Museen genießen größtes Vertrauen – und stehen doch weltweit unter politischem Druck. Der Kampf um Deutungshoheit, Erinnerung und Identität macht sie zum Ziel autoritärer Strategien. Wer Museen kontrolliert, kontrolliert Geschichte. Warum wir jetzt handeln müssen, um sie als Orte der Demokratie zu bewahren.
Museen tragen eine fundamentale Verantwortung: Sie bewahren Kultur und vermitteln Wissen. Doch darüber hinaus genießen sie in der Gesellschaft ein außergewöhnlich hohes Vertrauen – ein Vertrauen, das in einer aktuellen Studie des Instituts für Museumsforschung als das höchste unter allen öffentlichen Institutionen identifiziert wurde, direkt nach Familie und Freundinnen und Freunden, noch vor Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Medien. Dies ist kein Zufall: Es ist nicht das einzelne Erlebnis, sondern die Institution als Ganzes, die dieses Vertrauen begründet. Museen gelten als verlässliche Hüter von Wissen und Kultur, als Orte, an denen die Wahrheit in all ihrer Vielfalt und Komplexität gewahrt bleibt. Sie sind keine bloßen Anbieter von Unterhaltung, sondern tragen als Institutionen eine Verantwortung, die weit über den Rahmen eines einfachen Erlebnisses hinausgeht.
Doch dieses Vertrauen bringt eine gewaltige Verpflichtung mit sich. Museen müssen stets exzellente Arbeit leisten, und das können sie nur dann, wenn sie in einem unabhängigen Raum agieren. Denn Museen sind mehr als Wissensspeicher. Ihre Aufgabe ist es, das Wissen der Vergangenheit zu bewahren, aber auch kritisch zu hinterfragen, weiterzuentwickeln und den gesellschaftlichen Diskurs zu fördern.
Und genau das macht sie zu einem besonderen Ziel für Extremisten. Museen sind keine unpolitischen Institutionen. Sie stellen Fragen, hinterfragen Geschichte, decken Unrecht auf. Und jede Ausstellung und jede kuratierte Sammlung trägt politische Implikationen. In einer Zeit, in der Extreme versuchen, die Vergangenheit nach ihren eigenen Ideologien umzuschreiben, sind Museen daher ein strategisches Ziel. Wer die Museen kontrollieren kann, kann die Geschichte kontrollieren – und damit die Wahrheit selbst. Deshalb sind Museen nicht nur attraktive Beute für diejenigen, die das Vertrauen der Gesellschaft missbrauchen wollen, sondern auch eine Bedrohung für alle, die die Demokratie und die Freiheit gefährden.
Bei uns in Deutschland ist die Gefährdungslage für Museen derzeit noch eher abstrakt, in anderen Ländern der EU und der Welt bereits harte Realität. Der Begriff der „abstrakten Gefährdungslage“ stammt dabei aus dem polizeilichen Sprachgebrauch und beschreibt eine Situation, die ein reales Gefährdungspotenzial aufweist – auch ohne einen konkreten Vorfall. Eine abstrakte Gefahr ist anzunehmen, wenn ein Vorgang oder eine Sachlage losgelöst vom Einzelfall typischerweise gefährlich ist.
Die Situation in einigen europäischen Ländern (im Folgenden die Slowakei, Polen und Italien) und in den USA möchte ich an ein paar Beispielen ausführen. Es geht um Entwicklungen, die mit dem Erstarken rechtspopulistischer oder postfaschistischer Kräfte einhergehen. Populistische Parteien in ganz Europa nutzen das kulturelle Erbe – sowohl materielle Objekte als auch immaterielle Traditionen – für ihre politischen Ziele. Das Kulturerbe mit seiner Fähigkeit, Identität zu stiften, wird zu einer wichtigen Ressource für populistische Politik, die es einsetzt, um ihre polarisierenden Wahrheiten zu verbreiten und ihre Agenda voranzutreiben.
