Februar 2021

05feb(feb 5)11:0016mai(mai 16)6:00Frankfurt: Magnetic North - Ikonen der kanadischen ModerneSchirn KunsthalleRubrik:Kunst

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In diesem Frühjahr lohnt, wenn möglich, eine Reise nach Frankfurt. Dies gilt besonders für Kenner und Liebhaber skandinavischer Landschaftsmalerei um 1900.

In der Schirn sind mehr als 80 Gemälde und viele Zeichnungen von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Umkreis der legendären kanadischen Künstlervereinigung „Group of Seven“ zu sehen, eine Deutschland-Premiere.

Dichte Wälder in leuchtenden Herbstfarben werden gezeigt, reißende Flüsse, weite Seen, flirrende Nordlichter und atemberaubende Ansichten der Arktis. All dies ist pastos, dicht und mit breitem Pinselstrich aufgetragen.

J.E.H. MacDonald. Falls, Montreal River, 1920. Öl auf Leinwand, 121.9 x 153 cm. Kauf 1933. Foto © Art Gallery of Ontario 2109

Die Künstler der offiziell seit März 1920 bestehenden Vereinigung um Lawren Harris, James E. MacDonald, Arthur Lismer, Frederick H.Varley, Frank Carmichel, Frank Johnston und Alexander Y. Jackson wollten mit ihrer Malerei die Schönheit und Einzigartigkeit Kanadas auf ganz eigene Weise feiern – und zugleich pädagogisch wirksam sein.

Sie kannten einander schon länger. Einige der zumeist aus England stammenden und oft noch in Europa ausgebildeten Männer hatten in Toronto gemeinsam als Werbegrafiker gearbeitet. An den Wochenenden war man zum Skizzieren in die Wälder und an die Seen Northern Ontarios aufgebrochen, wo man theosophisch angehaucht im Geiste Ralph Waldo Emersons oder Henry David Thoreaus in der Natur zeltete, fischte und malte. Häufig mit von der Partie war der bereits 1917 unter mysteriösen Umständen ertrunkene Ranger und Künstler Tom Thomson, der gern als der Spiritus Rector der Gruppe bezeichnet wird.

Auf der Suche nach künstlerischer Unabhängigkeit von Europa, nach Ausdrucksmöglichkeiten für eine eigenständige kanadische Malerei jenseits akademischer Traditionen war den Malern noch vor Beginn des 1. Weltkriegs eine Ausstellung zeitgenössischer skandinavischer Kunst zum Schlüsselerlebnis geworden.

In Buffalo, New York, hatten Lawren Harris und James E. MacDonald 1913 Gemälde von Otto Hesselbom, Gustaf Fjaestad, Harald Sohlberg oder Jens F. Willumsen gesehen. Die symbolische Strahlkraft der oft mystisch aufgeladenen Landschaften und die leuchtenden Farben der Bilder hatten sie tief beeindruckt: Hier waren sie auf Maler gestoßen, die sich nicht nur mit ähnlichen topographischen und klimatischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen hatten, sondern zugleich aus ähnlich nationalromantischem Geist heraus arbeiteten. Viele Jahre später sagte MacDonald: „We felt: This is what we want to do with Canada“.

Lawren S. Harris (1885 -1970) Mt. Lefroy, 1930, oil on canvas 133.5 x 153.5 cm, Purchase 1975, McMichael Canadian Art Collection, 1975.7 © Family of Lawren S. Harris

Und so erscheinen, wie bei den nordeuropäischen Zeitgenossen, auch in den stilistisch sehr unterschiedlichen Gemälden der „Group of Seven“ Seen, Felsen oder Eisberge nicht nur als Abbild der Realität, sondern – getragen von einem gemeinsamen Ideal – beinahe plakativ als Symbole für die Schönheit und Größe Kanadas (Peter Mellon, 1970).

Tatsächlich sollten die Gemälde der „Group of Seven“ die kulturelle Identität der noch jungen kanadischen Nation entscheidend prägen, nicht zuletzt dank baldiger Unterstützung durch die National Gallery of Canada. Eine rege, auch internationale Ausstellungstätigkeit setzte ein, brachte Bekanntheit und Anerkennung. Bis weit in die 1950er Jahre hinein dominierten Gemälde-Reproduktionen die Klassenzimmer des riesigen Landes, Postkartensätze waren im Umlauf. Künstlerinnen und Künstler wie die später sehr bedeutende Emily Carr, die sich in die „Wildnis“ zurückzog um Relikte indigener Kulturen an der Westküste Kanadas zu dokumentieren, wurden durch die „Group of Seven“ inspiriert, deren Mitglieder sich auch als Lehrer, Schreiber und Speaker hervortaten.

Emily Carr. Trees in the Sky, 1939. Öl auf Leinwand, 111.6 × 68.7 cm, Schenkung von Richard M. Ivey, 2008. Foto © Art Gallery of Ontario 2008/224

Nachfolgende Künstlergenerationen versuchten, den Blick auf Land und Leute zu weiten. In Frankfurt stellen Fotos, Dokumente und Dokumentarfilme die in Kanada omnipräsenten Ikonen in einen angemessenen Kontext, der die in den Bildern konstruierte Darstellung Kanadas hinterfragt und auch Positionen indigener Kritik integriert.

„Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910-1940“, Schirn Kunsthalle, Frankfurt. Die Ausstellung soll bis zum 16. Mai zu sehen sein. Es ist ein umfangreiches (Online-) Begleitprogramm geplant. Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag (49 Euro). In Kanada finden sich bemerkenswerte Bestände in der National Gallery of Canada (Ottawa), der Art Gallery of Ontario (Toronto) und der McMicheal Canadian Art Collection (Kleinburg). Nur eine Handvoll Gemälde befindet sich heute noch in Privatbesitz. Zum 100jährigen Bestehen der „Group of Seven“ wurden im vergangenen Jahr eine Vielzahl touristischer Angebote initiiert (siehe z.B. northernontario.travel).

Anette Froesch

Zeit

Februar 5 (Freitag) 11:00 - Mai 16 (Sonntag) 6:00

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