Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„die Bedeutung der Dinge ist nie festgeschrieben, sondern stets verhandelbar und allzu oft Zentrum von Konflikten“, schreibt Maria Grewe in ihrer Kolumne „Shoppst Du noch oder sammelst Du schon Müll?“ auf Seite 28 mit Blick auf all die Alltagsdinge, mit denen wir Menschen uns umgeben. Das gilt unabhängig von den Intentionen ihrer Schöpfer. Wir kennen das von der Kunst, die, wie allgemein bekannt, im Kopf des Betrachters entsteht.

Auch die großen Design-Klassiker sind letztendlich nichts weiter als Alltagsdinge – auch wenn wir heute Luxusgüter darin sehen. Nan Dahlkild wirft ab Seite 34 einen Blick auf die Rolle der skandinavischen Form- und Gestaltungsideen von Möbeldesignern und Architekten wie Arne Jacobsen und Poul Henningsen beim Aufbau des dänischen Wohlfahrtsstaates – und auf ihren Siegeszug durch die ganze (westliche) Welt. Sein Artikel erschien zuerst auf Dänisch und Englisch im Katalog zur Ausstellung „Arne Jacobsen Designer Danmark“ im Trapholt Museum in Kolding.

Ganz andere Form- und Gestaltungsideen liegen den vom Kaufmann Alfred Toepfer in den 1920er Jahren gestifteten Jugendherbergen zugrunde. Bis zu seinem Tod 1993 waren ihm „seine“ von A. Paul Weber ausgestatteten Jugendherbergen im österreichischen Burgenland, im thüringischen Schwarzburg und auf dem Knivsberg in Nordschleswig ein Anliegen, um das er sich immer wieder persönlich kümmerte. In einer groß angelegten Recherche geht Johannes Warda ab Seite 122 der Bau- und Nutzungsgeschichte dieser ambivalenten Zeugnisse von Grenzland- und Deutschtumspolitik auf den Grund.

Am 18. Januar 2021 jährt sich zum 25. Mal der Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße, bei dem 10 Menschen starben. Einseitige und von Pannen geprägte Ermittlungen sorgten dafür, dass die schwere Brandstiftung bis heute unaufgeklärt ist. „Wir hatten es schon wieder mit den bekannten Lügen des bundesdeutschen Staates zu tun“, stellt Feridun Zaimoglu im Interview ab Seite 82 fest. Zusammen mit seinem Ko-Autor Günter Senkel hatte der Schriftsteller 1998 die Ereignisse in Lübeck in einem Drehbuch verarbeitet. Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung häufen sich die rechten Gewalttaten in der gesamten Bundesrepublik, ebenso wie die Beispiele für Polizeigewalt gegen Ausländer sowie für ungenügende oder unterlassene Aufklärungsversuche seitens des Staates. Das lesen wir ab Seite 76 und fühlen uns stark an heutige Vorkommnisse und Debatten erinnert. Oder sind es einfach immer noch dieselben?

Und sonst?

Die Malerin Gerda Schmidt-Panknin ist 100 Jahre alt geworden. Sie prägte die Malerei in Schleswig-Holstein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich mit. Der Kunsthistoriker Uwe Haupenthal gratuliert ihr ab Seite 12.

Maike Manske erinnert an Elise Lensing, deren Leben und Schicksal eng jenem Friedrich Hebbels verwoben ist (S. 118), Jana Schmidt sagt „Bye Bye CO2“ (S. 170) und der Vorsitzende des Landeskulturverbandes Guido Froese liefert einen Lagebericht „Über die Kultur in Zeiten der Pandemie“ (S. 26)

Das alles und noch viel mehr in der neuen Schleswig-Holstein

Viel Spaß beim Lesen und Entdecken

Ihr
Kristof Warda

P.S.: Leider wirken sich die Pandemie und ihre Folgen auch auf unser geplantes Themenheft „Grenzen im Norden“ aus. Es konnte 2020 leider nicht erscheinen. Wie schon für unsere Themenhefte „Wendepunkte der Schleswig-Holsteinischen Geschichte“ und „Mythen in Schleswig-Holstein“, kooperieren wir mit der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, deren im vergangenen Juni geplanter „Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte“ zum diesem Thema auf den 29. Mai 2021 verschoben werden musste. Wir bitten unsere Abonnentinnen und Abonnenten um Verständnis und freuen uns darauf, Ihnen dann ein umfangreiches und spannendes Themenheft nachzureichen.

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Schleswig-Holstein.