V.l.n.r.: Markus Huber (Leiter des Goethe-Institutes Slowakei, Moderation), Soňa Ferienčíková (Choreografin & Tänzerin), Matej Drlička (ehemaliger Direktor des Slowakischen Nationaltheaters), Lucia Kašiarová (Leiterin des Divadlo Štúdio tanca), Roman Samotný (LGBTQI+-Aktivist und Gründer des Communityprojekts Tepláreň). Bild: Kristof Warda
„Slowakisch und nichts anderes“
Schauen wir auf die aktuellen Entwicklungen in der Slowakei: Mit ihrem Amtsantritt verkündete die slowakische Kulturministerin Martina Šimkovičová in ihrer ersten Rede: „Die Kultur in der Slowakei sollte slowakisch sein und nichts anderes.“ Dies führte zu dramatischen Veränderungen – Entlassungen in Schlüsselpositionen renommierter Kultureinrichtungen, Auflösung von Fachabteilungen oder der Beginn von destruktiven Reorganisation von Sammlungsinstitutionen sowie drastische Budgetkürzungen. Nachfolger:innen, oft ohne fachliche Qualifikationen, wurden parteipolitisch eingesetzt. Die Auswirkungen? Ein deutlicher Einbruch in der finanziellen Sicherheit für Kulturschaffende und das Aushöhlen funktionierender Fördersysteme. So nahm die Slowakei zum ersten Mal seit 30 Jahren nicht an den European Heritage Days 2024 teil. Das Kulturministerium konnte die Finanzierung für die Organisation des Events nicht rechtzeitig bereitstellen. Die European Heritage Days initiiert vom Europarat und der Europäischen Kommission, finden jedes Jahr im September in 50 europäischen Ländern statt. Selbst führende Institutionen bleiben nicht verschont: Die Direktorin des Internationalen Hauses der Kunst für Kinder und die Leiterin der Nationalbibliothek wurden entlassen, trotz transparenter Auswahlverfahren und Protesten der Mitarbeitenden. Berichte über Zensur und Einschüchterungen häufen sich. Mitten im Sommer 2024 erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt: Der Chef des Nationaltheaters, Matej Drlička, wurde über Nacht entlassen, ihm das Kündigungsschreiben in den frühen Morgenstunden übergeben. Auch die Generaldirektorin der Nationalgalerie Alexandra Kusá musste gehen, ersetzt durch einen „Krisenmanager“, der als erste Maßnahme was tat? Er ließ die Anzahl der Kunstwerke pro Quadratmeter prüfen.
Diese jüngsten Entwicklungen lassen autoritäre Tendenzen erkennen, die tief in die Strukturen des Kulturbetriebs eingreifen. Sie stellen nicht nur die Autonomie, sondern auch die gesamte kulturelle Integrität der Slowakei infrage. Prominente Stimmen wie der Schriftsteller Michal Hvorecky kritisieren offen: „Das Ministerium entfernt systematisch unsere besten Kulturmanager und ersetzt sie durch linientreue Personen, die dieselbe Ideologie des rechten Randes vertreten.“
Italien: „militärische Besetzung“ kultureller Institutionen
Auch in Italien sind die Entwicklungen unter der Regierung von Giorgia Meloni besorgniserregend und werfen ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Zukunft von Museen und der kulturellen Vielfalt auf. Melonis Regierung versucht, die Kontrolle über italienische Kulturinstitutionen, einschließlich Museen, zu übernehmen. Dies geschieht durch die Besetzung von Führungspositionen mit Personen, die der politischen Agenda der Regierung nahestehen. In Italien spricht die Opposition von einer regelrechten „militärischen Besetzung“ kultureller Institutionen: Theater, Filmschaffen, Museen und das staatliche Fernsehen werden zunehmend von der Regierung dominiert. Tatsächlich vergeht kaum eine Woche, ohne dass eine neue Personalentscheidung im Kulturbereich die Schlagzeilen bestimmt.
