Am 31. Mai 2026 wäre er 100 Jahre alt geworden. James Krüss. Sohn des Elektrikers Ludwig Krüss und der Helgoländer Hummerfischertochter Margareta Friedrichs. Aufgewachsen ist er auf Deutschlands einziger Hochseeinsel. James Krüss, der Insulaner und Weltbürger. Der Schreiber von Romanen, Erzählungen, Theaterstücken, Hörspielen und immer, immer wieder von Gedichten.
1956 erscheint sein erstes Kinderbuch Der Leuchtturm auf den Hummerklippen. Zahlreiche weitere Bücher folgen. Mein Urgroßvater und ich beispielsweise, für das er 1960 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis geehrt wird, Sängerkrieg der Heidehasen und Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen. 1968 wird er mit der Internationalen Christian-Andersen-Medaille, dem sogenannten „Kleinen Nobelpreis“, ausgezeichnet. 1997 ist James Krüss auf Gran Canaria, seiner langjährigen Wahlheimat, gestorben.
Zahlreiche Schulen sind nach ihm benannt. Im Münchener Schloss Blutenburg, dem Sitz der Internationalen Jugendbibliothek, gibt es den James-Krüss-Turm, ein Autoren-Museum, das an ihn und sein Werk erinnert. Und in den Hummerbuden auf Helgoland wurde 2007 – anlässlich seines zehnten Todestages – ebenfalls ein kleines James-Krüss-Museum eröffnet.
Dass im Mai 2025 sieben Helgas das Ober- und das Unterland der Insel erkunden würden, gut vier Tage lang, und sich mit dem dichterischen Werk von James Krüss auseinandersetzen würden, das konnte Uwe-Michael Gutzschhahn, der Dichterfreund aus München, im November 2023 nicht ahnen, geschweige denn erwarten. Aber er hatte diese wunderbare Idee! Dachte schon vor Jahren an den Hundertsten von Meister James und über einen Dichterwettstreit auf Helgoland nach. Formulierte schließlich ein Exposé und präsentierte selbiges im Rahmen jener Konferenz, die sich mit den verschiedensten Krüss-Aktivitäten beschäftigte, welche anlässlich des 100. Geburtstages des Dichters angedacht und vorstellbar waren. Ich blättere in seinem Exposé und lese:
Ein Wettstreit unter seinen „Dichterenkeln und -enkelinnen“ (…) soll in ein besonderes Buch münden, das auf Gedichte von Krüss Bezug nimmt und gleichzeitig mit neuen Versen in den Dichterwettstreit eintritt. Wie dichten Autoren heute für Kinder? Wie viel Sprachspiel prägt das moderne Kindergedicht und wie steht es zu den hundertfachen klugen Sprachspielereien von Krüss?
Ein Dichterwettstreit auf Helgoland! Und in der Folge ein Buch! Diese Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Zunächst im Rahmen der Krüss-Konferenz. Und schließlich auch bei uns Dichterenkeln und -enkelinnen. Uwe-Michael schrieb mir am 5. Mai 2024:
James Krüss (…) hat in seinem Roman aus den 1950er Jahren, „Mein Urgroßvater und ich“, einen Dichterwettstreit zwischen dem alten Fischer und seinem Urenkel Boy beschrieben. In dem Buch finden sich viele der bekanntesten Krüss-Gedichte überhaupt. (…) Krüss wäre 2026 hundert Jahre alt geworden und das ist Anlass, sich in unterschiedlichster Weise neu mit dem Helgoländer Dichter auseinanderzusetzen. (…) Wir wollen fragen, wo uns Krüss heute noch als Dichter etwas zu sagen hat, und an Ideen und Konzepten von ihm selbstbewusst ausprobieren, wie wir heute im modernen Kindergedicht damit umgehen würden. (…) Weil die Termine festgezurrt werden müssen, ehe wir alles andere besprechen, bitte ich dich, mir schnellstmöglich zu schreiben, ob du dabei bist.
Ich musste nicht lange überlegen. Zumal – neben Uwe-Michael und mir – mit Michael Augustin (Bremen), Mona Harry (Kiel), Nils Mohl (Hamburg), Lena Raubaum (Wien) und Arne Rautenberg (Kiel) wunderbare und vielfach ausgezeichnete Kolleg*innen dabei sein würden. Eine gute Mischung! Manche spazieren bereits seit längerer Zeit auf unserem Planeten herum. Andere schauen noch mit jüngeren Augen in die Welt. Alle jedoch haben einen sehr eigenen Zugang zum Werk von Krüss, vom Spoken-Word-Langgedicht bis zum lakonisch pointierten Kurzvers. Das, so schrieb Uwe-Michael, lässt auf gute Gespräche hoffen, die sich am Urgroßvater Krüss reiben.
