2016, Ausgabe 4, Editorial

MOIN

 

 

Kristof Warda
Kristof Warda

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich bin in Schleswig-Holstein aufgewachsen. So richtig meine Heimat wurde Schleswig-Holstein aber wohl erst während meiner Studienzeit in München: Beim Bäcker fragte ich nach Brötchen, doch es gab nur Semmeln, zur Begrüßung sagte ich „Moin“ statt „Grüß Gott“. „Das ist ganz normal“, würde Harm-Peer Zimmermann jetzt wahrscheinlich sagen, „denn Heimat, so nah man ihr stehen mag, ist eine Erscheinung der Ferne, ein Gefühl, das sich in der Differenz zum Fremden entwickelt.“ Am Beispiel der Gebrüder Grimm geht er ab Seite 20 dem Begriff und dem romantischen Gefühl „Heimat“ nach. Jacob, den älteren der Brüder, zitiert er dabei so: „Ich fechte und rede für Heßen bei aller Gelegenheit […] wenn ich nicht zu Haus bin. Komme ich nach Caßel [zurück], so ärgert mich vieles.“
„Zumindest Deinen letzten Satz kann ich nachvollziehen, Jacob“, würde sich der Liedermacher Wolf Biermann nun vielleicht zu Wort melden. Kurz vor seiner Ausbürgerung aus der DDR sagte er zumindest: „Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass es immer dort am schwersten ist zu leben, wo man wirklich lebt. Das heißt, wo man kämpft und sich einmischt.“ Am 13. November 1976, bei seinem Konzert in der Kölner Sporthalle, leitete er so sein Hölderlin-Lied ein. Währenddessen, am gleichen Tag, an dem Wolf Biermann in Köln singt und diskutiert, demonstrieren in der kleinen Gemeinde Brokdorf im Kreis Steinburg rund 30.000 Menschen gegen den Bau eines Atomkraftwerks. Der zwei Wochen früher über Nacht eingerichtete und umzäunte Bauplatz wird von Polizei und Werkschutz bewacht. Die Situation eskaliert, wie schon in den Tagen zuvor, Tränengas und Wasserwerfer, es kommt zu „bürgerkriegsähnlichen“ Szenen.
In dieser Zeit begann „Brokdorf“ zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung zu werden. Ab Seite 12 blicken wir in Wort und Bild auf die Ereignisse in Brokdorf vor vierzig Jahren zurück.

 

 

1979, vor nicht ganz vierzig Jahren, nahm das Kulturzentrum „Pumpe“ in Kiel seine Arbeit auf. Wie unterschiedlich die Arbeitsschwerpunkte in der Pumpe sind, schildert uns ab Seite 40 Rolf-Peter Carl. Außerdem spricht er mit Adalbert Schwede, der nun schon seit zehn Jahren Geschäftsführer der „Pumpe“ ist.
Noren Fritsch war sieben Jahre lang Geschäftsführerin eines anderen soziokulturellen Zentrums im Lande – nämlich des „Speichers“ in Husum. Birthe Dierks hat sich mit ihr getroffen (S. 52). Arne Auinger hat ihren Artikel illustriert.

Und sonst?

Was verbindet die Stadt Kiel mit dem weltberühmten Pantomimen Marcel Marceau? Die Antwort finden Sie auf Seite 32. Welf-Gerrit Otto erkundet mit einem guten Freund die untere Schwentine (S. 68), auf Seite 74 gibt es ein Comic von Gregor Hinz, und Claas Riecken vom Nordfriesischen Institut kommt zu verblüffenden Ergebnissen bei seiner Suche nach den Ursprüngen der „typisch“ schleswig-holsteinischen Grußformeln „Mahlzeit“, „Erstmal“ und „Moin“ (S. 26).

Das alles und noch viel mehr in Ihrer neuen Schleswig-Holstein.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen,

Ihr

 

Kristof Warda