Einen Schachzug wagte die Regierung bei der renommierten Stiftung Teatro di Roma, unter deren Dach vier bedeutende Theater der Hauptstadt vereint sind. Hier installierte Kulturminister Gennaro Sangiuliano in Zusammenarbeit mit der rechts regierten Region Latium den politisch nahestehenden Intendanten Luca De Fusco als Generaldirektor. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten: Die linke Stadtregierung Roms, Hauptfinanzier der Stiftung, setzte eine Kompromisslösung durch. Nun wird das Teatro di Roma durch eine Doppelspitze geleitet – eine Seite links, die andere rechts.
Polen: „angemessene“ Gefühle gegenüber der Vergangenheit
In Polen ging es acht Jahre lang in die gleiche Richtung: Unter der PiS-Regierung gab es zwei wesentliche Aspekte, die die Museen stark beeinflussten: Zum einen versuchte die Regierung, die Narrative in Museen zu kontrollieren und zu verändern, um eine spezifische „polnische Wahrheit“ zu propagieren. Dies führte zu einer Neuausrichtung von Ausstellungen, die oft die Sichtweise der Regierung widerspiegelten und alternative Perspektiven ignorierten oder negierten. Ein Beispiel hierfür ist das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, dessen Ausstellung auf Druck der Regierung überarbeitet wurde, um mehr nationalistische Elemente zu integrieren die darauf abzielten, bei den Besucher:innen „angemessene“ Gefühle gegenüber der Vergangenheit zu wecken, nämlich Gefühle dafür, dass die Polen und nicht die Juden die „wahren“ Opfer der Nazi-Besatzung waren.
Zum anderen führte die Regierung zu bedeutenden personellen Veränderungen in der Museumslandschaft. So wurde der fachlich hoch renommierte Gründungsdirektor wiederum des Museums des Zweiten Weltkriegs, Wojciech Machcewicz, kurz nach der Eröffnung entlassen – ein Schritt, der als Teil der breiteren Strategie der PiS angesehen wurde, die Kontrolle über kulturelle Institutionen zu erlangen. Diese Eingriffe führten zu einem Klima der Unsicherheit und Zensur innerhalb der Museen, was die Unabhängigkeit der kulturellen Institutionen gefährdete.
Nun geht es zumindest in Polen zum Glück seit einigen Monaten wieder in die andere Richtung. Dies bringt jedoch auch bedeutende Herausforderungen mit sich, denn es gibt Bedenken, dass die kulturelle Unabhängigkeit gefährdet bleibt, da viele Museen und kulturelle Institutionen immer noch unter dem Einfluss politischer Loyalitäten stehen.
USA: Verbannung „antiamerikanischer Propaganda“
In den USA sind Museen derzeit einem beispiellosen politischen Druck ausgesetzt, der sowohl die Art und Weise, wie Geschichte vermittelt wird, als auch deren Inhalt erheblich beeinflusst. Denn, wie bereits erwähnt, ermöglicht die Kontrolle über Museen auch die Kontrolle über die Geschichte – und damit über die Wahrheit selbst.
Im März 2025 unterzeichnete Präsident Donald Trump ein Dekret, das die Darstellung der amerikanischen Geschichte in staatlich geförderten Museen neu ausrichten soll. Ziel dieses Dekrets ist es, den Fokus auf nationale Errungenschaften zu legen und kritische Themen wie Rassismus und Kolonialismus zu minimieren. Ausstellungen, die „gemeinsame amerikanische Werte“ herabsetzen, sollen künftig keine Fördergelder mehr erhalten.
Besonders betroffen ist die Smithsonian Institution, der weltweit größte Museumskomplex, der nun unter erheblichem politischen Druck steht.
Dieser Kulturkampf geht jedoch weit über die Smithsonian Institution hinaus. Trump übernahm selbst das Kennedy Center für darstellende Kunst und ernannte seinen Vertrauten Richard Grenell zum Geschäftsführer. Grenell versprach, das Zentrum von der sogenannten „Woke-Kultur“ zu befreien und „antiamerikanische Propaganda“ zu verbannen. Diese Eingriffe betreffen zunehmend auch Museen, die nun damit rechnen müssen, dass geplante Ausstellungen mit politisch kontroversen Werken aus politischen Gründen verändert oder abgesagt werden.