Schon bald liefen die Vorbereitungen an. Im September 2024 überließ die Krüss-Erbengemeinschaft uns sieben Dichter*innen jeweils ein Exemplar von Mein Urgroßvater und ich. Und wenige Wochen später fanden wir eine umfangreiche Informations- und Materialsammlung im Postkasten, die Uwe-Michael zusammengestellt hatte. Eine kunterbunte Auswahl der Nonsenstexte des Meisters, seiner Sprachspielereien, seiner Tiergedichte sowie seiner lautmalerischen und ABC-Gedichte. Zum Lesen. Zum immer wieder Lesen. Und als Inspiration für eigene Texte, die auf Gedichte von James Krüss reagieren. Im Januar 2025 wurden im Rahmen einer Videokonferenz die letzten Details unseres Inselaufenthalts geklärt. Mit dabei waren Simone Arnhold (Leiterin Museum Helgoland), Karen Simon (Nichte von James Krüss, Vorsitzende des Fördervereins Museum Helgoland e.V.) und Ulrike Schuldes (Erbengemeinschaft James Krüss). Und dann war es endlich soweit. Am 11. Mai 2025.
Sonntag. Die Uhr zeigt 9:30 Uhr. Die MS Funny Girl verlässt Büsum, nimmt Kurs auf Helgoland. Mit an Bord sind Uwe-Michael Gutzschhahn, Mona Harry, Arne Rautenberg und ich. Am Himmel glüht der Sonnenball. Es weht kein Wind, kein Lüftchen. Die See ist glatt. Himmelsblau und Wolkenweiß spiegeln sich im Meer. Nach gut zwei Stunden kommen die Hummerklippen in Sicht. Und um etwa 12:00 Uhr macht das Schiff im Südhafen fest. Am Abend treffen wir endlich auch Michael Augustin, Nils Mohl und Lena Raubaum. Die drei sind mit dem Katamaran Halunder Jet von Hamburg über die glatte See geschippert. Wir genießen unseren ersten Inselabend. Sind eingeladen. Vor dem Museum Helgoland haben die Insulaner ein Begrüßungsfest für uns Dichter*innen organisiert. Es wird gegrillt. Es gibt zu trinken. Und jede Menge zu erzählen. Viel zu früh versinkt der rote Sonnenball im Meer.
Dreieinhalb wunderbare Tage liegen vor uns. Wir treffen uns regelmäßig in unserer Hummerbude am Binnenhafen. Meistens am Vormittag. Der Förderverein Museum Helgoland e.V. hat uns diesen besonderen Tagungsort zur Verfügung gestellt. Es gibt Tische, Stühle, eine kleine Küchenzeile, den Blick auf den Hafen und jede Menge Platz für Gedanken und Gespräche. Wir schauen zur Einstimmung einige Sequenzen des Dokumentarfilms „James Krüss oder Die Suche nach den glücklichen Inseln“ von Martina Fluck. Und wir lesen unsere Lieblingsgedichte des Meisters. Sprechen über die Texte. Ich zum Beispiel liebe das Lied der Krebsesser von den bachkrontischen Inseln und die anderen Polulangrischen Lieder, jene lautmalerischen Verse voller Sprachwitz und Ironie. Knrps rps wrps, so heißt es bei Krüss. Und Chrks rks wrks. Da hört man die Schale der Krebse beim Lesen förmlich knacken. Auch sein Gedicht Das Feuer mag ich sehr. Da spielt er virtuos mit Verben: Hörst du, wie die Flammen flüstern, / knicken, knacken, krachen, flüstern, / wie das Feuer rauscht und saust, / brodelt, brutzelt, brennt und braust? Andere schätzen Der Zauberer Korinthe, Wenn die Möpse Schnäpse trinken, Von Dideldum nach Butzlabee oder eines seiner zahlreichen ABC-Gedichte. Manches, da sind wir uns einig, würden wir heute kürzer fassen. Anders formulieren. Die Sprache hat sich gewandelt im Lauf der Zeit. Kein Wunder. Auch die Welt war eine andere, vor fünfzig, sechzig oder siebzig Jahren.