Winter 20/21

  • Editorial
    Viel Spaß beim Lesen und Entdecken unserer bisher umfangreichsten Ausgabe
  • Zum hundertsten Geburtstag der Malerin Gerda Schmidt-Panknin
    Uwe Haupenthal gratuliert der Malerin Gerda Schmidt-Panknin zum hundertsten Geburtstag
  • Über die Kultur in Zeiten der Pandemie
    Was hätte das Jahr 2020 für ein Kulturjahr in Schleswig-Holstein werden können? Die Vorzeichen waren positiv, die Jahresprogramme gedruckt und verteilt, Ausstellungen, Konzerte, Auf- und Vorführungen geplant und vorbereitet, Tickets ver- und gekauft – und dann kam das Virus, welches die Welt verändert hat.
  • Shoppst Du noch oder sammelst Du schon Müll?
    Archäolog*innen werden ihre Freude haben, wenn sie in ein paar hundert Jahren die Überbleibsel unserer Zeit ausgraben. Bisher hat keine Gesellschaft jemals so viel Abfall und Reste produziert wie die globalen Wohlstandsgesellschaften.
  • „Die Kunst an sich ist zweckfrei aber nicht sinnlos“ – Martin Lätzels Ana[B]log
    In diesen Monaten ist viel von Albert Camus und seinem Buch „Die Pest“ gesprochen worden. Aktueller aber ist ein ganz anderer Text von Camus, nämlich „Der Mythos des Sisyphos“.
  • Onerskiasen / Unterschiede
    Wendy Vanselows friesische Kolumne
  • Den Wohlfahrtsstaat möblieren. Warum dänische Design-Ikonen so weit verbreitet sind
    Architektur, Möbel und Gebrauchsgegenstände spielten einst eine wichtige Rolle bei der Formierung der egalitären dänischen Gesellschaft. Warum dänisches Design heute vor allem als exklusiver Luxus verbreitet ist, erklärt Nan Dahlkild
  • Møbleringen af velfærdssamfundet
    Er der en sammenhæng mellem den store udbredelse af dansk design og udviklingen af det danske velfærdssamfund?
  • Rechte Angriffe in Schleswig-Holstein
    Das Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (zebra) führt eine Statistik für Schleswig-Holstein. 2019 ist die Zahl der Menschen, die rechte Gewalt erfahren haben, um 61 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Für 2020 geht zebra davon aus, dass sich die Situation nicht entspannt hat
  • Brennende Republik Deutschland
    Am 18. Januar 2021 jährt sich der Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße zum 25. Mal. Die schwere Brandstiftung zu einer Zeit, als in der ganzen Republik Asylunterkünfte in Brand gesteckt wurden, ist bis heute ungenügend aufgeklärt, der Mord an zehn Menschen bis heute ungesühnt. Einseitige und von Pannen geprägte Ermittlungen werfen nach wie vor Fragen auf. Kristof Warda erinnert an die Geschehnisse im Januar 1996 und an die Geschichte rassistischer Gewalt in der alten und neuen Bundesrepublik
  • „Wir sind heute keinen Schritt weiter“ Feridun Zaimoglu im Gespräch
    „Inzwischen ist rechtsradikale Gewalt, verbal wie körperlich, eine Alltagserscheinung wie der Gang zum Bäcker“, schrieb Feridun Zaimoglu in den 1990er Jahren. Im Gespräch mit Kristof Warda stellt er fest, dass sich seitdem nichts verändert hat
  • 30 Jahre Wende, Einheit, Wiedervereinigung. 30 Jahre Neonazis aus Ostdeutschland?
    „…aus dem Bewusstsein heraus, dass eine politische Auseinandersetzung mit Neonazis immer auch bedeuten muss, sich mit den von ihren Taten Betroffenen zu solidarisieren“, arbeitet seit 2001 die Beratungsinititative für Betroffene rechter Gewalt LOBBI in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Gespräch über 30 Jahre Wende, Einheit, Wiedervereinigung
  • Die Kartierung des Himmels an der Schwelle zur Neuzeit
    Die Frühe Neuzeit steht für die Fortschritte der Wissenschaften in Europa. Atlanten und Karten wurden aufgrund neuer Möglichkeiten der Vermessung immer exakter. Auch der Himmel wurde neu vermessen und kartiert, die Erkenntnisse in Himmelsatlanten veröffentlicht. Astronomen wie Tycho Brahe, Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei und Isaac Newton halfen, das Weltensystem neu zu verstehen. Einzelne Blätter zweier wichtiger Himmelsatlanten aus der Frühen Neuzeit liegen in der Eutiner Landesbibliothek
  • „Es ist kein Traum …“ Der Dichter und Revolutionär Harro Harring
    Wer war Harro Harring? Martin Lätzel erinnert an den 1798 in Nordfriesland geborenen Dichter, Maler und Revolutionär
  • „Ich kann alles. Bloß nicht das, was ich muß.“ Friedrich Hebbel und Elise Lensing
    Im Nachlass des Dichters Friedrich Hebbel findet sich ein Uhrband aus Echthaar. Was hat es damit auf sich? Maike Manske erzählt die Geschichte
  • 1 164 Kilometer durch das 20. Jahrhundert. Die drei Jugendherbergen von Alfred Toepfer
    1928 stiftete der Hamburger Kaufmann Alfred Toepfer 100 000 Reichsmark zum Bau von Jugendherbergen auf dem Knivsberg, in Thüringen und im Burgenland. Neue Archivrecherchen zur Bau- und Nutzungsgeschichte zeigen, wie sehr sich der Stifter neben den beteiligten Architekten und dem Maler A. Paul Weber selbst als Gestalter betätigte. Die drei Häuser markierten den Beginn von Toepfers umfangreicher Stiftungstätigkeit zur völkisch-nationalen Deutschtumsarbeit. Auch nach der Einweihung sollten sie ihn bis zu seinem Tod 1993 nicht mehr loslassen.
  • Bye-Bye CO2. Das Moorschutz-Programm der Stiftung Naturschutz
    Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein will mit ihrem neuen Moorschutz-Programm nicht nur kurz die Welt retten, sondern langfristig und beispielhaft