Besonders besorgniserregend ist der finanzielle Druck, den die Trump-Regierung ausübt. Es wird kein Geheimnis daraus gemacht, dass vor allem afroamerikanische Geschichte, die Geschichte des Rassismus und sozialer Bewegungen aus der amerikanischen Erinnerung entfernt werden sollen. Ein konkretes Beispiel für diese politische Einflussnahme ist das Art Museum of the Americas in Washington, das bereits zwei Ausstellungen zu queerer Identität und der afrikanischen Diaspora absagen musste. Ein weiteres Beispiel ist das Museum of the City of New York, das eine Bundesfinanzierung von 100.000 Dollar für eine Ausstellung über Shirley Chisholm verlor – die erste schwarze Frau, die in den Kongress gewählt wurde und die sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bewarb.
Das Japanese American National Museum in Los Angeles wird künftig 175.000 Dollar weniger erhalten, was Projekte zu Themen wie der Masseninhaftierung amerikanisch-japanischer Bürger während des Zweiten Weltkriegs betrifft. Und das Stonewall National Museum in Florida, das eine der größten LGBTQ-Bibliotheken sowie eine bedeutende Sammlung zur Schwulenrechtsbewegung beherbergt, ist durch massive Kürzungen der Kulturzuschüsse und die Streichung von DEI-Bundesprogrammen in seiner Existenz bedroht. Auch private Geldgeber ziehen sich zunehmend zurück, was die Situation weiter verschärft.
Zensur und Selbstzensur
Der autoritäre Umbau des Staates betrifft mittlerweile auch die historische Überlieferung selbst. Rund 26.000 Fotos auf den Webseiten des US-Militärs wurden markiert und teilweise gelöscht – darunter bedeutende Aufnahmen schwarzer Soldaten und Pionierinnen. Diese politisch motivierte Zensur verdeutlicht, wie zunehmend die Art und Weise beeinflusst wird, wie Geschichte dokumentiert und präsentiert wird.
Auch die Gefahr der Selbstzensur ist nicht zu unterschätzen. Ein prominentes Beispiel ist das National Cryptologic Museum in Fort Meade, wo Plaketten von Frauen und Menschen von Minderheiten, die bei der NSA gearbeitet hatten, überklebt wurden. Nach interner Kritik räumte das Museum ein, dass dies ein Fehler war, und stellte die Plaketten wieder her.
Die aktuellen Ereignisse in den USA zeigen eindrücklich, wie politischer Druck die Art und Weise beeinflussen kann, wie Geschichte erzählt wird, und stellen die Unabhängigkeit kultureller Institutionen infrage.
Deutschland: Doppelte Bedrohung
Und nun nach Deutschland. Stefan Koldehoff, der Chefreporter Kultur des Deutschlandradios, hat kürzlich in einem Vortrag als auch in einem Essay treffend auf die derzeit gefährdete Institution Museum hingewiesen. Museen sehen sich heute einer doppelten Bedrohung gegenüber: einerseits finanziell, andererseits politisch – insbesondere durch rechte Kräfte, die eine andere Vorstellung von Gesellschaft, Demokratie und Freiheit vertreten. Diese Kräfte streben eine Gesellschaft ohne Minderheitenschutz und möglicherweise sogar ganz ohne Demokratie an. Ihre Strategie ist nicht direkt gewaltsam, sondern bedient sich demokratischer Instrumente, um kulturelle Institutionen infrage zu stellen und ihre Legitimität zu untergraben.
