Zusteigen bitte … Quer durchs Land in zehn Etappen

1. Etappe: Waldshagen – Plön ZOB/Bf

Bus 353
Waldshagen ab 7.49
Plön, ZOB/Bf an 8.20

Der Bahnhof mit der schönsten Aussicht (Plön): Heute nur im Transit

Bushaltestellen zu finden, ist gar nicht so einfach. Früher markierte ein roter Strich im Aushangfahrplan die Haltestelle, an der man sich befand. Zwischenzeitlich sind vielerorts neue Haltestellen hinzugekommen und gerade in ländlichen Gegenden lassen sich die Abfahrtszeiten nicht immer exakt verorten. Apps und andere online-gestütze Auskunftsangebote sind übrigens auch nicht unbedingt hilfreich. Das hat nicht nur mit der schwankenden Netzabdeckung zu tun: Aussagen wie „Fährt Haltestellen in anderer Reihenfolge an“, „Hält nur zum Aussteigen“ oder „Nur an Schultagen“ muss man auch auf seinem Smartphone erst einmal richtig einordnen und mit der realen Welt in Übereinstimmung bringen. Die reibungslose Nutzung des ÖPNV setzt eine gewisse Vorerfahrung voraus, zumindest die Bereitschaft, sich auf die Regeln eines eigenwilligen Systems einzulassen, und manchmal auch etwas Glück.Vielleicht ist es die Debatte um die „Verkehrswende“, die mich zu der Frage bringt, wie oft am Tag man von Puttgarden auf Fehmarn nach Westerland (Sylt) mit dem Bus kommen muss, um ohne Auto gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Vielleicht ist es aber auch einfach der Reiz des Abenteuers, mal wieder in der Pampa in einen Bus zu steigen, einem Ziel mit klingendem Namen entgegen. Und so kommt es, dass ich an einem durchwachsenen Frühjahrsmorgen in Waldshagen bei Bosau (aber schon im Kreis Plön und daher in den Morgenstunden besser an die Kreisstadt angebunden) an der Bushaltestelle stehe, um zunächst nach Puttgarden zu gelangen, dem Startpunkt der titelgebenden Reise.

Waldshagen ist nicht der Münchner Hauptbahnhof, an dem die Züge nach Italien abfahren, denen man sehnsuchtsvoll hinterherschaut. Malerisch liegt die Haltestelle mit Blick über den Vierer See allemal. Um diese Stunde findet außerhalb der Ballungszentren mit ihren etablierten Stadtbuslinien in der Fläche vor allem Schülerverkehr statt: Der Bus fährt einen verknäulten Rundkurs über die Dörfer, sammelt die Kinder ein und bringt sie nach Plön zur Breitenau-Schule. Die liegt in einem Wohnquartier am Wasserturm. Aus allen Richtungen kommen die Schüler, laufen zur Schule, fahren Rad, einige werden gebracht (ja, auch ein SUV ist zu sehen). Die Straßen sind eng und zugeparkt; erstaunlicherweise kommt der Bus hier problemlos durch.

2. Etappe: Plön ZOB/Bf – Lütjenburg ZOB

Bus 350
Plön, ZOB/Bf ab 8.35
Lütjenburg, ZOB an 9.10

Auf einen Kaffee und aufs WC am Lütjenburger ZOB

Auf direktem Wege, mit zwei Stichfahrten nach Grebin und Dannau, fährt der Bus auf der B 432 durch das Kossautal nach Lütjenburg. Dort angekommen, folgt eine kleine Stadtrundfahrt über den Markt bis zum ZOB. Und es ist wie überall beim Durchfahren: Hier ein interessantes Geschäft, da die Bäckerei, dort eine kleine Galerie erregen die Aufmerksamkeit des Reisenden. Man müsste mal mit etwas mehr Zeit wiederkommen. Denn heute wird eine Strecke von A nach B bewältigt, mit jeweils den nächstmöglichen Anschlüssen an den Umstiegspunkten. Längere Aufenthalte und Stadtbummel sind da nicht vorgesehen. Lütjenburg liegt auf dem letzten Drittel der ersten Etappe von Waldshagen nach Oldenburg. Die Busfahrt dauert gute zwei Stunden. Das ist länger, als man für gewöhnlich in Linienbussen verbringt, die natürlich keine Toilette an Bord haben. Ich frage mich, wie es bei solchen Überlandreisen wohl um die WC-Infrastruktur bestellt ist. Am Lütjenburger ZOB habe ich ein paar Minuten Zeit zum Umsteigen und für eine Tasse Kaffee beim Bäcker im Supermarkt – mit Kundentoilette.

