Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Sommer/Herbst 2026, 164 Seiten, Print.
Liebe Leserin, lieber Leser,
was ist Heimat? Ein Ort, eine Landschaft, eine Sprache, eine Erinnerung? Oder entsteht Heimat erst durch das, was Menschen an einem Ort tun – durch ihre Beziehungen, ihre Arbeit, ihre Geschichten und die Verantwortung, die sie füreinander übernehmen?
Die persisch-deutsche Lyrikerin Shima Kimia hat darüber mit Peter Stoltenberg, dem Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes, gesprochen. „Heimat entsteht immer wieder neu“, lautet ein Satz aus diesem Gespräch. Heimat ist demnach kein unveränderliches Erbe. Sie bleibt lebendig, wenn neue Erfahrungen und Menschen hinzukommen.
Wie das gelingen kann, zeigt der Museumsberg Flensburg, der in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert. Es entstand aus dem Wunsch, handwerkliche Fähigkeiten und regionale Besonderheiten angesichts der Industrialisierung zu erhalten. Heute befragt das Kunstmuseum seine eigene Sammlungsgeschichte und seine künftige Aufgabe.
Währenddessen zeigt ein besonderer Dichterwettstreit auf Helgoland, wie kulturelles Erbe lebendig bleibt. Das Werk von James Krüss wird nicht nur bewahrt und erinnert, sondern von heutigen Autorinnen und Autoren aufgegriffen, befragt und weitergeschrieben.
Bewahren bedeutet eben nicht, die Zeit anzuhalten. Im Werkgut in Meezen vermittelt die Designerin Mikaela Dörfel traditionelle Handwerkstechniken und arbeitet zugleich mit zeitgenössischen Produktionsverfahren. Wertschätzung, sagt sie, entstehe durchs Machen. Das gilt auch für Heimat: Wir begreifen ihren Wert, indem wir an ihr mitwirken.
Wie viele Orte und Erfahrungen ein Mensch in sich tragen kann, zeigt das Werk der Bildhauerin Lucia Figueroa. Córdoba, Spanien, Berlin, Ghana, Osterhever und Husum haben ihre künstlerische Sprache geprägt. Im Mittelpunkt steht der Mensch in seinen Beziehungen, Begrenzungen und Träumen. Heimat erscheint nicht als Gegenstück zur Vielfalt, sondern als etwas, das aus ihr wächst.
Ob Menschen sich an einem Ort beheimatet fühlen können, entscheidet sich auch daran, ob sie an ihm teilhaben dürfen. Karlotta Lorenzen erinnert mit dem Kieler Behindertenplan von 1981 an den langen Weg zu einer zugänglicheren Stadt. Ute Diez übersetzt in ihren SICHT_FELDERN Landschaftsansichten in tastbare Reliefs und Brailleschrift. Landschaft wird so auf andere Weise erfahrbar. Und die Hanse-Schule Lübeck zeigt, wie kulturelle Bildung, Erinnerung und Begegnung jungen Menschen ermöglichen, Demokratie nicht nur aus Büchern zu lernen, sondern als eigene Mitwirkung zu erleben.
Diese Ausgabe bewegt sich zwischen Flensburg und Lauenburg, Kiel und Lübeck, Meezen und Husum, Helgoland, Büdelsdorf und Eutin – und reicht zugleich bis nach Córdoba, ins Baltikum und nach Neapel. Heimat ist nicht das Gegenteil der weiten Welt. Sie ist ein konkreter Ort, an dem sich Welt sammelt: in den Erinnerungen, Erfahrungen, Sprachen, Bildern und Ideen all jener, die ihn mitgestalten.
Das alles und noch viel mehr in Ihrer neuen Schleswig-Holstein. Viel Spaß beim Lesen und Entdecken.

Sommer / Herbst 2024