Dienstag, 29. November 2022

Lebensqualität durch nachhaltigen Tourismus in Schleswig-Holstein

ThemaLebensqualität durch nachhaltigen Tourismus in Schleswig-Holstein

Touristische Mobilität gehört in vielfältiger Art und Weise zum modernen Deutschland. Bis zum Beginn der Coronapandemie waren so viele Menschen aus Deutschland auf Urlaubsreisen wie nie zuvor. Für viele Menschen in Deutschland stellen diese Reisen einen wichtigen Teil ihrer Konsumgewohnheiten dar; Urlaubsreisen gehören oftmals zum Lebensstandard und sind häufig ein Ausdruck des persönlichen Lebensstils. Darüber hinaus ist das Reisen für viele Erwerbstätige ein normaler Bestandteil ihrer Arbeitstätigkeit, zum Beispiel in Form von Geschäftsreisen mit oder ohne Übernachtung. Auch Videokonferenzen werden diese Reisen nicht vollständig ersetzen können. Werden zudem die Übernachtungsreisen zu Verwandten und Freund:innen sowie die Vielzahl der privaten Tagesreisen in die Betrachtung miteinbezogen, so wird deutlich: Deutschland ist in Bewegung – wenn auch gegenwärtig aus pandemischen Gründen immer noch gebremst.
Die mit den unterschiedlichen Reisen verbundenen Ausgaben können umfangreiche wirtschaftliche Effekte auslösen, so dass die Tourismusbranche mancherorts als Leit- oder Schlüsselbranche bezeichnet wird. Dies gilt auch für Schleswig-Holstein: Gemessen an der direkten Beschäftigungswirkung stellte die Tourismuswirtschaft vor der Pandemie (2019) die viertgrößte Branche des Bundeslandes dar. In vielen Teilen Schleswig-Holsteins sichert der Tourismus die wirtschaftliche Basis, die für eine grundlegende Lebensqualität notwendig ist. Die touristische Nachfrage löst einen Kaufkraftstrom vom Heimatort der Tourist:innen in das schleswig-holsteinische Reiseziel aus und der Aufenthalt der Tourist:innen führt dort zu einer Nachfragesteigerung nach Konsumgütern. Genau hiervon profitieren viele Gemeinden und Regionen: Es entstehen ortsgebundene Arbeitsplätze und Erwerbsmöglichkeiten für unterschiedliche Berufsqualifikationen. Und dies in sehr unterschiedlichen Wirtschaftssektoren, da die Tourist:innen am Reiseziel ganz unterschiedliche Güter und Dienstleistungen nachfragen. So profitieren nicht nur Gastgewerbe- und Verkehrsleistungen durch direkte touristische Einnahmen, sondern vor allem auch Angebote aus den Bereichen Kultur, Freizeit, Erholung und Sport sowie dem Handel.
Die gesamten Ausgaben der deutschen und ausländischen Tourist:innen in Schleswig-Holstein summierten sich 2019 schließlich auf gut 12 Mrd. €. Diese direkten Einnahmen fungieren wie ein Impuls und ziehen weitere Wirkungen nach sich: Der Bezug von Vorleistungen bei Zulieferern entfacht indirekte Effekte, die zur weiteren Belebung der Wirtschaft beitragen. Aus direkten und indirekten Effekten des Tourismus in Schleswig-Holstein resultierten Jobs für über 170.000 Erwerbstätige und eine Bruttowertschöpfung von insgesamt 6,8 Mrd. €. Auch wenn es in den beiden Folgejahren diesbezüglich pandemiebedingt Einbrüche gab, gibt es vielfältige Gründe, davon auszugehen, dass diese Größenordnungen in Zeiten nach der Pandemie wieder regelmäßig erreicht werden können.
Darüber hinaus sind die durch den Tourismus ausgelösten Infrastruktureffekte für viele touristische Regionen und Gemeinden insbesondere im ländlichen Schleswig-Holstein von großer Bedeutung: Die zusätzliche Nachfrage durch Tourist:innen führt dazu, dass Infrastrukturangebote vor Ort besser ausgelastet und ökonomisch tragfähiger werden können. Die Einwohner:innen profitieren insofern hiervon, da diese Angebote auch ihnen zur Verfügung stehen. Dabei kann die Bereitstellung ganz verschiedener Angebots- und Versorgungselemente gesichert werden – bspw. Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie-, Freizeit- und Unterhaltungsangebote, Kommunikations- und Verkehrsinfrastrukturen, aber auch Einrichtungen der ärztlich-medizinischen Versorgung.

Lesen Sie den Artikel kostenfrei im Original-Layout oder im Rahmen unseres Online-Abonnements

Bernd Eisenstein

Weitere Artikel

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn die Menschheit schon immer sehr mobil gewesen ist, scheint der temporäre Ortswechsel „zum Vergnügen“ ein recht junges Phänomen zu sein. Einer der frühesten Belege für die Übernahme des englischen Begriffes tourist ins Deutsche findet...

