es blieben ein kurzes Schaudern angesichts der Truppe in Flecktarn und eine gewisse Traurigkeit darüber, dass Grenzen in Europa wieder so spürbar sind. Als Kinder hätten wir uns gefreut und die Pässe gerne hingehalten, um einen Stempel zu ergattern. Aber selbst darum musste man damals schon extra bitten. Heute geht es um etwas anderes, von dem wir damals dachten, es würde nie mehr so werden.

In Fredericia verbringen wir den fahrplanmäßigen Aufenthalt von 54 Minuten mit einem schnellen Spaziergang über den Festungsgürtel in die Altstadt (warum bloß hat der letzte Zug aus Flensburg keinen direkten Anschluss nach Aarhus?). Das Meer können wir schon riechen, aber die Zeit reicht nicht.

Ankunft in Aarhus um 2 Uhr 32. Wir machen uns, etwas schlaftrunken, auf zu einer ersten Erkundung der Stadt. Menschen eilen nach Hause, einige haben sich mit Koffern und Taschen in der Bahnhofshalle niedergelassen. Es ist diese merkwürdige Zwischenzeit, von der man nicht zu sagen vermag, ob ein Tag noch andauert oder der nächste schon begonnen hat. In der Fußgängerzone leuchten freundlich die Schaufenster, es fällt gar nicht auf, wie nasskalt und windig es ist. Ein „7-Eleven“-Kiosk ist noch geöffnet, so einer, wo es Nüsse und Süßigkeiten lose gibt.

Am Hostel öffnet aber leider niemand, und so landen wir wieder am Bahnhof. Jetzt doch fröstelnd dämmern wir in der Bahnhofshalle unter einem Himmel schöner dänischer Schirmlampen dahin. Ja, da ist schon etwas dran, dass es sich gleich gemütlicher anfühlt, wenn irgendwo eine schöne Lampe brennt.

Um halb sieben ist es Zeit, zu frühstücken. Im Bahnhof gibt es Bio-Kaffee zum Einführungspreis und zwei Teilchen zum Preis von eineinhalb (auch ein Teil des Glücksgeheimnisses im Norden). Und es schmeckt wirklich gut. Dänemark gehört zu den ausgesuchten Gegenden, in denen man bedenkenlos auf die üblichen „Kaffeespezialitäten“ verzichten kann. Der Filterkaffee ist stark und aromatisch und kommt aus Glaskannen, die zum Warmhalten oben auf der Maschine stehen. Wie in einem amerikanischen Diner.

Zum Sonnenaufgang zieht es uns ans Wasser. Dort führt die neue Promenade wie eine schiefe Ebene geradewegs hinein in das Hafenbecken. Eine architektonische Geste, die die Grenze zwischen Stadt und Wasser gewissermaßen auflöst. Hier fallen sofort die neuen Häuser und Baustellen von Aarhus Ø (schicke Kurzform für Aarhus Ost) auf, sozusagen Aarhus‘ HafenCity, nur anders: Die Neubauten sind keine Variationen auf historische Vorbilder, sondern experimentieren mit ungewöhnlichen Formen. Besonders sticht der Isbjerget (Eisberg) heraus, ein zerklüfteter Häuserblock mit 208 Wohnungen. Viel planerische Aufmerksamkeit erfährt das übergeordnete Anliegen, den Hafen als Wirtschaftsraum in einen lebendigen und nutzbaren Teil für die ganze Stadt umzuwandeln. Öffentliche Nutzungen und frei zugängliche Räume spielen dabei eine wichtige Rolle.

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Johannes Warda