Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Frühjahr 2026, 172 Seiten, Print.
Die beschauliche Stadt Tönning erlebte vor rund 200 Jahren, während Napoleons Kontinentalsperre, einen kometenhaften Aufstieg zum zeitweise wichtigsten Hafen an Europas Nordseeküste.
Ab 1854 verband die erste Bahnstrecke im Herzogtum Schleswig die Stadt an der Eidermündung mit Flensburg und noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden von hier aus massenhaft Rinder nach England verschifft. Vom florierenden Handel in der Region und seiner globalen Vernetzung zeugt heute noch der kleine Kolonialwarenladen im nahen Tetenbüll, der inzwischen ein Museum ist. Hila Küpper und Barbara Lingelmann stellen ihn vor.
Tönnings Bedeutung als Hafenstadt ließ jedoch bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts wieder nach. Und als 1973 das Eidersperrwerk eingeweiht wurde, schnitt es Tönning von der Nordsee ab. Dafür schützte es die Eidermündung fortan vor den regelmäßig wiederkehrenden Sturmfluten an der Westküste. Die verheerendsten hat Werner Junge für die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte zusammengetragen. Wir haben den Artikel aus unserem Themenheft „Mensch und Meer“ übernommen.
Unweit des Eidersperrwerks ist der Schriftsteller Manfred Schlüter zu Hause. Sein neuester Gedichtband „Tanze nachts auf wilden Wellen“ besingt die Region „unangestrengt weise“ und „reich an Sprachbildern […], die sich schnell im Gedächtnis der Leserschaft verhaken“, wie Ulrich Karger es in seiner Rezension für die Büchernachlese formuliert. Drei Gedichte aus dem Band sind an passenden Stellen im Heft verstreut. Ich danke Herrn Schlüter für die freundliche Erlaubnis zum Abdruck.
Tönnings Hafen ist heute pittoreskes Fotomotiv. Das Foto auf S. 90 stammt von Roland Krieg. Es entstand, während er das Großprojekt „Blickweit“ des Stahlbildhauers Robert Schad dokumentierte. Am Tönninger Hafen und an 21 weiteren Orten in Schleswig-Holstein stehen aktuell seine Skulpturen und laden dazu ein, erfahren, erradelt und entdeckt zu werden.
Nehmen wir die Bahn nach Flensburg: Pittoreskes Fotomotiv ist dort heute der Oluf-Samson-Gang. Das war nicht immer so. Martin Müller erzählt die Geschichte der kleinen Hafengasse, die auch eine Geschichte der Marginalisierung, Gentrifizierung und Verdrängung ist.
Wir bleiben an der Ostseeküste: Günter Grass bezeichnete die Ostsee einmal als „seine“ See. In Lübeck fand der Schriftsteller eine Ersatzheimat, die ihn an seine Geburtsstadt Danzig erinnerte. Die Region prägte sein spätes literarisches Schaffen. Die Ausstellung „Der Nobelpreisträger von nebenan“ im Günter Grass-Haus geht diesem Verhältnis auf den Grund.
Katja Hillebrand blickt auf die Ostsee als Kulturraum, der geprägt wurde durch zahlreiche Zisterzienserklöster an den Küsten.
Das alles und noch viel mehr in Ihrer neuen Schleswig-Holstein. Viel Spaß beim Lesen und Entdecken.

Jahrgang 2015, Ausgabe 6 