Irland literarisch entdecken

Sara Prinz, Projektleiterin des Literatursommers 2020 Irland, gibt uns Leseempfehlungen

Denkt man an die irische Literatur und an ihre Schriftsteller:innen, schwirren womöglich gleich die großen Namen im Kopf umher: Samuel Beckett, Oscar Wilde, James Joyce. Es steht außer Frage, dass der Beitrag dieser Autoren – und insgesamt eines so kleinen Inselstaates wie Irlands – zur Literaturgeschichte beachtlich ist. Aber viel lieber mag der folgende Text sein Augenmerk auf einen Ausschnitt der modernen Gegenwartsliteratur dieses Landes lenken, der von weiblichen Schriftsteller:innen stammt. Es sind die Werke von Caoilinn Hughes, Anna Burns und Jan Carson, deren Lektüre sich gut über die Sommermonate vornehmen lässt, und ein politisches Verständnis über Irland vermittelt.

Das Belfast der 1970er Jahre in Anna Burns „Milchmann“

Schon der erste Satz dieses Romans wirft mitten in das Geschehen hinein, in eine nach totalitären Mustern geregelte Enklave im Nordirland der 1970er Jahre. Die Erzählstimme, eine 18-jährige Frau, verwickelt uns in Form des inneren Monologs immer mehr mit den bizarren Angelegenheiten des hier auftretenden Figuren-Ensembles, sodass man dieses Buch nur schwer aus den Händen legen kann. Weder die Charaktere, noch der Ort des Geschehens haben Namen. Es ist der gekonnten Spurensetzung der Autorin zu verdanken, dass wir dazu imstande sind, diese literarischen Leerstellen mit Inhalt zu füllen: Diese Handlung muss in den 1970er Jahren zur Zeit des Nordirlandkonflikts spielen und es kommt als Schauplatz nur Belfast in Frage.
So wenig die Figuren als auch die Erzählerin selbst benannt sind, umso mehr sind sie durch ihre Eigenschaften oder Funktionen attribuiert. Da gibt es Irgendwer McIrgendwas, der gleich zu Beginn der Erzählerin die Pistole auf die Brust setzt und stellvertretend die Rolle jeder anderen Person des politischen Untergrunds einnimmt. Da gibt es Vielleicht-Freund, mit dem sie eine Liebesbeziehung unterhält. Da gibt es die titelgebende Figur – den Milchmann, der aber eigentlich „niemandes Milchmann“ ist und somit nichts mit seinem Attribut gemein hat. Und da gibt es Schwager Eins, der das Gerücht in die Welt setzt, dass die Erzählerin eine Affäre mit genau diesem Milchmann unterhält.
Hier setzt die Geschichte an. Nichts stünde der jungen Frau ferner, als in der Gesellschaft, in der sie lebt, Aufsehen zu erregen. Es ist eine patriarchale Gesellschaft, in der sich alles um die Frage dreht, ob man die „richtige“ oder die „falsche“ Religion hat, ob man „Staatsbefürworter“ oder „Staatsverweigerer“ ist, in der es um das kollektive „wir“ und um „die im Land auf der anderen Seite der See“ geht. Umso mehr gerät die Frau in eine missliche Lage, als der Milchmann, ein stadtbekannter Widerstandskämpfer, sich für sie zu interessieren beginnt und ihr auflauert. Zunehmend fühlt sie sich von den Annäherungsversuchen verfolgt, ist aber verunsichert, ob sich die Bedrohung nicht nur in ihrem Kopf abspiele. Denn faktisch ist (noch) nichts passiert. Und in einer Stadt mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen, wo sich Gewalt immer auch physisch austrägt, Autobomben gezündet und Widersacher erschossen werden, kann dieses „bloße“ Nachstellen nicht bereits als sexuelle Belästigung gelten. Das ist das eigentliche Dilemma. Obwohl sie sich vom Milchmann nicht verwickeln lässt, beginnen die Leute über die beiden Gerüchte zu erfinden. Je mehr sie sich davon abzuschotten sucht, umso mehr wird ihr Schweigen zur Projektionsfläche, in die sich die Mutmaßungen Anderer einschreiben und sich als Wahrheit manifestieren. Ehe sie sich versieht, ist sie in den Augen aller die stadtbekannte Liebhaberin eines gefährlichen Paramilitärs. Und das ist das, was diesen Roman in Zeiten von #metoo so unerhört macht, zutiefst aufrüttelt und uns sprachlos hinterlässt. Dabei ist „Milchmann“ keinesfalls ein deprimierendes Buch. Der Erzählton beweist schwarzen Humor, ist fesselnd und unterhaltsam. Das ist auch den vielen einfallsreichen Randfiguren zu verdanken, wie Atom-Junge, Tabletten-Mädchen oder der Echte-Milchmann, mit deren Geschichten Anna Burns ihren Roman unterfüttert. Und das sind so unglaublich gute Geschichten, dass man diesem durch und durch feministischen Werk eine bedingungslose Leseempfehlung aussprechen muss.

