Alessandro Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur

Reformieren werden die Tataren oder die Mönche – so lautet ein altes russisches Sprichwort. In die heutige Zeit übersetzt bedeutet das, Veränderungen werden entweder durch Krisen oder durch Besinnung erzeugt. Neben dem Klimawandel ist die digitale Transformation die größte Erschütterung unserer Zeit. Und man kann auch dieser Entwicklung auf zwei Arten begegnen, nämlich durch Abwehr, wie man sich der mongolischen Tataren erwehrte (sehr eindrücklich dargestellt in Andrei Tarkowskis Meisterwerk Andrej Rubljow) oder durch Reflektion.

Alessandro Baricco ist Herausgeber von La Repubblica. Etwas reißerisch kommt der neue Band mit Sammlung seiner Essays daher, wenn er von Mutationen der Kultur durch moderne Barbaren beschreibt. Und etwas enttäuschend ist der erste Blick ins Buch, wenn der Rezensent lesen muss, dass die Abfassung der Texte schon gut zehn Jahre zurückliegt.

Aber falsch gelegen. Die Texte haben es nicht nur in sich, sie sind auch hochaktuell und bieten eine Orientierung in einer von Orientierungslosigkeit geprägten Zeit.

Die Aufschreie, welchen Bedrohungen unsere Kultur ausgesetzt seien, sind groß. Mangelnde Ressourcen für die kulturelle Infrastruktur, teils wenig Nachfrage, gleichzeitig neue Formen von Kunst und Beschäftigung wie Gaming und E-Sport, Bilder und Musik durch Algorithmen berechnet, schnelllebiges Marketing, Reduktion von Botschaften auf 140 Zeichen.

Ja, sagt Baricco, das kann schon Angst machen. Aber der Reflex, das alles als barbarisch zu verteufeln, sei eben falsch. Der Autor nimmt die geneigten Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch die von den Barbaren der Neuzeit geplünderten Dörfer.

Wein aus Hollywood

Alessandro Baricco ist Italiener, kein Wunder, dass er nicht beim Theater anfängt, bei den Museen, den Orchestern – das wäre ein zutiefst deutsches Vorgehen. Er spricht über Wein und, na klar, über Fußball. Was ist alles den sprichwörtliche Bach heruntergegangen in den letzten Jahrzehnten: Kommerzialisierung der Ligen, Wein aus Hollywood (!). Die Barbaren, so Baricco, haben das Heilige vom Thron gestoßen. Ähnlich geht es mit unserer Kultur, Google gegen Bücher, um es auf den Punkt zu bringen. Baricco beschreibt, wie die Barbaren auf die Barrikaden gehen gegen eine romantisierende Verklärung der Vergangenheit.

Diese Entwicklung kann man beklagen. Aber man kann sie genauso gut als Chance sehen; wir leben in einer Übergangszeit, in Durchgangssystemen, in der sich eine neue Form der Zivilisation herauskristallisiert.

Vor allem muss man diese Phase als Herausforderung nehmen; nein, es gilt nicht, der Barbarei Tür und Tor zu öffnen und die geplünderten Dörfer aufzugeben. Aber es gilt, sie als Anfrage zu sehen, kulturwissenschaftlich und kulturpolitisch aktiv zu werden, bereit für Veränderung und bereit, das Gute behutsam zu bewahren. Die Mutation findet statt, aber wir sind nicht machtlos. Nur einmauern, das hilft nicht.

Das Fazit findet sich eigentlich schon nach siebzig Seiten: „Ein System lebt, wenn der Sinn überall und auf dynamische Weise anwesend ist. Wenn der Sinn auf einen Ort [und, wir wollen ergänzen, auf einen Zeitraum] beschränkt und unbeweglich ist, stirbt das System.“ So ist das mit den Barbaren. Sie sorgen für die notwendige Dynamik, die unsere Kultur braucht. Die Mutation findet statt, so oder so. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen.

Tarkowskis Film übrigens, wechselt in der Schlusssequenz, als alle Tartarenüberfälle vorbei sind, als alle Krisen durchlitten sind, vom Schwarzweißfilm zur Farbe. //

Martin Lätzel

Alessandro Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur.
Hoffmann und Campe: Hamburg 2018, 218 Seiten ISBN 978-3-455-40580-4
20 Euro.

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