Diese Entwicklungen sind längst keine abstrakten Befürchtungen mehr. So versuchen rechtspopulistische Parteien immer wieder, durch massenhafte „Kleine Anfragen“ politischen Einfluss auf Museen auszuüben. Ein Beispiel hierfür ist die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, die mit einer Vielzahl von Anfragen versuchte, eine autoritäre Gegenbewegung gegen die Zivilgesellschaft und die Demokratie zu fördern. Ähnliche Versuche gab es auch auf nationaler Ebene, etwa durch die AfD im Bundestag, die Projekte zu LGBTQ+ und kolonialen Themen infrage stellte. Diese Anfragen verursachen nicht nur hohen Verwaltungsaufwand, sondern säen auch Zweifel an der demokratischen und gesellschaftlichen Ausrichtung von Museen. Es geht dabei nicht nur um finanzielle Kontrolle, sondern auch um eine politisch motivierte Einflussnahme, die geschickt als „Neutralität“ getarnt wird.
Ein weiteres besorgniserregendes Phänomen ist die Instrumentalisierung des kulturellen Erbes durch populistische Kräfte, die sowohl materielle als auch immaterielle Kulturgüter für ihre politischen Zwecke nutzen. Museen geraten so zunehmend unter Druck, Themen wie Migration, Rassismus oder geschlechtergerechte Sprache zu vermeiden, wenn diese Themen den populistischen Narrativen widersprechen.
Museen müssen also nicht nur mit finanziellen Einschränkungen und politischem Druck umgehen, sondern auch das richtige Gleichgewicht zwischen der Arbeit mit und dem Widerstand gegen die Emotionalisierung des Wissens finden. Populistische Angriffe auf kulturelle Institutionen erzeugen eine Emotionalisierung, die die unabhängige und faktenbasierte Auseinandersetzung mit der Geschichte gefährden kann. Museen sind hier gefragt, ihre Rolle als Orte der reflektierten Auseinandersetzung zu wahren und sich nicht von populistischen Kräften vereinnahmen zu lassen.
Über die abstrakten Befürchtungen hinaus gibt es aber bereits auch konkrete Fälle von politischen Eingriffen in die museale Arbeit und auf das Personal. Deshalb wurde in vorigen Jahr das Netzwerk „Haltung!“ gegründet, um politisch motivierte Angriffe auf Museen und Kulturschaffende sichtbar zu machen. Ziel des Netzwerks ist es, Vorfälle zu dokumentieren, die politische Einflussnahme auf Museen, Instrumentalisierung und Aneignung musealer Arbeit sowie gezielte Angriffe auf Museen und deren Mitarbeitende betreffen.
In einem besonders krassen Fall verlor die Leiterin eines kleinen Heimatmuseums ihren Job, nachdem eine rechtspopulistische Partei eine Minderheitsregierung im Kommunalparlament bildete. Die Partei kritisierte, dass die Direktorin zu viel „politische Bildung“ und zu wenig „Heimatgeschichte“ vermittelte, strich die Mittel und entließ sie. In den Monaten zuvor war sie einem regelrechten „Psychoterror“ ausgesetzt, inklusive anonymer Drohungen per Telefon und Post sowie zerstochener Fahrradreifen vor dem Museum.
Solche Vorfälle verdeutlichen, wie Einschüchterung und Drohungen dazu führen können, dass Themen wie der Nationalsozialismus oder Kolonialismus aus Angst vor politischer Repression gemieden werden. Diese Einschüchterung ist eine typische affektive Praxis des Populismus, die gezielt Menschen, die als „Außenseiter“ gelten, verunsichert und ihre Arbeit blockiert.
Produktionsprozesse nationaler Narrative
Museen waren immer schon in die Produktionsprozesse nationaler Narrative involviert – also in die Frage, wer wir sind und wer „die anderen“ sind. Diese Funktion wird von rechtspopulistischen Kräften zunehmend für ihre politischen Zwecke genutzt, insbesondere im Kontext eines „Kulturkampfes“ von rechts. Museen setzen sich heute oft sehr fortschrittlich mit ihrer eigenen Geschichte und ihren historischen Kontinuitäten auseinander, fördern eine offene Gesellschaft und setzen sich für demokratische Werte und Teilhabe ein. Genau deshalb geraten sie schnell ins Visier rechtspopulistischer Politik, wenn sie etwa Themen wie Rassismus oder Migration behandeln oder geschlechtergerechte Sprache verwenden. Rechtspopulistische Politiker:innen und Aktivist:innen haben ein Auge auf solche Entwicklungen, und wenn sie diese bemerken, kommt es zu Übergriffen, die ganz unterschiedliche Formen annehmen können.
