Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen der Schule für Schauspiel in Kiel bereichern die Theaterszene über die Landesgrenzen hinaus. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Was braucht ein (angehender) Schauspieler / eine Schauspielerin? Ein gutes Gedächtnis, um längere Texte behalten und memorieren zu können? Ja, auch; eine solche Begabung wäre zumindest ganz nützlich. Aber viel wichtiger ist etwas anderes. Ein Schauspieler spielt eine Figur, er oder sie ist für eine gewisse Zeit diese/r Andere. An dieser ‚Verwandlung‘ sind nicht nur Kopf, Hirn und Stimme beteiligt, sondern der ganze Körper – Gestik, Mimik, Verhalten, Denken und Bewegung.

Messer in Hennen - Schule für Schauspiel Kiel. Fenja Techow (Frau), Corbin Broders (Pflüger). Foto: Kristof Warda
Fenja Techow und Corbin Broders, Absolventen der Schule für Schauspiel Kiel, in der Schul-Produktion des Stückes „Messer in Hennen“ von David Harrower. Regie: Matisek Brokhues

Die Fähigkeit, einen anderen Menschen zu spielen, sich in ihn oder sie zu verwandeln, ist (in der Regel) nicht angeboren, Naturbegabungen sind jedenfalls eher selten. Aber sie kann erworben bzw. erlernt (und gelehrt) werden – in einer entsprechenden Ausbildungseinrichtung oder durch ‚learning by doing‘.

Im deutschsprachigen Raum gibt es dafür eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Institutionen, darunter etwa 20 Hochschulen in öffentlicher Trägerschaft, eine Reihe von Berufsfachschulen, die z.T. als solche staatlich anerkannt oder unabhängig betrieben werden und diverse Weiterbildungseinrichtungen. Jährlich verlassen etwa 150 Absolventen die öffentlichen Schauspielschulen mit der (staatlichen) Abschlussprüfung und weitere 70-80 die privaten mit der sog. Bühnenreifeprüfung, die im Fall der SfS vor einer externen Prüfungskommission abgelegt wird. Die Arbeitsmarktsituation für geprüfte Schauspielerinnen und Schauspieler ist nicht eben günstig: es gibt mehr Bewerber*innen als Vakanzen. Auch ein Engagement nach erfolgreichem Abschluss bietet keine Gewähr für eine auf Dauer gesicherte Berufsperspektive.

Das Konzept

Die „Schule für Schauspiel in der Landeshauptstadt Kiel“ (SfS) ist die einzige öffentlich und institutionell geförderte professionelle Ergänzungsschule für Schauspiel und Medien in Schleswig-Holstein. Sie bildet ordnungsgemäß für den Schauspielerberuf aus und ist zur Förderung nach dem BAföG berechtigt.

Sie besteht seit 1985 und hat seither etwa 60 Studierende nach bestandener Prüfung in die Praxis entlassen. Dieser Schritt führt durchaus nicht zwangsläufig zum Theater und das ist für manche, die sich für diese Ausbildung entscheiden, auch gar nicht das primäre berufliche Ziel. Rollen bei Film-, Fernseh- oder Internet-Produktionen und professionelle Lesungen (etwa auf dem expandierenden Markt der Hörbücher) sind auch Teil des potentiellen Berufsfelds. Entsprechend vielseitig, aber auch anspruchsvoll sind die Ausbildungsangebote der Schule und die Anforderungen an die Schülerinnen. Das geht von der Stimmbildung und Sprecherziehung über Körper- und Bewegungstraining incl. Tanz und Bühnenkampf / Fechten bis hin zur musikalischen Schulung, zur Theatergeschichte und Dramaturgie und zum eigentlichen Spieltraining von der Improvisation bis zum Rollenstudium. Dabei weist das Ausbildungskonzept der Schule für Schauspiel (SfS) durchaus seine Besonderheiten auf. Selbstbewusst heißt es in ihrem Prospekt: „Klasse statt Masse“ – „Bei uns werden Sie nicht als zahlende Gäste ohne Berufsaussicht missbraucht“. Erklärtes Ausbildungsziel sind „eigenschöpferische, starke Schauspielerpersönlichkeiten“. Um diesem Vorsatz gerecht werden zu können, nimmt die Schule nach der „orientierenden Grundstufe“ (maximal sechs Monate) nicht mehr als zwölf Schülerinnen in die Mittel- und Oberstufe auf.