Die liebenswürdige Schwindlerin in Caoilinn Hughes „Orchidee & Wespe“

Die Heldin dieses Debüts ist eine schlagfertige und bestechende Hochstaplerin: Gael Foss ist ehrgeizig und selbstbewusst. Bereits mit elf Jahren betreibt sie an der Schule einen Handel mit Läuseeiern und versucht ihren Mitschüler*innen Jungfrauenkapseln aufzuschwatzen. Es ist derselbe dubiose Geschäftssinn mit dem sie als junge Frau später versuchen wird, ihre dysfunktionale Familie vor der Finanzkrise 2008 in Irland zu bewahren. Kurzerhand macht Gael sich auf den Weg nach London, tummelt sich undercover im Finanzbetrieb und reist schließlich mit geklautem Flugticket Business Class nach New York. Dort mietet sie sich, ohne einen Cent in der Tasche, ausgerechnet im luxuriösen Plaza Hotel ein und sucht von dort aus in der Kunstszene ihr Glück – inmitten der Wirren der Occupy-Bewegung 2011, die auch an Gael ihre Spuren hinterlassen soll…
Caoilinn Hughes ist eine erfrischend andere Coming-of-Age-Geschichte gelungen, mit einer starken Frauenfigur, die mit allen Mitteln nach ihrer Unabhängigkeit strebt. Dabei gibt die Autorin ihr viel Vertrauen in ihr betrügerisches Talent, einen Scharfsinn und eine Kaltschnäuzigkeit mit, die beim Lesen laut auflachen lässt. Die Sprache, die sie ihrer Heldin in den Mund legt, ist vorlaut, unverblümt und keck, driftet aber auch in den stillen Momenten, wo die Figur plötzlich nah und verletzlich scheint, gekonnt ins Lyrische hinüber.
Ohne zu viel von der Handlung verraten zu wollen, gelingen der Autorin in nur einem Coup gleich zwei Dinge, die das Buch lesenswert machen: Zum Einen lässt sie Gael den New Yorker Kunstbetrieb unterwandern und den Diskurs darüber, was Kunst ist, ad absurdum führen. Zum Anderen wirft sie sehr ausgeklügelt die Frage nach Macht und Ungleichheit in einer kapitalistischen Gesellschaft auf, indem sie die Finanzkrise in Irland und die New yorker Occupy-Bewegung geschickt mit einem roten Faden zusammenschnürt.

Mit Hilfe der literarischen Fantastik etwas von der Realität erzählen, in Jan Carsons „The Fire Starters“

Es ist ein heißer Sommer im Osten Belfasts, 16 Jahre nach dem Nordirlandkonflikt. Als die Politiker beschließen die für die Region traditionellen Lagerfeuer während der „marching season“ zu sanktionieren, ist der Aufschrei in der Bevölkerung groß. Im Internet taucht ein Video auf, in dem eine Person, die sich als „Fire Starter“ ausgibt, dazu aufruft, aus Protest die Stadt in Brand zu setzen.
Vor diesem Hintergrund baut Jan Carson ihre multi-perspektivische Erzählung über zwei Väter auf: Sammy Agnew ist in seinen Fünfzigern und hat sein ganzes Leben in Belfast verbracht. Von der Politik enttäuscht, ist er mit der Stadt im Zwist, fühlt in ihr eine Rohheit, die zur Keimzelle von Wut und Gewalt wird. Das weiß er aus eigener Erfahrung, als er als Jugendlicher bei den „Troubles“ an vorderster Front „mitgespielt“ hat. Doch es war kein politischer Aktionismus, der ihn antrieb, es war eine blanke Gewalt aus einer Wut heraus, die sich gut hinter Worten verstecken ließ. Sammy trägt seine Schuld als große Bürde. Als nun sein erwachsener Sohn sich als der „Fire Starter“ herausstellt, möchte er ihn mit allen Mitteln davon abbringen, die Stadt ins Chaos zu stürzen.
Jonathan Murray hingegen, in seinen Dreißigern, ist nicht weit von Sammy entfernt aufgewachsen. Doch sie sind sich nie begegnet, zu sehr unterscheiden sie sich in Klasse, Bildung und Berufsstand. Von seinen Eltern ungeliebt, führt Jonathan als Arzt ein einsames Leben mit wenigen Glanzpunkten.
Als er eines Abends im Bereitschaftsdienst den Anruf einer nach Hilfe rufenden Frau erhält, lässt er jegliches Arbeitsethos zum Teufel fahren, und macht sich kurzerhand auf den Weg zu ihr. Es ist vor allem ihre Stimme, die es ihm kalt den Rücken runter laufen lässt. Er wird es sich nicht erklären können, doch er wird die sirenenhafte Gestalt von Frau mit in die eigene Wohnung nehmen, wo sie einer Nixe gleich tagein tagaus seine Badewanne besetzen wird. Bis sie eines Tages das Kind, das er in dieser Zeit mit ihr gezeugt hat, im Waschbecken zurücklassen und verschwinden wird. Jonathan fürchtet nun dem Moment entgegen, wo seine Tochter das erste Mal ihr „Sirenenlied“ ertönen lassen und damit Unheil anrichten könnte.

Zwischen den beiden schließlich ineinanderlaufenden Erzählperspektiven, streut Jan Carson die Geschichten weiterer mythischer Figuren mit besonderen Fähigkeiten ein, die im Volksmund im Osten Belfasts die „unglücklichen Kinder“ (engl. „the unfortunate children“) genannt werden. Wer hier nun einen Superheldencomic erwartet, wird enttäuscht. Doch der Autorin ist ein spannender Genremix gelungen: eine Geschichte über Aufopferung und Elternschaft, die in eine phantastische Ebene hinübergleitet, zugleich eine thrillerähnliche Erzählung ist, die ein verstörend realistisches Porträt des heutigen Belfast und seinen Menschen liefert. Sie erzählt uns von ihren Hoffnungen für die Zukunft und zeigt, wo sie sich von Europa abgehängt fühlen, dass der politische Konflikt, der die Stadt einst in Atem hielt, immer noch einem siedenden Kessel gleich in den Köpfen der Menschen ist, und an der Schwelle zum Brexit jederzeit wieder aufkochen könnte. Dass das Buch noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, ist der einzige Wermutstropfen.



Sara Prinz,
Literaturhaus Schleswig-Holstein