3. Etappe: Lütjenburg ZOB – Oldenburg, Bahnhof/ZOB

Bus 310
Lütjenburg, ZOB ab 9.33
Oldenburg, Bahnhof/ZOB an 9.55

Nordexpress, Eurocity, Güterzüge: über dieses eine Gleis rollten sie alle in Oldenburg (Holst)

Grau in grau zieht das nördliche Ostholstein längs der B 202 vorbei. Oldenburg ist rasch erreicht und der Bahnhof, so stelle ich fest, als Halt nicht unbedingt gesetzt. Es lohnt sich, den Haltewunschknopf zu drücken. Den kenne ich seit Schulkindertagen im Überlandverkehr eigentlich nur als großes Tabu. Man stand einfach kurz vor der Haltestelle auf und stellte sich an die hintere Tür. Das war Ausdruck des Haltewunsches genug. Es wäre mir (und den anderen Kindern sicher auch) gar nicht in den Sinn gekommen, Ditsche, Herrn Brückner, Hansi, Kirche, Siggi, Herrn Joneleit, Torben (und Petra?) und wie sie alle hießen, mit dem Quäken des Haltewunschknopfes zu nerven. Sie wussten ja, wo die Kinder aussteigen mussten. Schließlich kannte man sich seit Jahren. Und wenn manchmal doch mehr als nötig gedrückt wurde, gab es den ansonsten eher seltenen mahnenden Busfahrerblick via Rückspiegel (in schlimmeren Fällen auch als Schulterblick). Auf meiner Reise spielt der Haltewunschknopf wieder eine Rolle und wird auch im weiteren Verlauf noch mehrmals auftauchen. In Oldenburg drücke ich ihn am Bahnhof jedenfalls nicht, auch keiner der anderen Fahrgäste. Glücklicherweise ist die nachfolgende Haltestelle nicht allzu weit vom Bahnhof (und immerhin auch ZOB!) entfernt. Die Umsteigezeit zum Zug nach Puttgarden reicht gerade für den straffen Fußmarsch zurück und sogar noch für ein Foto, weil sich jetzt erstmals die Sonne zeigt.

4. Etappe: Oldenburg (Holst) – Puttgarden

RB 85
Oldenburg (Holst) ab 10.11
Puttgarden an 10.49

Puttgarden: Von hier ging es mal direkt nach Kopenhagen, Oslo, Stockholm, Rom, Paris, Amsterdam

Die Vogelfluglinie beschreibt einen weiten Bogen und streift Oldenburg nur am Rand, da, wo sich der Ort allmählich in den Oldenburger Graben auflöst. Und trotzdem ging es von hier aus einmal direkt nach Kopenhagen (und Hamburg). In Richtung der Insel Fehmarn fährt der Zug überwiegend durch Wiesen und Felder, abseits der hier im Nordkreis ohnehin dünn gesäten Siedlungen. Von Großenbrode Kai am Fehmarnsund aus fuhren von 1953 bis zur Eröffnung der Vogelfluglinie 1963 die Fähren nach Gedser. Als Eisenbahnfernverbindung steht die Vogelfluglinie seit Dezember 2019 still; erst mit dem Tunnel der festen Fehmarnbeltquerung wird diese Weltläufigkeit hier oben wieder zurückkehren. Während die neue Verkehrsinfrastruktur von Dänemark her schon gebaut wird, sind auf Ostholsteiner Seite vor allem die Reste der alten zu besichtigen. Wer das alles noch einmal im vollen Betrieb sehen möchte, schaue den legendären Tatort Kressin stoppt den Nordexpress (1971) mit Sieghardt Rupp und Gitte Hænning.
Hätte ich die Reise am Morgen ohne die kleine Wanderung über die Kreisgrenze direkt im Dorf begonnen und wäre über Eutin und Bad Schwartau nach Puttgarden gefahren, säße ich schon länger in dem Zug, der jetzt in Oldenburg einfährt. Der Triebwagen ist voll besetzt mit einer ganzen fünften Jahrgangsstufe aus Bad Schwartau. Es geht auf Klassenfahrt nach Burg auf Fehmarn. Wahrscheinlich ist es die letzte für eine längere Zeit. Gerade rechtzeitig losgefahren, in dieser Woche kurz vor Corona.