Schon Wochen vor unserem Treffen haben wir uns mit dem Werk von Meister James beschäftigt und an eigenen Texten gearbeitet. Schließlich wussten wir, dass ein Buch geplant ist. Mit unseren Gedichten! Und die sind nicht – ruck, zuck – in drei, vier Tagen geschrieben. Auf der Insel haben wir uns gegenseitig vorgelesen, haben diese ersten Fassungen behutsam kritisiert, haben Zeilen gestrichen oder ergänzt und gemeinsam nach Worten oder einem anderen Rhythmus gesucht. Es war ein wunderbarer Austausch. Ehrlich. Inspirierend. Manche blieben nah an den Texten von Krüss, andere haben sich gedanklich schon mal auf den Hummerklippen umgeschaut.
Unsere Gedichte! In denen wird hemmungslos und lustvoll mit Sprache gespielt. Schlunder und Folle tauchen auf, Dakrele und Morsch, Sporade und Drotte. Auch ein wolkenloser Regenhimmel und stilles Glockengebimmel. Da wird ein Loblied für all die feuchten Freunde gesungen, und die Stadtmusikanten aus Bremen musizieren mit vier Inseltieren. Die Uhr einer Uhrgroßmutter weiß, wann’s Zeit ist für Gedichte, ziemlich oft natürlich, ziemlich oft. Und legoland baut helgoland, oberland und unterland. Ein Käpt’n fliegt mit seiner Lummenschar nach Gibraltar, und zwei Deppen wollen das felsige Eiland nach Süden schleppen, per Ruderboot. Da wird das Land der tausend Wellen beschrieben, und die Fische heißen Flossenfritz und Kiemenwicht und Schuppenwitz. Da klappert das Seepferd mit den Hufen, der Rochenkoch bringt Tee, und den Leuchtturm auf den Hummerklippen sieht man derweil im Schlummer wippen. Käpt’n Krabbe und seine Crew tauchen auf und fangen an zu dichten, mit dem Inselpinsel wird gemalt, grüngelborangerotblauviolett, und eine untergegangene Sonne wird zum Trocknen aufgehängt. Da tuscheln die Muscheln, eine Welle wird seekrank und kotzt ins Meer. Und das ist so zerzaust, weil’s seinen Wellenkamm nicht finden kann. Da gibt es seltsame Inseltiere: Seeschäferhunde, Kegelbahnrobben und Seesternschnuppen. Auch eine sprossenlose Leiter. Und so weiter und so weiter. Die Krüss’sche Lyrik wird lustvoll auseinandergenommen. Und die Insel, sie beginnt zu leben. Auch in unseren Gedichten. Einige Beispiele:
Michael Augustin hat es – so scheint mir – überaus gut auf Deutschlands einziger Hochseeinsel gefallen. Der morgendliche Blick aus dem Fenster nach einer offensichtlich viel zu kurzen Nacht hat ihn folgende Zeilen schreiben lassen.
Wenn früh am Tag
Wenn früh am Tag der Rollmops bellt
ein Möwenei vom Himmel fällt
Wenn auf dem Kliff die dicken Lummen
fröhlich ihre Lieder summen
(…)
ist’s nirgends schöner auf der Welt.
Wohl wahr, füge ich hinzu. Wohl wahr!
Und Arne Rautenberg, der Kieler Dichterfreund, der souverän mit allen Formen der Lyrik spielt und auch als Bildender Künstler tätig ist, hat dem Namen der Insel kurzerhand das o geraubt und durch ein a ersetzt. Seitdem heißt Helgoland helgaland. Zumindest für sieben Dichter*innen, die ein paar Tage auf den Hummerklippen zu Gast waren.
in helgaland
in helgaland heißen alle helga
guten morgen helga!
guten morgen helga!
und helga macht helga mit helga bekannt
und helga gibt helga geld in die hand
und helga bringt helga eine tasse kaffee
und helga zeigt helga den himmel voll schnee
guten tag helga!
guten tag helga!
(…)
Nun ja, und seitdem spazieren sieben Helgas übers grüne Gras der Insel, über den weißen Sand und die roten Felsen. Und überhaupt durchs Leben. Ehrlich. Wir nennen uns nämlich alle Helga. Nicht Lena oder Mona, nicht Arne, Nils, nicht Michael. Auch nicht Manfred. „Liebe Helga“, las ich zum Beispiel Monate später auf einer Postkarte, „ich wünsche dir fantastische Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr! Mögen die Hummerscheren stets nach Norden zeigen. Liebe Grüße und bis bald – Helga“. Dass diese Helga auch unter dem Namen Mona bekannt ist, verrate ich natürlich nicht.