Auffallend dabei ist, dass diese politisch motivierten Übergriffe oft strategisch erfolgen – etwa mit dem Ziel, bestimmte Themen zu fördern oder zu unterdrücken, Personen zu diskreditieren oder Personalstellen zu ersetzen oder sogar Museen zu schließen. Dem Netzwerk „Haltung!“ sind beispielsweise folgende Vorfälle bekannt:
- Aneignung historischer Orte und deren Nutzung für die Bildung von Mythen und nationalistischer Umdeutung
- Versuche, Deutungshoheit über Themen und die praktische Vermittlungsarbeit in Museen zu erlangen
- Ideologisch motivierte Einflussnahme in parlamentarischen Gremien und Kulturausschüssen
- Falschinformationen und Hate Speech in sozialen Medien
- Demonstrationen und Versammlungen an Erinnerungsorten
- Zahlreiche Anfragen in den Parlamenten, etwa zur Museumsfinanzierung
- Drohungen, persönliche Angriffe und mehr
Angesichts des zunehmenden Aufkommens antidemokratischer Kräfte sind die Museen jedoch alarmiert. So widmeten sich die wichtigsten Fachtagungen der deutschsprachigen Museumswelt 2024 Themen wie „Haltung zeigen im Museum“, „Museen als Orte der Demokratie“ und mehr.
Auch das 18. Internationale ICOM Bodensee-Symposium stellte im Mai 2024 die entscheidende Frage: „Wie politisch ist Museumsarbeit?“. Zudem hat die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes im Mai 2025 unter dem Titel „Museen stärken Demokratie“ diese drängende Thematik ebenfalls aufgreifen.
Lübecker Manifest für Museen
Auch einzelne Museen setzen sich mit ihrer Rolle und ihrer Verantwortung für die Demokratie auseinander. Ein Beispiel für das proaktive Engagement ist das kürzlich vom Europäischen Hansemuseum herausgegebene „Lübecker Manifest für Museen.“ – ein klares und verbindliches Dokument, das die Bedeutung von Museen als unabhängige, demokratische Institutionen betont und ihre Rolle als Orte des Dialogs und des freien Austauschs von Ideen untermauert. Es ist ein gemeinsames Bekenntnis aller Lübecker Museen, die sich dieser Verantwortung bewusst sind und wurde mit der Absicht ins Leben gerufen, nicht nur ein starkes Zeichen zu setzen, sondern auch andere Institutionen zur aktiven Beteiligung zu ermutigen. Es stellt eine klare Haltung dar und fordert Museen dazu auf, sich für Vielfalt, Inklusion und historische Genauigkeit einzusetzen. Diverse Museen und kulturelle Einrichtungen haben das Manifest bereits unterzeichnet und ihre Unterstützung für die Werte der Demokratie und des offenen Dialogs bekundet. Die Teilnahme an diesem Manifest stärkt das Fundament für eine gemeinsame Zukunft, in der Museen eine führende Rolle bei der Bewahrung und Förderung demokratischer Werte spielen.
Warum spielen Museen in dieser herausfordernden Zeit aber eigentlich eine so große Rolle?

Die Grundaufgabe von Museen ist es, Kultur zu bewahren und Wissen zu vermitteln. Darin sind sie besonders gut! Auf der Grundlage der neuen Museumsdefinition von ICOM, des weltweiten Museumsrates (International Council of Museums) sind sie sogar gefordert, offen zugängliche Orte der Diversität, der Nachhaltigkeit, der Inklusion und Partizipation zu sein oder zu werden.