5. Etappe: Puttgarden – Oldenburg (Holst)

RB 85
Puttgarden ab 11.13
Oldenburg (Holst) an 11.48

Fehmarnsundbrücke, mit Sonnenaufgang

Puttgarden war wohl einmal das Dorf mit den meisten europäischen Direktverbindungen: Amsterdam, Rom, Paris, Kopenhagen, Stockholm, Oslo – als hätte Greta Thunberg den Fahrplan gemacht. Noch in den 1990er Jahren hielten hier nur Fernverkehrszüge. Und das, obwohl die Vogelfluglinie im Grunde eine eingleisige Bimmelbahn durch die ostholsteinischen Rapsfelder war. Güterverkehr, Eurocity- und Nachtreisezüge sorgten für eine rege Betriebsamkeit. Diese Zeiten sind längst vorbei. Nach der Fertigstellung der Brücke über den Großen Belt 1997 wurde der Schienengüterverkehr auf die Jütland-Route verlagert, ebenso der Nachtreiseverkehr von und nach Kopenhagen bis zur Einstellung 2014. Das geht mir immer durch den Kopf, wenn ich in Puttgarden bin. Der Bahnhof selbst wird jedes Mal ein bisschen kleiner. In den Weichen brüten die Möwen. Und nachdem schon seit vielen Jahren nur noch einer von einst drei Bahnsteigen genutzt wird, hat der Bahnhof seine einstige Großzügigkeit nun vollends eingebüßt: Zu den Fähren gelangt man jetzt nicht mehr über die Bahnsteigbrücke, sondern überquert die Gleise ebenerdig und betritt das Empfangsgebäude durch einen Seiteneingang. Erst dort geht es die Treppe hinauf zur Fährbrücke, vorbei an der Kunst am Bau (siehe Titelbild dieser Ausgabe): Die abstrakte Wandinstallation aus blauem Glas weckt Assoziationen an Himmel und Meer. Kein Mensch zu sehen, ein Getränkeautomat brummt. Gleich geht es wieder nach Oldenburg. Genauer gesagt beginnt jetzt die eigentliche Testfahrt Puttgarden–Westerland. Also zurück durch das Foyer mit dem großen Modell des Fährschiffes Deutschland unter Plexiglas und raus auf den Bahnsteig. In Oldenburg habe ich zwanzig Minuten Zeit bis zur Abfahrt des Busses nach Kiel und entdecke das Reisebüro von Christoph Bornebusch-Diedrich im Bahnhof. Ein Lichtblick an so einem Ex-Tor zur Welt. Es gibt Müsliriegel, Kaffee, Fahrkarten und Reisen aller Art. Was hat sich hier geändert? „Keine Pendler mehr nach Dänemark und Südschweden, seit der Eurocity weggefallen ist. Und nach Hamburg nehmen die Leute jetzt das Auto, statt mit der Regionalbahn zu gurken.“ Immerhin: „Die“ Bahnhofstoilette war lange eine Problemzone und Inbegriff für den Niedergang – nicht nur des Eisenbahnwesens, sondern der öffentlichen Daseinsvorsorge überhaupt. In Oldenburg nutzt man sie gerne.