Ihnen stehen bei einer im Vergleich sehr günstigen Lehrer-Schüler-Relation zehn teils haupt-, teils nebenamtlich Lehrende gegenüber und sie werden keinem fixen methodischen Konzept, etwa nach der Theorie Konstantin Stanislawskis oder deren Weiterentwicklung im Method Acting Lee Strasbergs, unterworfen. Vielmehr finden sie viel Raum für Eigeninitiative (die auch erwartet wird) und ihre speziellen Bedürfnisse und Neigungen. Der regelmäßige Bezug zur Praxis und der Kontakt zum späteren Berufsfeld spielen eine große Rolle. Ungewöhnlich ist schon die Möglichkeit eines individuellen Einstiegstermins. Praktisch jederzeit können sich Interessenten per Mail oder Telefon melden und werden dann zu einem in der Regel etwa einstündigen Vorstellungsgespräch mit der künstlerischen Leitung eingeladen. Darin geht es um den Schulabschluss, um die bisher vorliegenden Berührungspunkte mit dem Theater und die Motivation für die Bewerbung, um Erfahrungen und Fähigkeiten auf musikalischem Gebiet, um die körperliche Beweglichkeit und um das Auftreten insgesamt. Am Ende des Gesprächs steht die Entscheidung für – oder gegen – einen anschließenden Probeunterricht, der nach etwa vierwöchiger Vorbereitungszeit für die Erarbeitung vorgegebener kleiner Rollen, Lied- oder Gedichtvorträge wiederum eine Stunde dauert und mit einem ausführlichen Gespräch abgeschlossen wird. Bei positiver Einschätzung auf beiden Seiten – das ist bei annähernd 50% der Kandidat*innen der Fall – folgt dann die drei- bis sechsmonatige Grundstufe, die in die erste Zwischenprüfung mündet. In dieser Grundstufe stehen körperliches Training, Sensibilitätsübungen und erste Improvisationen sowie ein Musikkurs auf dem Programm. Das Einstudieren von Rollenausschnitten dient dazu, die grundsätzliche Eignung für den angestrebten Beruf festzustellen.

Ziel des Auswahlverfahrens und dieser ersten Ausbildungsphase ist es, gemeinsam zu prüfen, ob „Begabung, Motivation und Fähigkeiten“ ausreichen und ob dem Schüler / der Schülerin „unsere Schule gefällt“. Diese Feststellung wird sicher nicht in jedem Einzelfall einvernehmlich getroffen werden können, wird aber auch bei negativem Ergebnis Anlass zur Selbstprüfung sein, ob das angestrebte Berufsziel tatsächlich das richtige war oder ob die anfänglichen Vorstellungen vom künftigen Beruf und die inzwischen besser erkennbaren tatsächlichen Perspektiven zu weit auseinanderklaffen.

Dem liberalen, auf viel Freiraum, individuelle Förderung und Eigenverantwortung setzenden ‚Geist‘ der Schule steht ein ziemlich straffes Unterrichtsprogramm gegenüber. In 38 Wochen des Jahres findet professioneller Unterricht statt, die Ferien zwischen den Semestern sind mit sechs bzw. vier Wochen knapp bemessen. Täglich von 9.30 bis 16 Uhr – insgesamt etwa 30 Wochenstunden – wechseln sich Gruppen-, Kleingruppen- und Einzelunterricht ab, dazwischen ist Raum für Eigentraining (mit einem Dozenten oder einem studentischen Tutor), individuelle Förderkurse oder die gemeinsame Arbeit aller Studierenden. Der Fächerkanon ist ebenso vielseitig wie die Unterrichtsformen. Er umfasst die Fachgebiete Sprache, Körper, Darstellung, Musik, Theater- und Filmgeschichte und das künftige Berufsfeld.

Jedes Fachgebiet untergliedert sich in mehrere Disziplinen. Das geht bei der Sprache von der Atem- und Sprechtechnik bis zur Tonaufnahme und zur szenischen Lesung. Zum Körpertraining gehören Fechten, Tanz (auch Ballett-und Stepptanz) und autogenes Training, zum Kernbereich Darstellung das Rollenstudium, Interaktions-, Improvisations- und Konzentrationsübungen nach Bedarf, Pantomime sowie das Spiel vor der Kamera und im Ensemble. Neben dem Gesang (incl. Chanson und Musical) werden auch musiktheoretische Kenntnisse vermittelt, da diese oft fehlen, ebenso wie zum Fachgebiet Theater/Film neben historischen Aspekten auch Theatertheorie, Dramaturgie und Rollenanalyse gehören. Der praktischen Vorbereitung auf den künftigen Beruf dienen die Vermittlung von Kenntnissen des Berufs- und Arbeitsrechts und praktikable Hinweise zur Bewerbung und persönlichen Präsentation. Mittel- (4 Semester) und Oberstufe (3 Semester) unterscheiden sich nicht grundsätzlich im Fächerkanon.


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Rolf-Peter Carl