Was macht Heimat aus – Herkunft, Landschaft, Sprache oder Gemeinschaft? Und wie kann sie offenbleiben für Menschen, die neu nach Schleswig-Holstein kommen? Darüber spricht die persisch-deutsche Lyrikerin und Kulturjournalistin Shima Kimia mit Peter Stoltenberg, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes. Ein Gespräch über Zugehörigkeit, Mitgestaltung, Traditionen und die Frage, was eine vielfältige Gesellschaft miteinander verbindet.

Herr Stoltenberg, welche Heimat tragen Sie in sich?
Natürlich trage ich die Heimat meiner Kindheit noch in mir. Obwohl ich mich als bodenständig empfinde, bin ich in meinem Leben mehrfach umgezogen. Dabei war ich immer neugierig auf das, was mich an einem neuen Ort erwartet.
Entscheidend ist für mich, dass man die Traditionen, Erfahrungen und Erinnerungen aus der eigenen Kindheit mitbringt und mit den Menschen teilt, mit denen man heute lebt. Aus diesem Austausch kann Heimat immer wieder neu entstehen.
Heimat ist für Sie also nicht unveränderlich?
Nein, natürlich nicht. Wenn Heimat immer nur die Heimat der Kindheit bliebe, hätte man sie im Grunde schon verloren. Das wäre traurig. Heimat muss sich verändern und weiterentwickeln können.
Gibt es ein Bild, ein Lied oder ein Gedicht, das Sie besonders mit Heimat verbinden?
Als Bild ist es für mich die ostholsteinische Landschaft. Sie habe ich gewissermaßen immer vor Augen. Auch in unserer Wohnung finden sich Bilder davon.
Bei einem Lied denke ich an „Kein schöner Land“. Damit bin ich aufgewachsen, und ich finde es bis heute schön, weil es eigentlich an viele Orte und zu vielen Gemeinschaften passt. Bei den Eltern eines Freundes wussten wir früher allerdings auch: Wenn dieses Lied angestimmt wurde, war die Feier vorbei.
Bei Ihrer Wiederwahl im Oktober 2024 sagten Sie, Sie hätten Ihre erste Amtszeit gebraucht, um die Vielseitigkeit des SHHB zu erfassen. Mit der gewonnenen Erfahrung wollten Sie anschließend gezielt Schwerpunkte setzen. Welche Schwerpunkte haben Sie seitdem gesetzt und wo sehen Sie weiterhin Handlungsbedarf?
Ein wesentlicher Schwerpunkt ist für mich die niederdeutsche Sprache. Sie hat meine Arbeit von Anfang an geprägt. Wir haben versucht, dafür unterschiedliche Medien zu nutzen – zunächst mit dem Plattradio und anschließend mit den Überlegungen zu einer niederdeutschen Medienplattform.
Stark vertreten sind bei uns außerdem die Trachten und der Volkstanz. Dieser Bereich ist zwar weitgehend in einem eigenen Verband organisiert, gehört aber zum großen Spektrum des Heimatbundes.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist Natur und Umwelt. Im Mittelpunkt stehen dabei Knicks und Alleen, aber auch ganz grundsätzlich die Entwicklung der Kulturlandschaft. Gerade an den Schnittstellen von Natur und Kultur zeigt sich, wie sehr Landschaft Heimat prägen kann. Mein Kollege im Präsidium, der frühere Landesnaturschutzbeauftragte Prof. Dr. Holger Gerth, kümmert sich gemeinsam mit unserer Fachreferentin mit großem Engagement um diesen Bereich.
Auch die Landesgeschichte halte ich für einen besonders wichtigen Teil unserer Arbeit. Dort könnten wir aus meiner Sicht allerdings noch stärker sein. Unsere personellen und finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt, und die zuständigen Mitarbeitenden übernehmen zugleich viele organisatorische Aufgaben.
Der SHHB beschäftigt sich mit sehr unterschiedlichen Bereichen: Sprache, Geschichte, Kultur, Natur, Jugend- und Bildungsarbeit. Was verbindet diese Aufgaben miteinander?
