Charles C. Mann: Amerika vor Kolumbus

Charles C. Mann: Amerika vor Kolumbus

Während Mann sich im grandiosen Vorgänger Kolumbus´ Erbe sich noch mit dem Kolumbischen Austausch, mit den Folgen der „Entdeckung“ Amerikas beschäftigt hat, geht
er nun eine der größten Lücken der Geschichtsschreibung an: Die Geschichte der westlichen Hemisphäre vor 1492. So richtig heran kommt er dabei verständlicherweise nicht. Zwischen ihm und der Geschichte steht schließlich eine europäisch geprägte Forschungsgeschichte. Mann vollzieht jedoch den weiten, kontroversen Weg der Forschung zum aktuellen Stand nach und berichtet außerdem mit seinen Begegnungen mit Wissenschaftlern, mit einheimischen Park Rangern in der Nähe von Vancouver oder mit Tortilleriabetreibern in Südmexiko. Es sind diese Schilderungen, es ist diese Mischung aus Reisebericht und Forschungsüberblick, aus Reportage und wissenschaftlicher Arbeit, die das Buch absolut lesenswert machen. Erzählen kann der Mann!

Wie schon in seinem letzten Buch verblüfft Mann in Amerika vor Kolumbus außerdem mit einer enormen Quellen- und Literaturdichte aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Sein Verdienst ist es, all diese Quellen zusammenzutragen, sie in Beziehung zu einander, zur Gegenwart und zur Vergangenheit zu setzen und daraus ein packendes, kurzweiliges und gut lesbares Buch zu weben, in dem er sich hartnäckig haltende Allgemeinvorstellungen
zur Geschichte der Ureinwohner Amerikas angreift und widerlegt.

Mann tappt nicht in die “eurozentrische Falle”

So bestätigt Mann seine Thesen, dass die früheren Indianergesellschaften größer, älter und fortschrittlicher waren als gemeinhin angenommen, und dass sie großen Einfluss auf ihre Umwelt ausgeübt haben, keinesfalls also „Naturvölker“ waren. In der Beschreibung des Niedergangs der indianischen Hochkulturen nach Ankunft der Europäer tappt Mann nicht in die eurozentrische Falle, von den „armen Indianern“ zu sprechen, die von den „bösen Europäern“ mit Kanonen, Pferden und Gewehren im Goldrausch brutal überrannt worden sind. Vielmehr sind die historischen Indianer bei Mann Subjekte. Sie handeln mit eigenen Motivationen, nehmen die europäischen Kolonisatoren hier als Kuriosum nebenbei, dort als kranke und dumme Taugenichtse, wieder dort als nützliche Trottel wahr. Manns Erklärung für den Niedergang der indianischen Kulturen ist weit komplexer als das plumpe Erklärungsmuster der Europäischen Überlegenheit. //

Kristof Warda

Charles C. Mann: Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines Kontinents, Rowohlt Verlage, Deutsche Erstausgabe, 2016, 715 Seiten, ISBN: 978-3-498-04536-4, 29,95 €, auch als E-Book erhältlich: ISBN: 978-3-644-05521-6, 24,99 €

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