Deutsch oder Dänisch? Die Volksabstimmung 1920 als Geburtsstunde der Minderheiten

Die um 1900 gebaute Wahlurne wurde noch bis 1985 bei Wahlen eingesetzt

Im Jahr 1920 waren die Bewohner der Region Schleswig aufgerufen, über ihre Staatszugehörigkeit abzustimmen: Deutsch oder Dänisch? Die sich aus der Volksabstimmung ergebende, bis heute gültige Grenzziehung hinterließ auf beiden Seiten nationale Minderheiten. In Kooperation mit dem Deutschen Museum Nordschleswig beleuchten wir 100 bewegte Jahre Geschichte der deutschen Minderheit in Dänemark durch den Blick auf 100 Exponate des Museums. Dieses Mal Nr. 1: Die Wahlurne der Gemeinden Uberg und Seth


Die kleinen Dörfer Uberg und Seth liegen südlich der zu Dänemark gehörenden Stadt Tondern und nördlich des in Deutschland gelegenen Ortes Süderlügum. Die dänischen Ortsbezeichnungen sind Ubjerg bzw. Sæd. Wie viele Orte und Dörfer der deutsch-dänischen Grenzregion wurden sie durch das Aufkommen des nationalen Gegensatzes zwischen Deutsch und Dänisch am Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt.

Bei der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848-1851 und dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 stand vermutlich ein überwiegender Teil der Bevölkerung von Uberg und Seth auf der deutschen Seite. Bei der Volksabstimmung 1920, als die Bevölkerung nördlich und südlich der heutigen Grenze über ihre Zugehörigkeit zu Deutschland oder Dänemark entscheiden sollte, hatten beide Gemeinden eine große Mehrheit für die deutsche Seite. In Uberg stimmten 90 Prozent und in Seth 80,85 Prozent für den Verbleib bei Deutschland. In absoluten Stimmen ausgedrückt waren dies 63 deutsche Stimmen in Uberg und 152 in Seth. Obwohl beide Gemeinden mehrheitlich für die deutsche Seite stimmten, fielen sie doch an Dänemark.

Dies lag daran, dass in Nordschleswig/Sønderjylland nicht gemeindeweise abgestimmt wurde, sondern ein Gesamtergebnis für Nordschleswig entscheidend war. In ganz Nordschleswig stimmten 74,9 % für Dänemark und 25,1 % für Deutschland. Damit wurden auch die beiden Gemeinden Uberg und Seth ein Teil Dänemarks. Diejenigen, die in Uberg und Seth und in ganz Nordschleswig/Sønderjylland für die deutsche Seite stimmten, bildeten ab 1920 die deutsche Minderheit. Somit ist die Volksabstimmung 1920 die Geburtsstunde der deutschen Minderheit in Nordschleswig/Sønderjylland.

Aufgrund der deutlichen Mehrheit wurden die beiden Dörfer Uberg und Seth auch weiterhin durch ihre deutsch-nordschleswigsche Bevölkerung geprägt. Dies zeigt sich unter anderem an der 1925 eingeweihten Gedenkstätte für die Gefallenen des 1. Weltkriegs. Später wurde die Gedenkstätte erweitert, so dass auch den Gefallenen des deutsch-französischen Kriegs und vom 2. Weltkrieg gedacht wird.

Ein deutliches Zeichen für die Prägung der beiden Gemeinden ist auch die Wahlurne, die sich seit 2007 im Deutschen Museum Nordschleswig befindet. Diese wurde um 1900 gebaut, als beide Gemeinden noch zum Deutschen Kaiserreich gehörten. Zu diesem Zeitpunkt waren beide Gemeinden eigenständige Verwaltungseinheiten, weswegen es verwunderlich ist, dass auf der Urne beide Orte genannt werden. Die Aufschrift lautet: „Wahlurne Gemeinde Uberg und Seth“. Bei genauerer Betrachtung kann man aber feststellten, dass es sich bei der Schrift von „Wahlurne Gemeinde Uberg“ um einen anderen Farbton handelt als bei der Farbe von „und Seth.“. Daraus lässt sich schließen, dass die Wahlurne ursprünglich nur für die Gemeinde Uberg bestimmt war.

Gesamten Artikel online lesen oder Print-Ausgabe bestellen

Hauke Grella,
Leiter der Deutschen Museen Nordschleswig

X
X