Erinnerung und Inspiration – Auftrag und Bedeutung eines Theatermuseums

Wofür ist ein Theatermuseum eigentlich da? Am Beispiel der Eröffnungsfeier des Kölner Opernhauses am Offenbach-Platz 1957 beschreibt Dr. T. Sofie Taubert von der Universität zu Köln Theatergeschichte als Kulturgeschichte. Und auch für Kiel stellt sie besondere Wendemarken der Stadtgeschichte heraus, die sich am Theater der Zeit ablesen lassen.

 

Im vierten Akt in Shakespeares Sturm richtet der Zauberer Prospero ein Geisterschauspiel aus, um die Verlobung der Tochter mit Ferdinand (dem fremden Prinzen) zu feiern. Als er den Zauber etwas abrupt beendet, bleiben seine Zuschauer bewegt zurück. Prospero versucht sich an einer Antwort:

Du siehst mich an, mein Sohn, besorgt und ängstlich;
Sei gutes Muthes. Unser Schauspiel ist
Zu Ende. Diese Spieler waren Geister;
Sie schwanden hin in Luft, in leichte Luft.
Gleich einem wesenlosen Scheingebilde,
Wird einst der Bau von wolkenhohen Thürmen, […]
Zu Grunde gehn, und wie von meinem Zauber,
So bleibt von ihnen, wenn sie hingeschwunden,
Nicht eine Spur. [Übersetzung: Franz Dingelstedt 1]

Prospero spricht seine Zeilen leicht dahin. Dabei ist ihm selbst, wie uns, sehr wohl klar, dass die Geschichte nicht so einfach erzählt ist. Das theatrale Ereignis hinterlässt Spuren: Dekorationen, Requisiten, Entwürfe und Plakate sie bleiben erhalten.

Aber auch die Emotionen und Affekte, die uns während des Schauspiels bewegt haben, lösen sich nicht einfach auf – sie bleiben, schwingen in uns nach. Objekte wie Erinnerungen hinterlassen Spuren in uns. Bewahren, was wir in der Zeit des Schauspiels erlebt haben.

 

I. Theaterwissenschaft als Kulturwissenschaft – Theater als Labor gesellschaftlicher Entwicklung

Zunächst einmal gilt uns das Archiv als Ort der Aufbewahrung vergangener Theaterereignisse und -produktionen. Theaterarchive sind in diesem Sinne Ort individueller und kollektiver Erinnerung und bewahren einen wichtigen Teil unserer Kulturgeschichte. Leicht beschreiben wir Theater als Teil kultureller und sozialer Prozesse. Leicht fallen uns Inszenierungen ein, die sich mit Konflikten und Feiern einer Gesellschaft auseinandersetzen, Inszenierungen, die zu feierlichen Anlässen gegeben oder besucht wurden.

Wenn aber Theater als Ort verstanden wird der gesellschaftliche Entwicklung spiegelt und begleitet, dann muss es auch Aufgabe der Theaterarchive sein, die Geschichten seiner Objekte zu erforschen und zu erzählen – und sie in Publikationen und Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Theater hat eine gemeinschafts- und identitätsstiftende Bedeutung und ist deshalb in unserer staatlichen Kulturförderung fest verankert. In diesem Sinne, möchte ich ein Plädoyer dafür halten, dass unser Denken auch die Auseinandersetzung mit seinen Residuen miteinschließen muss – und ich möchte Perspektiven entwerfen, wie diese Auseinandersetzung aussehen könnte.

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Dr. T. Sofie Taubert,
Dept. Of Media Culture and Theatre,
Universität zu Köln

Der Artikel ist eine Bearbeitung des Vortrags, gehalten am 13. November 2017 zur Begleitveranstaltung der Ausstellung „Halte fest was Dir von allem übrig blieb…“ Die Sammlung
des Theatermuseum Kiel e.V. im Schleswig-Holsteinischen Landeshaus.