Das ist eine Frage, die uns immer wieder beschäftigt. Gerade jüngere Mitarbeitende fragen sehr grundsätzlich: Was bedeutet Heimat heute überhaupt? Und wofür soll ein Heimatbund stehen?
Zunächst dachte ich, vor allem der Begriff „Heimat“ sei schwierig. Inzwischen merke ich, dass auch das Wort „Bund“ Fragen aufwirft. Wir diskutieren deshalb regelmäßig über unser Selbstverständnis. Den Begriff Heimat wollen wir aber nicht aufgeben.
Ich erinnere mich noch gut daran, als ich das deutsche Wort „Heimat“ zum ersten Mal hörte. Es hat mich tief beeindruckt. Vielleicht hat gerade dieses Wort dazu beigetragen, dass ich mich hier beheimatet fühlen konnte. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Heimat sich gemeinsam mit einem Menschen entwickeln und neue Bedeutungen annehmen kann. Was ist für Sie das Wesentliche an diesem Begriff?
Für mich ist es vor allem das Gefühl, dazuzugehören. Dieses Gefühl muss nicht allein an einen Ort gebunden sein. Es kann durch Sprache entstehen, durch Musik, durch eine Gemeinschaft oder durch die Menschen, mit denen man lebt.
Wichtig ist dabei, dass man selbst etwas zu dieser Gemeinschaft beitragen kann und auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Der Heimatbegriff wird aber auch kritisch gesehen. Kann Heimat heute noch als gesellschaftliches Konzept funktionieren?
Ich denke schon – wenn wir Heimat als Gestaltungsraum verstehen. Sie ist dann nichts Abgeschlossenes, das bereits fertig vorhanden ist. Sie ist etwas, das wir gemeinsam mit den Menschen um uns herum formen können, müssen und dürfen.
Dafür braucht es demokratische Voraussetzungen. Menschen müssen angenommen und wertgeschätzt werden. Sie müssen die Möglichkeit haben, sich einzubringen und mitzugestalten. Deshalb gehören Demokratieförderung und Heimat für mich unmittelbar zusammen.
Um sich wirklich beheimatet fühlen zu können, braucht man also nicht nur einen Ort, sondern auch Anerkennung und Beteiligung?
Ja. Ein Zuhause und Heimat sind zwar nicht genau dasselbe, aber das eine gehört vermutlich zum anderen. Um sich wirklich beheimatet fühlen zu können, braucht man einen Ort und eine Gemeinschaft, in denen man sich sicher und zugehörig fühlt.
Dazu gehört auch, mitgestalten zu dürfen und gemeinsam Erinnerungen zu schaffen.
Wer gestaltet Heimat heute in Schleswig-Holstein?
Im Heimatbund geschieht das vor allem durch die Mitgliedsvereine vor Ort, also durch Kreis-, Landschafts- und Ortsverbände. Dort findet ein großer Teil des ehrenamtlichen Engagements statt.
Heimat entsteht in Vereinen, Chören, Sportgruppen, Verbänden und vielen anderen Gemeinschaften, auch in der Kommunalpolitik. Heimat spielt sich vor Ort ab. Man kann sich in Schleswig-Holstein oder auch in Europa beheimatet fühlen – aber vor Ort braucht man neben sich Menschen, damit dieses Gefühl tatsächlich entstehen kann.

In der Satzung des SHHB ist von der „Bewahrung und Entwicklung schleswig-holsteinischer Kultur“ die Rede. Wie können Traditionen erhalten und zugleich so weiterentwickelt werden, dass Heimat offenbleibt und niemanden ausschließt?
Traditionen dürfen nicht einfach nur aufbewahrt werden. Man muss sie immer wieder in die Öffentlichkeit tragen und fragen: Was erzählen sie uns? Welche Bedeutung haben sie heute noch? Können wir aus ihnen etwas für unsere gegenwärtige Gesellschaft lernen?