Ich bin dankbar für diese Tage auf den Hummerklippen. Dafür, dass ich mit sechs wunderbaren Kolleg*innen an diesem besonderen Projekt arbeiten durfte. Dass wir uns austauschen konnten, miteinander dichten und feiern. Abend für Abend nämlich – wenn die Restaurants der Insel längst geschlossen waren – haben wir den Tag in unserer Hummerbude ausklingen lassen. Dort, wo wir tagsüber an Texten gefeilt haben, wo über den Aufbau des Buches geredet und um den richtigen Titel gerungen wurde, dort wurden nach Sonnenuntergang all die großen und kleinen Themen besprochen, die hinterm Horizont verborgen waren.
Ein großer Dank gebührt Uwe-Michael Gutzschhahn, dem „Vater“ dieses Projekts. Auch der Krüss-Erbengemeinschaft, dem Museum Helgoland und dem Freundeskreis des Museums für die herzliche Gastfreundschaft und Unterstützung. Herzlichen Dank auch dafür, dass einige Helgas ihre Partner*innen mitbringen durften. Und großartig ist es, dass der Atrium Verlag im Krüss-Jubiläumsjahr 2026 unsere Gedi, Geda, Gedichte – Reimlichkeiten für Klein und Groß in die Welt bringt. Mit herrlich komischen Illustrationen von Henrike Wilson.

Und sonst? Was muss noch erwähnt werden? Dass uns der ehemalige Inselpastor Albrecht Simon, genannt Ali, humorvoll und kenntnisreich übers Oberland und durch die Bunkeranlagen geführt hat? Dass Lena und Nils einen Workshop mit Schüler*innen gestaltet haben, deren Ergebnisse im Rahmen einer Lesung präsentiert wurden? Dass wir sieben am Abend vor der Abreise eine Auswahl unserer Gedichte vor Erwachsenen im Museum Helgoland gelesen haben? Dass der Abend gut besucht war und weitere Stühle herbeigeschafft werden mussten? Dass Ali auch mal Pastor auf Gran Canaria war und dort James Krüss kennengelernt hat? Dass er seit Jahren schon mit Karen, einer Nichte von Meister James, verheiratet ist? Dass schließlich der Tag des Abschieds kam? Dass wir an diesem Tag mit Fischbrötchen vor unserer Hummerbude hockten und auf den großen Dichter anstießen? Und auf uns? Dass die MS Funny Girl uns am Nachmittag zurück nach Büsum brachte? Dass Uwe-Michael München verlassen hat und mittlerweile in Cuxhaven zu Hause ist?
Ihr lieben Helgas, schrieb Uwe-Michael am 13. Dezember 2025, Maria Sievert vom Atrium Verlag hat mir das komplette, inzwischen durchillustrierte und weitgehend montierte (…) Buch als Fahne geschickt. Es sieht wunderbar aus, finde ich.
Finde ich auch. Unsere sieben mal acht Gedichte machen sich gut zwischen zwei Buchdeckeln. Natürlich konnten nicht alle Texte Platz finden. Auch das folgende Gedicht ist nicht dabei. Ich möchte es dennoch an den Schluss meiner Erinnerung an die lyrisch-krüssigen Tage auf Deutschlands einziger Hochseeinsel stellen.
Auf dem Dichterfelsen
Die Lena Rau
die Rau die baum aus Wien
die ließ hier wilde Verse blühn
Aus Hamburg kam
nanu nana Nils Mohl
und reimte James zum Wohl
Man sah den lieben Augustin
den Michael aus Bremen
hier wundersame Verse zähmen
Auch Harry hurra
die Mona die nicht Lisa heißt
ist mit Gedichten angereist
Und Arne R der Rautenberg
der Lyrikus aus Kiel
spielte hier sein Dichterspiel
Aus Di aus Dith aus marschen
kam Man der fred samt Schlüter
der Deich-Poet und Verse-Brüter
Schließlich noch ein Michael
der Gutzsch der hahn aus Bayern
er hat sie alle hergelockt
um zu dichten und zu feiern
den hundertsten von Meister Krüss
Trari trara und tschüs
