Sonntag, 3. Juli 2022

Von Sandburgen und Bettenburgen

ThemaVon Sandburgen und Bettenburgen

In den 1960er und 1970er Jahren wurden die grundlegenden Strukturen für den modernen Tourismus in Schleswig-Holstein geschaffen. Was sich veränderte, erklärt Dr. Thorsten Harbeke.

Trotz Pandemie zählte Schleswig-Holstein im Jahr 2021 über 32 Millionen Übernachtungen im Fremdenverkehr. 2019, im letzten Jahr vor der Pandemie, waren es noch knapp 36 Millionen gewesen. Das Geschäft mit dem Tourismus ist also ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
In seiner Grundstruktur hat sich der Fremdenverkehr im nördlichsten Bundesland seit dem Zweiten Weltkrieg stark verändert, am stärksten sicherlich in den 1960er und 1970er Jahren, die deshalb in diesem Text im Mittelpunkt stehen. Über 30 Millionen offiziell gezählte Übernachtungen zeigen letztlich aber nur eine Tendenz. Das liegt daran, dass die Statistik nur Übernachtungen in Betrieben mit mehr als zehn Betten erfasst. In Schleswig-Holstein spielte aber seit jeher die Privatvermietung eine große Rolle und diese findet eben unterhalb der statistischen Erfassung statt; heute kommt außerdem noch das Phänomen AirBnB hinzu, das nicht ganz deckungsgleich ist. Gleichzeitig ist die Fremdenverkehrsstatistik auch regelmäßig Veränderungen unterworfen, was einen langfristigen Vergleich erschwert. Und zumindest für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kann gesagt werden: Kaum irgendwo wurde derart geschummelt wie bei der Meldung von Fremdenübernachtungen.
Wo sich im Sommer Hunderttausende am Strand tummeln, da herrscht in den Wintermonaten oftmals gähnende Leere. Zwar hat das für einige Reisende durchaus einen eigenen Charme, die Übernachtungszahlen im Winterhalbjahr waren aber schon immer das Sorgenkind nicht nur der Touristiker, sondern auch der Fremdenverkehrsgemeinden insgesamt. Die in der kalten Jahreszeit nicht oder nur wenig genutzte Infrastruktur ist teuer. Leerstehende Schwimmhallen, für die Wohnbevölkerung viel zu groß dimensioniert, die Erhaltung von Straßen und Versorgungsleitungen, all das kostet Geld, das vor allem in den Sommermonaten erwirtschaftet werden muss. Und viele Freizeiteinrichtungen gibt es vor allem deshalb, weil auch im Sommer hier nicht immer die Sonne scheint.

Lesen Sie den Artikel kostenfrei im Original-Layout oder im Rahmen unseres Online-Abos

Thorsten Harbeke

Weiterführende Literatur:

Thorsten Harbeke: Tourismus zwischen den Meeren. Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980. Baden-Baden 2018.

Catrin Homp: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg. Anforderungen an eine Tourismuspolitik zur Revitalisierung des touristischen Angebots. Dissertation Uni Kiel 2009.

Cord Pagenstecher: Der bundesdeutsche Tourismus. Ansätze zu einer Visual History: Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben, 1950-1990. 2., korrigierte und aktualisierte Auflage. Hamburg 2012.

Weitere Artikel

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn die Menschheit schon immer sehr mobil gewesen ist, scheint der temporäre Ortswechsel „zum Vergnügen“ ein recht junges Phänomen zu sein. Einer der frühesten Belege für die Übernahme des englischen Begriffes tourist ins Deutsche findet...

17 Ziele, die unsere Welt verändern

Die 17 Nachhaltigkeitsziele wurden 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Bis 2030 sollen sie erreicht werden. In Deutschland unterstützen die Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN) Akteure, Unternehmen und Institutionen auf dem Weg dorthin.

Vom Reisen zum Tourismus. Ein historischer Rückblick

Zum Vergnügen irgendwohin reisen? Bis vor gar nicht allzu langer Zeit machten das bloß „seltene Narren“. Erst mit dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert begann der Aufschwung des organisierten Tourismus. Und mit ihm seine Gegenbewegungen in Frühformen von Slow Tourism und Micro-Adventures

Artikel aus den letzten Ausgaben

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn die Menschheit schon immer sehr mobil gewesen ist, scheint der temporäre Ortswechsel „zum Vergnügen“...

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, diese Ausgabe ist geprägt von Verbindungslinien – räumlich, thematisch oder auch mal assoziativ. Die deutlichste...

Anna Ancher – eine große Entdeckung!

Die dänische Malerin Anna Ancher (1859–1935) ist in Deutschland noch relativ unbekannt, in Dänemark hingegen hat sie fast Kultstatus....

Literarische Begegnungen quer durchs Land

Projektleiter Heinrich Wolf über die Lesereise Schleswig-Holstein, die mit 97 Veranstaltungen im Sommer 2021 maßgeblich zum Kultur-Neustart im Land beigetragen hat

Köpfe der Kunst

Seit mehr als 40 Jahren ist ihr Fotoatelier in Kiel die Adresse für Künstlerinnen und Künstler im Land. Für ein Ausstellungsprojekt hat Ute Boeters ihr Archiv gesichtet.

Kulturpolitischer Wunschzettel

Kultureinrichtungen sind Teil der Daseinsvorsorge. Dieses Verständnis muss wachsen, wenn wir gemeinsam die digitale Transformation, Nachhaltigkeit, Vielfalt, gute Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern, Diskurs und Zusammenhalt sowie Reflexion gestalten wollen.

Die Kulturzeitschrift abonnieren

Meistgelesen

Mahlzeit, Erstmal, Moin. Grüße in Nordfriesland und anderswo

Jeder kennt „Mahlzeit“ und „Moin“ als Gruß – zumindest in Norddeutschland; die Verabschiedung „Erstmal“ ist schon südlich von Eider und Nord-Ostsee-Kanal seltener. Wo kommen diese Grußformeln her und wie werden sie gebraucht? LANDRAT in...

Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen bereichern die Theaterszene nicht nur in Kiel und im Land. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Die gängigsten Spechtarten in Schleswig-Holstein

Diese Spechtarten können Sie in den Wäldern Schleswig-Holsteins entdecken

Tanne – Abies

Welf-Gerrit Otto betrachtet die Tanne im Spiegel von Mythologie und Volksglaube - und zeigt, wie die Wildpflanze in der Küche verwendung finden kann ...

Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Der Begriff "Heimat", wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Nachgelesen: Das bewegte Leben der Lotti Huber

Lotti Huber war eine Künstlerin. Sie war eine Lebenskünstlerin. In einschlägigen Artikeln wird sie als Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und avantgardistische Künstlerin bezeichnet. Übersetzerin und Schriftstellerin war sie auch. Martin Lätzel über das bewegte Leben der gebürtigen Kielerin.

(Un)bekannte Moderne: Die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra in Quickborn

Die Architektur-wissenschaftler Barbara von Campe, Eva von Engelberg-Dockal und Johannes Warda sprechen über die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra und die Moderne im Allgemeinen

Wie Theodor Fontane mit einem Wortspiel einen Kriegshelden erschuf

Der Pionier Carl Klinke wurde nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 zum Kriegsheld stilisiert. Eine wichtige Rolle dabei spielte Theodor Fontane ...
X
X
X