6. Etappe: Oldenburg, Bahnhof/ZOB – Kiel Hauptbahnhof

Bus 310
Oldenburg, Bahnhof/ ZOB ab 12.15
Kiel, Hauptbahnhof an 13.43

Schluss für heute: Lütjenburg, Schulzentrum

Ab Oldenburg sind wir zunächst zu Dritt im Bus. Einen Fahrgast kenne ich schon von der Hinfahrt. Da las er auch schon routiniert in einem Taschenbuch, ein eher seltener Anblick im Bus. Ich frage vorsichtig nach dem Zweck der heutigen Reise. Er habe seinen Computer zur Reparatur nach Oldenburg gebracht, da sich in Lütjenburg niemand mehr dafür gefunden habe. Der zweite Fahrgast muss gleich aussteigen und die letzten Kilometer zu Fuß in Richtung Ostsee weiter. Er ist mit der Bahn am frühen Morgen in Leipzig gestartet, wo er als Dirigent engagiert ist. Mit seiner Familie lebt er in München, aber am liebsten seien sie alle in ihrem Holsteiner Häuschen. „Heute jemand nach Plön?“ ruft der Busfahrer plötzlich nach hinten. Niemand dabei, und das funkt er auch gleich an seinen Kollegen. Der wartet am Lütjenburger ZOB und könnte theoretisch schon losfahren, sollte sich der Oldenburger etwas verspäten. Aus dem Fernverkehr der Bahn kennt man so ein Anschlussmanagement, dort ist es natürlich viel komplizierter: Entschieden wird an zentraler Stelle, welcher Anschluss wartet. Oft genug haben auch hier erfahrene Fahrgäste einen Vorteil, wenn sie etwa einen Zug am gegenüberliegenden Gleis stehen sehen und wissen, dass ein anderer zuerst fahren wird. Anschluss geschafft und nicht eine Stunde später zu Hause! Im Bus ist alles etwas einfacher. Keine Angst vor regionalen Umsteigeverbindungen, denke ich mir, Anschluss garantiert. Jetzt fällt mir wieder ein, dass ich am Morgen in Plön auch schon als Umsteiger nach Lütjenburg vorausgemeldet wurde. Für den Fall, dass es im Berufsverkehr doch eine Ampelphase mehr werden sollte. Dieser Service, der auf den ersten Blick wie eine aufmerksame Gefälligkeit erscheint, ist tatsächlich Teil des Leistungsspektrums, dass die Kreise als Besteller mit den Busbetreibern vereinbaren. Auf ähnliche Weise werden auch andere Qualitätsstandards, etwa die Barrierefreiheit der Fahrzeuge oder die Beschaffenheit der Haltestellen geregelt. Am Schulzentrum in Lütjenburg füllt sich der Bus mit Schülern auf dem Heimweg in die Dörfer der Umgebung. Und hier kommt der Haltewunschknopf wieder ins Spiel, oder vielmehr beginnt ein Spiel um die Ruhe und Gelassenheit des Busfahrers. Jedenfalls scheint es so, aber auch nachdem alle Menschen im schulpflichtigen Alter längst ausgestiegen sind, wird er immer wieder gedrückt, der Knopf, und keiner steigt aus. „Wir sind hier nicht im Kindergarten!“, ruft da der Busfahrer, und „Andere wollen ihren Anschluss kriegen.“ Auch die schließlich verbliebenen Erwachsenen werden noch einmal ermahnt, als es immer wieder quiekt und „Wagen hält“ aufleuchtet. Zu klären ist das Haltewunschknopf-Mysterium bis Kiel nicht. Eine Vermutung wäre, dass manche Busreisende, gleich welchen Alters, aus einer leichten Unruhe heraus prophylaktisch den Haltewunschknopf drücken, wenn sie aus den fernen Welten ihrer mobilen Geräte auftauchen und nichts als verschwommene Landschaft am Fenster vorbeiziehen sehen. War das nicht schon Wittenberger Passau, B 202?

7. Etappe: Kiel Hbf – Husum

RE 74
Kiel Hbf ab 13.56
Husum an 15.25

Birne wechseln in Kiel Hbf

8. Etappe: Husum – Westerland (Sylt)

RE 6
Husum ab 15.30
Westerland (Sylt) an 16.51

Auf dem Hindenburgdamm

Die Menschen auf der Marschbahn: Hier fahren sie, die Berufspendler, die man seit Jahren aus den Medien kennt. Sie wohnen auf dem Festland, arbeiten auf Sylt und sind auf den Zug angewiesen – und darauf, dass er zuverlässig fährt. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Heute läuft alles bestens. Eine Frau hat ihren Elektroroller dabei: „Auf dem Festland muss ich fünf, sechs Kilometer bis zum Bahnhof fahren, auf Sylt drei bis zur Arbeit.“ Fahrräder könne man auf Sylt nicht stehen lassen, die würden sofort geklaut oder kaputt gemacht, sagt sie. Und im Sommer sei der Zug auch einfach zu voll. Schnurgerade führt die Strecke durch Marsch und Deichvorland. Der Zug steuert auf den dritten magischen Moment des Tages zu: Nach Fehmarnsundbrücke und Rendsburger Hochbrücke geht es auf dem Hindenburgdamm schließlich durchs Wattenmeer auf die Insel. Fünf Stunden und 38 Minuten hat die Fahrt gedauert und sie endet planmäßig, pünktlich, ohne Verspätungen. Der Routenplaner für den PKW sagte voraus: 252 km in drei Stunden und 41 Minuten – ohne die Begegnungen unterwegs und das eine oder andere Einnicken, aber vielleicht mit mehr Radio. Die Gegenprobe steht noch aus. In Westerland reicht es bis zur Rückfahrt aufs Festland nur für eine kleine Runde um den schmucken Bahnhof (den die Bahn vor vielen Jahren einmal als einen der ersten mit einer neuen WC-Anlage ausstattete).

