“… dass man während des Drehs auch einen anderen Weg einschlagen kann …” – Die Dokumentarfilmerin Johanna Jannsen im Gespräch mit Jessica Dahlke

Die Suche nach Geschichten führt die Dokumentarfilmerin Johanna Jannsen an die unterschiedlichsten Orte: Ihr preisgekrönter Film „Mein Vater – M’athair“ zum Beispiel entstand auf den Aran Islands in Irland. Der gebürtigen Flensburgerin gelingt es, im Persönlichsten das Universelle zu finden. Das macht ihre Filme so berührend. Jessica Dahlke hat mit der jungen Filmemacherin gesprochen.


Mit Deinem Dokumentarfilm „Mein Vater – M’athair“ hast Du den Nachwuchs-Film-Preis des Jugend-Film-Fests Schleswig-Holstein gewonnen. Worum geht es im Film und wie ist er entstanden?

„Mein Vater – M’athair“ ist eine Kurzdokumentation, die auf den Aran Islands in Irland entstanden ist. Sie erzählt die Geschichte vom Fährmann Peadar, der sich um seinen 99 Jahre alten Vater kümmert. Im Oktober 2016 nahm ich als Regisseurin am Dokumentarfilm-Camp „Galway Stories“ in Irland teil, bei dem der Film mit einem internationalen Team aus Norwegen, Dänemark und den Färöer-Inseln entstanden ist. Dieses Programm wird von Screen Talent Europe organisiert, ein Zusammenschluss der Filmförderungen aus den nordeuropäischen Ländern. Bei dem Camp waren wir insgesamt 15 Filmemacher, darunter Regisseure, Produzenten und Editor aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Faröer Inseln, Irland und Deutschland.

In unserer ersten Woche nahmen wir an Workshops teil, kochten und wohnten gemeinsam in einem Appartement in Galway und recherchierten mögliche Themen für unsere Filme.

Wie bist du zur Geschichte von „Mein Vater – M’athair“ gekommen?

Das hat sich entwickelt. Ich wollte gern etwas über die Aran Islands machen, eine Inselgruppe vor der Westküste von Galway. Ich hatte vor meinem Besuch eine Fotoreportage über das ursprüngliche Inselleben gesehen und von Anfang an ein Gefühl für diese Inseln. Die Landschaft ist sehr beeindruckend mit ihren langgezogenen Steinmauern. Also dachte ich, dass es dort bestimmt auch Menschen gibt, die etwas zu erzählen haben. Auf der Inselfähre dorthin stieß ich auf einem älteren Herrn, meinen späteren Protagonisten, der mir erzählte, dass die Inseln im Sommer nicht wiederzuerkennen wären, weil die Touristen kommen und sie stark für sich einnehmen. Im Herbst sind die Einheimischen dann froh ihre Insel wieder für sich zu haben, sie freuen sich regelrecht darauf.

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Er erzählte das mit einer gewissen Melancholie und zunächst dachte ich, der Kontrast zwischen dem Massentourismus in der Hauptsaison und der Ursprünglichkeit in der Nebensaison wäre mein Thema. Also trafen wir uns zu einem dreistündigen Interview. Als wir mit allem fertig waren, fragte er mich, ob ich noch etwas vorhätte, denn er müsse jetzt seinen Vater besuchen. Und dann fing er plötzlich an von seinem Vater zu erzählten, der mit 99 Jahren der älteste Inselbewohner auf Inisheer war. Seine Stimme war plötzlich wie verwandelt. In den drei Stunden Interview zuvor  hatte er mir zwar alles erzählt, was ich hören wollte, aber es lag kaum Emotion darin. Als er nun von seinem Vater erzählte wusste ich: ich möchte in meinem Film von der Beziehung zu seinem Vater erzählen. Das ist ja das Schöne am Dokumentarfilm, dass man während des Drehs auch einen anderen Weg einschlagen kann als den ursprünglich geplanten.

Was hat Dich besonders beeindruckt am Verhältnis zwischen dem Sohn und seinem Vater?

Das habe ich eigentlich so richtig erst im Nachhinein verstanden. Was mich so beeindruckt hat war, dass sie sich so unglaublich ähnlich waren. Wenn ich mit den Zuschauern nach einem Screening darüber spreche, dann wissen die meisten nicht, wer wer ist. Und das ist vollkommen in Ordnung. Es ist egal, wer wer ist, denn es geht um den Kreislauf des Lebens auf der Insel.

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Jessica Dahlke ist selbst Filmemacherin und Vorsitzende des Vereins Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.. Außerdem ist sie Herausgeberin des Blogs filmszene-sh.de .