Es geht darum, kulturelle und geschichtliche Schätze zu bewahren, sie aber zugleich mit der heutigen Wirklichkeit zu spiegeln.
Wie können sich Menschen beteiligen, die neu nach Schleswig-Holstein gekommen sind und sich hier beheimaten möchten?
Indem wir einander zuhören, sie von ihren Traditionen erzählen und wir von unseren, wie sie entstanden sind, was sie bedeuten und welche Geschichte sie vermitteln. Anschließend müssen wir gemeinsam fragen, was sie uns heute noch sagen können.
Ein Beispiel sind die Heimatstuben mit Sammlungen von Menschen, die infolge von Flucht ihre frühere Heimat verlassen mussten. Diese Sammlungen zeigen, dass Heimat verloren gehen kann. Zugleich erzählen sie davon, wie Menschen versucht haben, an einem neuen Ort wieder Heimat zu finden.
Das ist ein ambivalentes Thema. Aber es macht deutlich, dass Menschen nach Heimat suchen und dass Beheimatung auch nach einem Verlust wieder möglich sein kann.
Darin liegt etwas sehr Menschliches: Menschen können Heimat verlieren, suchen nach ihr und geben die Hoffnung nicht auf.
Ja. Daraus folgt auch eine Verantwortung. Wir müssen bereit sein, unseren Mitmenschen Heimat zu ermöglichen.
Heimat ist kein Besitz, den einige für sich beanspruchen können. Sie entsteht im Geben und Nehmen.
Wenn Heimat durch Zugehörigkeit, Begegnung und Mitgestaltung entsteht, dann ist die kommende HeimatVielfaltWoche gewissermaßen der Versuch, dieses Verständnis im ganzen Land sichtbar zu machen. Was möchte der SHHB mit der Woche erreichen?
Die HeimatVielfaltWoche ist aus dem „Tag der Schleswig-Holsteiner Lüüd“ hervorgegangen, den wir mehrfach im Freilichtmuseum Molfsee veranstaltet haben. Das war eine schöne zentrale Veranstaltung. Wir haben aber gemerkt, dass dieses Format für unsere Mitgliedsvereine vor Ort nicht immer die beste Grundlage bot.
Mit der HeimatVielfaltWoche möchten wir ihnen nun die Möglichkeit geben, ihre Arbeit dort sichtbar zu machen, wo sie tatsächlich stattfindet: in den Städten, Gemeinden und Regionen Schleswig-Holsteins. Die Vereine können zeigen, was sie tun und welche unterschiedlichen Facetten von Heimat es in diesem Land gibt.
Die Woche steht unter dem Motto „Heimat ist bunt“. Was bedeutet dieser Satz für Sie?
Schleswig-Holstein ist vielfältig – durch seine Minderheiten, seine unterschiedlichen Sprachen, seine Regionen und durch die Menschen, die hierhergezogen sind. An dieser Vielfalt kommt man nicht vorbei. Sie ist längst Realität.
Mit der HeimatVielfaltWoche wollen wir dieses bunte Land sichtbar machen. Die Vielfalt soll nicht nur behauptet, sondern vor Ort erlebbar werden.
Richtet sich die HeimatVielfaltWoche bereits an die gesamte Vielfalt der Gesellschaft?
Das ist eine offene Frage. Die Aufrufe richteten sich zunächst vor allem an unsere Mitgliedsvereine. Es gibt beispielsweise eine Veranstaltung zur Religionsvielfalt, bei der eine Moschee besucht wird. Aber ob wir bereits alle Gruppen erreichen, etwa ukrainische oder andere migrantische Organisationen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.
Wir bewegen uns teilweise noch in unseren vertrauten Strukturen. Gerade deshalb ist es spannend zu sehen, ob wir mit der HeimatVielfaltWoche auch Menschen außerhalb unserer bisherigen Kreise erreichen.
Ich hoffe, dass unsere Mitgliedsvereine erkennen: Wenn wir uns öffnen, begegnen wir Menschen, die wir vorher vielleicht gar nicht wahrgenommen haben.