17 Ziele, die unsere Welt verändern

Die 17 Nachhaltigkeitsziele wurden 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Bis 2030 sollen sie erreicht werden. In Deutschland unterstützen die Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN) Akteure, Unternehmen und Institutionen auf dem Weg dorthin.

Vom Reisen zum Tourismus. Ein historischer Rückblick

Zum Vergnügen irgendwohin reisen? Bis vor gar nicht allzu langer Zeit machten das bloß „seltene Narren“. Erst mit dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert begann der Aufschwung des organisierten Tourismus. Und mit ihm seine Gegenbewegungen in Frühformen von Slow Tourism und Micro-Adventures

Artikel aus den letzten Ausgaben

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, „einzugestehen, dass unser mitteleuropäischer Wohlstand, der überhaupt erst solch eine luxuriöse Selbstbefragung des Menschen wie das...

Der Polnische Pavillon auf der NordArt 2022

Die große Kunstausstellung in Büdelsdorf legt in diesem Jahr ihren Länderfokus auf unser Nachbarland Polen. Jan Wiktor Sienkiewicz, Kurator des Länderpavillons, gibt im Gespräch mit Chefredakteur Kristof Warda einen Einblick in seine Auswahl und erläutert, warum er nicht nur Kunst aus Polen zeigt.

Die große Ostsee-Flut 1872

Vor 150 Jahren, im November 1872, trifft das bislang schwerste Sturmhochwasser die südwestlichen Ostseeküsten zwischen Dänemark und Usedom. Eine Ausstellung im Museum für Regionalgeschichte im Ostseebad Scharbeutz zeigt, wo die meterhohen Wellen vor 150 Jahren besonders wüten, wie es zu der Katastrophe kommt und was wir aus ihr lernen können.

Zehn Jahre: Das Kammermusikfest Sylt feiert Geburtstag

Auf der Nordseeinsel Sylt steht seit 2012 ein jährlich stattfindendes, sommerliches Kammermusik-Festival auf dem Programm: das Kammermusikfest Sylt. An den verschiedensten Orten auf der ganzen Insel wird seither an fünf Tagen im Juli Kammermusik auf höchstem musikalischem Niveau zum Klingen gebracht.

Die Konstruktion von „Rasse“ auf Opernbühnen. Eine Bestandsaufnahme

Theater- und Musikwissenschaftler*in Daniele G. Daude legt offen, wie „Rasse“ auf der Opernbühne konstruiert wird und schlägt eine auf den Körper fokussierte Technik zur Opernanalyse vor, die auch die vorausgesetzten Regelsysteme und zugrunde liegenden gesellschaftlichen Werte und Normen miteinbezieht.

Grundlage für Diversität ist, Diskriminierung sichtbar zu machen

Mirrianne Mahn, Referentin für Diversitätsentwicklung des Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, stellt klar, dass Diversität nicht erreicht werden kann, ohne den Blick auf Diskriminierung zu richten.

Die Kulturzeitschrift abonnieren

Meistgelesen

Mahlzeit, Erstmal, Moin. Grüße in Nordfriesland und anderswo

Jeder kennt „Mahlzeit“ und „Moin“ als Gruß – zumindest in Norddeutschland; die Verabschiedung „Erstmal“ ist schon südlich von Eider und Nord-Ostsee-Kanal seltener. Wo kommen diese Grußformeln her und wie werden sie gebraucht? LANDRAT in...

Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen bereichern die Theaterszene nicht nur in Kiel und im Land. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Die gängigsten Spechtarten in Schleswig-Holstein

Diese Spechtarten können Sie in den Wäldern Schleswig-Holsteins entdecken

Tanne – Abies

Welf-Gerrit Otto betrachtet die Tanne im Spiegel von Mythologie und Volksglaube - und zeigt, wie die Wildpflanze in der Küche verwendung finden kann ...

Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Der Begriff "Heimat", wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Nachgelesen: Das bewegte Leben der Lotti Huber

Lotti Huber war eine Künstlerin. Sie war eine Lebenskünstlerin. In einschlägigen Artikeln wird sie als Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und avantgardistische Künstlerin bezeichnet. Übersetzerin und Schriftstellerin war sie auch. Martin Lätzel über das bewegte Leben der gebürtigen Kielerin.

(Un)bekannte Moderne: Die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra in Quickborn

Die Architektur-wissenschaftler Barbara von Campe, Eva von Engelberg-Dockal und Johannes Warda sprechen über die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra und die Moderne im Allgemeinen

Wie Theodor Fontane mit einem Wortspiel einen Kriegshelden erschuf

Der Pionier Carl Klinke wurde nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 zum Kriegsheld stilisiert. Eine wichtige Rolle dabei spielte Theodor Fontane ...