Zwischen Fitnessstudio und Jobcenter – die Arbeitswelt heute

Im vierten Teil seiner Serie Von Mammutjagd bis Homeoffice“. Der Wandel der Arbeitswelt von der Altsteinzeit bis in die Gegenwart kommt Welf-Gerrit Otto in unserer Zeit an: Die Industriestaaten verlagern Ihre Produktion dorthin, wo Arbeit günstig ist und die Digitalisierung revolutioniert die Arbeitswelt erneut. Selbstoptimierung und Prekarisierung sind das Ergebnis.

Zweiter Weltkrieg. Völkermord, Bombenhagel, Blitzkrieg und Vertreibung. Europa nach dem Regen. Städte und Industrie – nicht mehr als verkohlte Ruinen, Trümmerfelder. Kollektives Trauma. Alles steht auf Anfang. Krieg als Reset-Taste nicht allein für Politik und Wirtschaft, sondern für die Gesamtheit von Kultur und Zivilgesellschaft. Alle Systeme nach Fehlfunktion automatisch zurück-gesetzt. Immerhin gibt es Überlebende. Und insgesamt leben auf der Erde um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts etwa zweieinhalb Milliarden Menschen. Marshallplan und anschließendes Wirtschaftswunder sorgen dafür, dass man in Mitteleuropa nicht den Anschluss zu den Industrienationen des Westens verliert. Ganz im Gegenteil. Die Bundesrepublik entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einer der wohlhabendsten Gesellschaften überhaupt. Im Osten sieht das anders aus. Überwachungsstaat, Plan-wirtschaft und vermeintlicher Sozialismus bilden bis zur politischen Wende am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine leider nicht allzu überzeugende Alternative zum Hyperkapitalismus des Westens.

In den 1970er Jahren beginnt mit der Gründung der Firmen Microsoft und Apple die Ära der Personal-Computer. Zum Soundtrack der Bee Gees vollzieht sich ein wirtschaftlicher Strukturwandel.

Informationstechnik gewinnt im zwanzigsten Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Zuerst durch Radio, später durch das Fern-sehen. Elektronische Medien werden zu einem nicht zu unterschätzenden Propagandainstrument für Politik und Wirtschaft, das sowohl zur Festigung politischen Selbstverständnisses in Ost und West, als auch für Werbung und Reklame eingesetzt wird. Daneben erlebt die Populärkultur durch die neuen Aufzeichnungs- und Sendetechniken an überregionalem Einfluss. In den 1970er Jahren intensiviert sich der Einsatz von Elektronik und Computertechnik am Arbeitsplatz. Durch die Kriegstechnik hatte es einen Quantensprung in der Entwicklung gegeben, der nun in Friedenszeiten auf zivile Einsatzbereiche übertragen wird.

Angestellte und Mitarbeiter: Dienstleistungsgesellschaft und Tertiärisierung

In den 1970er Jahren beginnt mit der Gründung der Firmen Microsoft und Apple die Ära der Personal-Computer. Zum Soundtrack der Bee Gees vollzieht sich ein wirtschaftlicher Strukturwandel. Industriegesellschaften wandeln sich im Prozess der Tertiärisierung zu Dienstleistungsgesellschaften. Bestimmte Industriezweige werden ins Ausland verlagert, um die Produktionskosten möglichst gering zu halten. Mangelnder Arbeitsschutz und Lohn-Dumping sind dabei an der Tagesordnung. Die vor Ort verbliebene verarbeitende Industrie wird durch die Neuerungen von Computertechnik und Robotik weiter automatisiert und in ihrer Produktivität gesteigert, so dass immer weniger Arbeitskräfte zur Bedienung der Maschinen erforderlich sind.

Der volkswirtschaftlichen Drei-Sektoren-Hypothese zufolge konzentriert sich wirtschaftliche Tätigkeit zunächst auf Rohstoffgewinnung, also den primären Sektor Landwirtschaft. Anschließend verlagert sich der Schwerpunkt auf die Rohstoffverarbeitung, den sekundären Sektor: Handwerk und später Industrie. Schließlich binden die Dienstleistungen des tertiären Sektors die überwiegende Arbeitskraft. Primärer und sekundärer Sektor werden entweder in Länder mit geringen Produktionskosten ausgelagert oder sie werden derart automatisiert, dass kaum noch Leute dafür eingesetzt werden müssen. Stattdessen arbeiten die Menschen überwiegend im Dienstleistungsbereich. Aus Fabrikarbeitern und Bergleuten sind Angestellte und Mitarbeiter geworden.

Computer übernehmen zunehmend menschliche Arbeitsbereiche. Im Krisenjahrzehnt der 1970er Jahre beginnt der Siegeszug der Informationstechnik am Arbeitsplatz. Kommunikations- und Fertigungstechniken wer-den eng miteinander verzahnt. Da immer mehr repetitive Arbeiten von Maschinen ausgeführt werden können, erwartet man vom Arbeitnehmer höhere Qualifikationen, die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen sowie überbordende Flexibilität. Vom Individuum wird stetige Selbstoptimierung gefordert. Es beginnt das Zeitalter der Fortbildungen, Qualifizierungsmaßnahmen, Umschulungen.

Halt die Deadline ein, so ist‘s fein
Hol‘ die Ellenbogen raus, burn dich aus
24/7, 8 bis 8, Was geht ab, machste schlapp,
what the fuck?!
[„Bück dich hoch“, Deichkind 2012]

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Welf-Gerrit Otto

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