„Heimat ist bunt“ ist ein weitreichender Anspruch. Bildet der Heimatbund diese Vielfalt in seinen eigenen Strukturen schon ab?
Der SHHB hat keine Einzelpersonen, sondern Verbände und Organisationen als Mitglieder. Dazu gehören unterschiedliche Traditions-, Geschichts-, Heimat- und Kulturvereine. Aber ob diese Zusammensetzung bereits die ganze Vielfalt Schleswig-Holsteins abbildet, ist eine berechtigte Frage.
Für uns wird wichtig sein, nicht nur innerhalb unserer bisherigen Strukturen zu bleiben, sondern neue Verbindungen aufzubauen.
Auf der Website des Jugendverbandes fallen besonders die Themen Partizipation, Demokratie, Bildung und Natur auf. Welche Rolle spielt die Jugendarbeit im Heimatbund?
Unser Jugendverband erreicht mit seinen Angeboten viele junge Menschen, etwa durch Freizeiten, Naturprojekte und Bildungsangebote. Das funktioniert sehr gut.
Die Herausforderung besteht darin, den Übergang in den Erwachsenenverband zu schaffen. Häufig entsteht dort ein Bruch. Gleichzeitig beobachten wir, dass viele Menschen sich später im Leben wieder stärker für Heimat, Geschichte und die eigene Familiengeschichte interessieren.
Die HeimatVielfaltWoche dauert zehn Tage. Was sollte über den 13. September hinaus von ihr bleiben?
Ich hoffe zunächst auf die Erfahrung, dass sich Menschen für die Arbeit der Vereine interessieren, wenn diese sich an eine breitere Öffentlichkeit wenden.
Zugleich kann die Woche der Selbstvergewisserung dienen: Was machen wir eigentlich? Wen erreichen wir damit? Was wollen wir verändern? Und was können wir anders oder besser machen?
Auch der Heimatbund selbst wird daraus lernen. Wir werden sehen, was funktioniert hat und was wir bei einer nächsten Ausgabe anders gestalten müssen. Denn die HeimatVielfaltWoche soll möglichst keine einmalige Aktion bleiben.
Welche zentrale Frage beschäftigt Sie derzeit als Präsident des Heimatbundes?
Mich beschäftigt, wo bei aller Vielfalt der gemeinsame Kern liegt. Die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe, die verschiedenen Verbände, Landsmannschaften und Trachtengruppen haben jeweils ihre eigene Geschichte und ihre eigene Arbeit. Diese Eigenständigkeit soll erhalten bleiben.
Die Frage ist aber: Wo kommen wir zusammen? Was verbindet uns, ohne dass Unterschiede eingeebnet werden?
Menschen möchten ihre kulturelle Eigenheit bewahren und nicht in etwas Einheitliches eingegliedert werden. Das ist verständlich und wichtig. Umso spannender finde ich die Aufgabe, in aller Vielfalt dennoch das Gemeinsame herauszuarbeiten.
Gerade für jemanden wie mich, der nach Schleswig-Holstein gekommen ist und sich hier beheimatet fühlt, kann der Heimatbund zunächst wie ein gemeinsames Dach erscheinen. Die kulturellen und geschichtlichen Schätze dieses Landes gehören auch für mich zu dem, was ich kennenlernen, wertschätzen und mitgestalten möchte. Meine persische Herkunft steht dazu nicht im Widerspruch – sie erweitert meinen Blick auf die neue Heimat.
Vielleicht liegt das Gemeinsame nicht darin, Unterschiede aufzulösen. Vielleicht entsteht es dort, wo die dänische und die friesische Minderheit, Menschen mit Migrationsgeschichte und andere Gemeinschaften ihre eigenen Erfahrungen einbringen können und darin etwas Verbindendes sichtbar wird.
Genau das ist die spannende Aufgabe: in aller Vielfalt das Gemeinsame zu finden, ohne die Eigenheiten der einzelnen Gemeinschaften aufzulösen.
Herr Stoltenberg, vielen Dank für das offene und anregende Gespräch.