9. Etappe: Westerland (Sylt) – Niebüll

RE 6
Westerland (Sylt) ab 17.22
Niebüll an 17.59

27 Minuten Nordseeluft und Abendsonne

Zum letzten Mal war ich im Herbst 2017 intensiver in Niebüll. Damals verlängerte sich hier ein Kurzbesuch in Aarhus zum Sturmtief-Xavier-Urlaub, quasi auf Einladung der Bahn (siehe Schleswig-Holstein 1/2018). Dass sich im alten Wasserturm am Bahnhof ein EinZimmer-Hotel befindet, entdecke ich erst jetzt, auf dem Weg zum Bus nach Flensburg. Zwischen Niebüll (genauer gesagt Lindholm an der Marschbahn) und Flensburg fuhren bis 1981 Züge. Die Bahnstrecke teilt das Schicksal der vielen Ost-West-Verbindungen im Land, wurde stillgelegt, wiederentdeckt und harrt ihrer Reaktivierung. Nachdem diese in den 2000er Jahren näher schien als heute, befindet sich die Strecke zumindest als Option in der Infrastruktursicherung. Zwischen Niebüll und Flensburg verkehrt seit 2000 ein sogenannter Schnellbus. Der ist wichtig für Pendler zwischen dem Binnenland und den Küstenorten. Es gibt sogar WLAN im Bus, davon weiß ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

10. Etappe: Niebüll ZOB – Flensburg, Deutsches Haus

Bus R 1
Niebüll, ZOB ab 18.09
Flensburg, Deutsches Haus an 19.07

Dahindämmern bei Handewitt, B 199

Der Bus nimmt den direkten Weg, fährt also überwiegend auf der B 199. Für die kleineren Orte entlang der Route ist das eine recht gute Verbindung zu weiteren Anschlüssen an den beiden Endhalten, da der Bus nicht noch über die Dörfer gurkt. (Aber was ist mit den Dörfern? Im Kreis Nordfriesland, hört man, wird viel mit Elektromobilität experimentiert. Auch einige „Mitfahrerbänke“ sehe ich von Zug und Bus aus – und es gibt sogar Zubringerbusse aus den Dörfern zum Schnellbus! Das muss man erstmal wissen.) Die Fahrt von der Westküste an die Flensburger Förde dauert eine gute Stunde. Menschen steigen unterwegs vor allem aus, manchmal auch ein; eher Alltags- als Reisegepäck, jemand führt ein großes Paket mit sich, vielleicht wurde es der Arbeitsstelle zugestellt, statt dem Wunschnachbarn? In die Dämmerung hinein zieht sich die Fahrt, es lässt sich natürlich auch immer weniger gut rausgucken. Hier und da entdecke ich aber doch noch etwas Interessantes, einen besonderen Bushaltestellentyp – orangefarbene, fast kugelrunde Hütten (kurz kommt 70er-Jahre-Feeling auf) und einen modernistischen Pavillon an der Hauptstraße in Leck, einladend beleuchtet. Später finde ich heraus, dass er ein Kaffee beherbergt und unter Denkmalschutz steht. In Flensburg ist wieder ÖPNV-Insiderwissen gefragt. Eigentlich will ich noch mit dem Zug nach Kiel weiter. Leider fährt der Bus nicht direkt zum Bahnhof, sondern schnurstracks zum ZOB am Rande der Altstadt. Wie war das noch? Am Deutschen Haus ging es doch hoch zum Bahnhof. Also geistesgegenwärtig hier mitausgestiegen; in fünf Minuten fährt der Zug Richtung Hamburg mit Anschluss nach Kiel in Neumünster. Dauert zwar länger als über Eckernförde, aber dafür muss ich hier nicht noch am Bahnhof herumstehen. Es ist ja schon dunkel. Allerdings ist der Weg länger als in meiner Erinnerung und führt auch nicht geradewegs auf den Bahnhof zu. Erst nach links, dann wieder rechts oder mitten durch die Parkanlage am Mühlendamm. Der Zug fährt gerade ab, als ich die Treppen zum Bahnsteig hinaufstürme. Jetzt heißt es also doch warten und ich schlendere noch einmal durch die Halle. Wie so viele Gebäude in Flensburg vereint auch der Bahnhof, erbaut 1923–26 von Reichsbahnrat Friedrich Georg Arnold, Elemente der Heimatschutzarchitektur und des Expressionismus. Eine eigentümliche Mischung, die in der Weimarer Republik dem Deutschtum hier im äußersten Norden Ausdruck verleihen sollte. Gut erhalten ist das alles, aber an so einem Abend ganz ohne Menschen schon etwas trutzig-dunkel. Die Bahnhofsbuchhandlung hat noch offen; in der Auslage fristen auch ein paar vertrocknete Pizza-Zungen ihr Dasein. Kaum vorstellbar das bunte Treiben im Herbst 2015, als engagierte Flensburger den Bahnhof zu einem Willkommensort für Menschen im Transit machten. Jetzt steht am Eingang zur Gleisunterführung ein Desinfektionsmittelspender und kündet von Zeiten, die erst noch kommen werden.

Johannes Warda