Museen werden von Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung besucht, sie sind überall präsent und aktiv, auch in dörflichen und kleinen städtischen Zusammenhängen. Hinzu kommt, dass Museen eine herausragende Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung spielen. Die aktuelle Studie „Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland“ des Instituts für Museumsforschung zeigt, dass Museen im persönlichen und institutionellen Umfeld das höchste Vertrauen gleich nach Familie und Freund:innen genießen – vor Wissenschaftler:innen und Medien!
Inspiriert wurde die Studie in wesentlichen Teilen durch eine 2021 im Auftrag der American Alliance of Museums veröffentlichte Studie zu „Trust in Museums“. Museen erzielen die höchsten Vertrauenswerte unter allen öffentlichen Einrichtungen und heben sich damit deutlich ab von politischen Organisationen, zu denen ebenfalls Vertrauenswerte erhoben wurden. Sie genießen insgesamt wesentlich höheres Vertrauen als konkurrierende museumsähnliche Einrichtungen und Erlebnisformate. Das zeigt, dass es weniger das spezifische Erlebnis, als vielmehr die Institution Museum an sich ist, die das hohe Vertrauen begründet. Damit verbunden ist offenbar auch eine sehr konkrete Vorstellung davon, was ein Museum ist – bis hin zu einer Trägerschaft der öffentlichen Hand. Und: Das Vertrauensniveau ist über alle Museumsarten hinweg konsistent hoch. Innerhalb des Spektrums stehen Museen für Wissenschaft und Technik sowie Botanische Gärten an der Spitze der Vertrauensskala, dicht gefolgt von Naturkundemuseen.
Ein wichtiger Punkt ist das hohe Vertrauen, das Museen auch bei den Menschen im ländlichen Raum genießen, obwohl sie dort seltener besucht werden. Dieses Vertrauen zeigt, welchen positiven Beitrag Museen zur sozialen und kulturellen Versorgung in diesen Regionen leisten. Angesichts der aktuellen Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einigen weniger dicht besiedelten Gebieten sollte gerade dieser Nutzen von Museen stärker in den Fokus rücken.
Dieses außergewöhnlich hohe Maß an Vertrauen bringt selbstverständlich eine Reihe von Verpflichtungen mit sich, und es wird klar, dass Museen eine besondere Verantwortung tragen. Das verpflichtet die Museen dazu, erstklassige Arbeit zu leisten. Denn sie haben Einfluss. Sie können etwas Gutes tun. Was aber auch bedeutet, dass das Missbrauchspotenzial von Museen enorm ist und es hier leider keine einfachen und schnellen Lösungen gibt. Ihre Arbeit können Museen natürlich am besten und vor allem dann gut tun, wenn sie grundsätzlich einen von politischer Einflussnahme freien Raum für ihre Arbeit bekommen.
Und hier werden einzelne Maßnahmen nicht genügen: Es braucht das entschlossene Handeln von Gesellschaft und Politik, um Museen als Orte der Vielfalt, der Inklusion und der Demokratie zu bewahren und zu stärken. Hierbei ist es die Aufgabe der Politik, Museen zukunftsfest zu machen: durch einen gesetzlichen Schutz ihrer Unabhängigkeit, durch verlässliche und langfristige öffentliche Finanzierung sowie durch die Schaffung unabhängiger Ombudsstellen, die Museen bei politischem Druck wirksam schützen und unterstützen können. Eine Bildungsoffensive für kulturelle Demokratie muss darüber hinaus das Bewusstsein dafür schärfen, dass freie und starke Kulturinstitutionen eine unverzichtbare Säule unserer offenen Gesellschaft sind.
Nur wenn wir heute handeln, können Museen auch morgen sichere Räume für freie Wissensvermittlung, kritische Auseinandersetzung und lebendigen gesellschaftlichen Dialog bleiben – und so dazu beitragen, unsere Demokratie kraftvoll in die Zukunft zu tragen.
Der Artikel basiert auf einem Beitrag, der zunächst in der Ausgabe 04/2025 der Zeitschrift Politik & Kultur des Deutschen Kulturrates erschienen ist, und wurde für diese Veröffentlichung erweitert. https://politikkultur.de/internationales/jagdsaison-eroeffnet/
