Brokdorf. Ende Oktober 1976 …

Brokdorf

Ende Oktober 1976 begannen in der kleinen Gemeinde Brokdorf im Kreis Steinburg quasi über Nacht die Arbeiten zur Errichtung eines Atomkraftwerks – und mit ihnen die Demonstrationen gegen den Bau. Im Laufe der nächsten Jahre sollte  Brokdorf zu einem Symbol der bundesrepublikanischen Anti-AKW-Bewegung werden. Zehn Jahre später, im Oktober 1986, ging das AKW Brokdorf als weltweit erstes Kernkraftwerk nach der Reaktorkatastrophe von Tschernoby ans Netz. Seine Abschaltung erfolgt spätestens bis zum 31. Dezember 2021.

DEMONSTRIERENDE

In den Wochen nach dem Baubeginn am 25. Oktober 1976 kamen immer mehr Menschen in die Wilster Marsch um gegen den Bau zu demonstrieren, die Polizei begegnete ihnen mit Härte. Am 13. November eskalierte die Situation – mit Wasserwerfern, Hunden und Tränengas ging die Polizei gegen die ca. 30 000 zum allergrößten Teil friedlichen Demonstranten vor, als diese sich bereits auf dem Rückweg befanden (laut in der Schleswig- Holsteinischen Landeszeitung am 1. Dezember 1976 veröffentlichtem vertraulichen Polizeibericht „rückwärtige Störer“) – es spielten sich „bürgerkriegsähnliche“ Szenen ab. Nicht zuletzt durch solche Zusammenstöße, die sich in den folgenden Jahren noch wiederholen sollten, wurde „Brokdorf“ zum Symbol der Anti-AKW-Proteste.

Heterogen, demokratisch, gewaltfrei

Die Anti-AKW-Bewegung aber war die wohl heterogenste Protestbewegung, die es bis dahin gab – und sie setzte auf gewaltfreien Widerstand. Warum heterogen? Vor dem GAU sind alle gleich! Ländergrenzen, Eiserne Vorhänge und räumliche Distanz machen ebenso keinen Unterschied mehr wie soziale Schichten oder Klassen. „Not lässt sich ausgrenzen. Die Gefahren des Atomzeitalters nicht mehr“, sollte der Soziologe Ulrich Beck im Mai 1986 schreiben. Im Gegensatz zu den politischen Protesten der späten 1960er Jahre schnitt der breite Anti-AKW-Protest, der sich im Laufe der 1970er Jahre formierte, diagonal durch bisherige politische und gesellschaftliche Lager und Anschauungen und konzentrierte sich in den ersten Jahren noch auf die alltäglichen Instrumente und Möglichkeiten der Demokratie.

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Fotos: Gerd Warda, im Oktober 1976, Text: Kristof Warda