Rolf-Peter Carls KulturOrte: Das Lübecker Theaterfigurenmuseum

Als langjähriger Leiter der Kulturabteilung in Schleswig-Holsteins Kultusministerium kennt Rolf-Peter Carl die Kulturorte des Landes und ihre Geschichten wie kaum ein anderer. Umfangreich, detailliert  und informiert stellt er sie uns vor. Dieses Mal: Das Lübecker Theaterfigurenmuseum


TheaterFigurenMuseum? – Heißt das Genre nicht Figurentheater und müsste es deshalb nicht Figurentheatermuseum heißen? Ja, schon; aber der Name der Lübecker Institution verspricht genau das, was sie auch in ihrer Dauerausstellung bietet: sie zeigt weit überwiegend die Figuren, mit denen das Figurentheater spielt, nicht die Stücke, die gespielt werden. Und das sind nicht nur menschenähnliche („Puppen“), sondern auch Tiere, Fabelwesen und dingliche Objekte, insgesamt mehr als 1000 Stück. Und diese tausend sind nur ein Bruchteil dessen, was das Museum in toto an potentiellen Exponaten rund um das Figurentheater beherbergt – der weitaus größte Teil ist magaziniert und kommt nur selten und für begrenzte Zeit ans Licht.

Auch innerhalb der menschenähnlichen gibt es wieder unendlich viele Arten von Figuren, unterschieden nach ihrem Aussehen, ihrer Größe und der Art ihrer Führung – ganz abgesehen von ihrer geografischen oder historischen Herkunft und ihrer Funktion im jeweiligen kulturhistorischen Kontext. Unter spieltechnischen und optischen Aspekten definieren die Fachleute sechs Kategorien von Figuren: Hand-(Finger-)puppen, Stabfiguren, Marionetten, Großfiguren, Schatten-(Schemen-) figuren und Flachfiguren, die wiederum in sich vielfache Varianten aufweisen.

Zu den relativ leicht zu führenden Handpuppen gehören etwa die der in Deutschland traditionellen und noch immer beliebten Kasperletheater: Kasper, Schupo, Teufel und Krokodil werden jeweils mit bzw. auf der Hand geführt, der ‚Körper‘ der Figur besteht praktisch nur aus dem losen Gewand, das die Hand des Spielers verdeckt. Die sog. Klappmaulfiguren stellen bereits eine Weiterentwicklung dar: hier ist der Unterkiefer der Figur beweglich und ermöglicht so ihr ‚Sprechen‘ (bzw. – beim Krokodil – das furchterregende Aufreißen des Rachens). Zu den gleichfalls von unten geführten Stab- oder Stockfiguren zählen z.B. die Protagonisten des Kölner Hänneschen-Theaters (Hänneschen und Bärbelchen). Auch diese Spieltechnik ist jahrhundertealt und findet sich in allen Kulturkreisen. Die meist mittels eines Spielkreuzes an Fäden von oben dirigierten Marionetten prägen wohl die häufigste und variationsreichste, spieltechnisch anspruchsvollste Form des Figurentheaters.

Die in ihren Reaktionen ganz von ihrem Spieler abhängige und von ihm beliebig manipulierbare Fadenpuppe ist nicht ohne Grund auch zur gern benutzten Metapher in der politischen Auseinandersetzung geworden – die bloße Marionette ist jeweils der von finsteren Drahtziehern gesteuerte Gegner.

Großfiguren, auf Stelzen grotesk vergrößerte und wild kostümierte Spieler oder auch ein von mehreren Akteuren getragenes und bewegtes Untier, begegnen vor allem auf Jahrmärkten und im Straßentheater, werden mittlerweile aber auch gern im Schauspielertheater eingesetzt – die „Ring“-Inszenierung von Daniel Karasek an der Kieler Oper (seit der Spielzeit 2015/16) nutzt diese Möglichkeit z.B. im „Rheingold“, im „Siegfried“ und in der „Götterdämmerung“. In Asien (China, Indien, Indonesien) schon seit vielen Jahrhunderten, in Europa (Italien) dagegen erst seit dem frühen 17. Jh. bekannt und dort auch weit verbreitet, ist das Schattentheater, bei dem auf Pergament gezeichnete oder geätzte Figuren hinter einem von vorn angestrahlten Schirm in meist mythologisch oder historisch bekannten Geschichten agieren. Für eine in der Regel des Lesens unkundige Bevölkerung war das Schattentheater ein nicht zu unterschätzendes Informations- und Propagandamedium – noch in der Zeit der von Mao Tse Tung ausgelösten Kulturrevolution in China gezielt zur politischen (Um-)Erziehung eingesetzt.

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Theaterfiguren aller dieser Kategorien sind in der ständigen Ausstellung des Museums in großer Zahl zu sehen – neben vielen anderen einschlägigen Objekten: Textbüchern, Masken, Plakaten und Programmzetteln, Kulissen, Kostümen und Requisiten, auch komplett wieder aufgebauten Bühnen, Musikinstrumenten, Leierkästen, Figurenautomaten und Märchenkästen, Moritatentafeln, Sammelbildern und Grußkarten sowie Geschäftsbüchern, Gewerbescheinen und Objekten der bildenden Kunst mit Darstellungen von Figuren (Kacheln, Gemälde und Skulpturen aus Porzellan, Keramik oder Silber) – der Gesamtumfang der Sammlung beläuft sich auf mehr als 30.000 Stücke.

Wie kommt nun Lübeck an einen solchen Fundus? Sein Kernbestand verdankt sich einem einzigen Mann: dem Sammler Fritz Fey, der zwar aus einer Puppenspielerfamilie stammt, sich selbst aber nicht dieses Metier zum Beruf wählte, sondern nach einer Lehre als Gärtner viele Jahre als Fotograf und Kameramann beim NDR gearbeitet hat. Sein Vater, Fritz Fey sen., hatte 1977 in einem alten Lübecker Kaufmannshaus im Kolk ein Marionettentheater eröffnet, das nach seinem Tod noch bis 2007 von seiner Frau Ingeborg weitergeführt wurde. Der Junior entdeckte auf vielen Dienstreisen sein Faible für das Figurentheater und trug nach und nach etwa 25.000 Exponate zusammen, einzelne Figuren, aber auch ganze Bühnen und Schaustellerwagen.

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Rolf-Peter Carl

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