Dr. Uwe Haupenthal im Gespräch

Was verbindet den im amerikanischen Diamantenhandel reich gewordenen nordfriesischen Auswanderer Ludwig Nissen (1855 – 1924) mit dem im Nationalsozialismus als ‚entartet‘ diffamierten bildenden Künstler Richard Haizmann (1895 – 1963)? Auf den ersten Blick nichts, aber sie sind beide Namengeber eines Museums und ‚ihre‘ Museen – das Nissenhaus in Husum und das Richard-Haizmann-Museum in Niebüll werden – zusammen mit zwei weiteren – von demselben Kunsthistoriker geleitet, von Dr. Uwe Haupenthal. Rolf-Peter Carl im Gespräch mit dem Geschäftsführer des Museumsverbundes Nordfriesland.


Rolf-Peter Carl: Herr Dr. Haupenthal, Sie sind der wissenschaftliche Leiter von vier Museen in Husum und Niebüll. Wie ist es zu dieser Personalunion gekommen und wie managen Sie diese Aufgabe?

Uwe Haupenthal: In den ersten fünf Jahren war ich ausschließlich in Niebüll tätig. Mit der Gründung des Musemsverbundes Nordfriesland im Jahre 1996 wechselte ich mit einer halben Stelle nach Husum als Kustos für die Wechselausstellungen.

Viele Aufgaben erledigen sich heute in einem Aufwasch. Kontakte zu Künstlern ergeben sich aus Reden und Aufsätzen. Daraus entstehen oft neue und spannende Projekte. Vor allem aber habe ich tüchtige Mitarbeiter, die mich von vielen Verwaltungsaufgaben freistellen.

Welche personellen und finanziellen Ressourcen stehen Ihnen für Ihre Häuser zur Verfügung? Wie finanzieren Sie die Unterhaltung der ständigen Sammlungen und Ihre Sonderausstellungen?

Uwe Haupenthal: Die finanziellen Ressourcen sind eher bescheiden und halten allenfalls eine Grundausstattung vor. Die Fördervereine in den einzelnen Häusern decken manchen Engpass ab. Darüber hinaus helfen Sponsoren und Kulturstiftungen. Für Husum ist in diesem Zusammenhang vor allem auf die NOSPA Kulturstiftung zu verweisen, die unseren Ausstellungsbetrieb in dieser Form überhaupt erst ermöglicht.

Schleswig-Holstein ist eben ein vergleichsweise armes Bundesland, das aber dennoch in seinen kulturellen Ansprüchen nicht hinter den anderen Ländern zurückstehen darf. Dabei überrascht es immer wieder, dass sich unsere Ziele tatsächlich realisieren lassen. Jedes Projekt ist zudem anders und bedarf einer individuellen finanziellen Strategie.

Sie können wählen, welches Ausstellungsthema für welche Räume bzw. in welchem Kontext zum Charakter des Hauses am besten passt. Verfolgen Sie mit den Wechselausstellungen gleichwohl eine je eigene Programmlinie im Nissenhaus, im Schloss vor Husum und im Richard-Haizmann-Museum?

Uwe Haupenthal: Im Richard Haizmann Museum zeigen wir neben dessen eigenen Arbeiten einzelne herausragende Künstler aus dem Lande und vor allem überregional bedeutende Kunst. Niebüll kann auf eine Ausstellungsabfolge zurückblicken, die man an einem solch abgelegenen Ort wohl kaum vermutet. Aber auch der künstlerische Stern von Richard Haizmann steigt, wenn auch langsam, so doch kontinuierlich, was nicht zuletzt auf mehrere Kataloge sowie eine Monografie mit zahlreichen Abbildungen zurückzuführen ist.

Das Schloss vor Husum ist gleichermaßen auf einem guten, überregional ausgerichteten Weg. So zeigen wir etwa in diesem Sommer grafische Blätter von Käthe Kollwitz. Darüber hinaus ergeben sich durch das Vorhandensein einer eigenen Sammlung immer neue Themen. Zudem präsentieren wir in den Wintermonaten grafische Blätter aus den nicht ganz kleinen Sammlungen der Nissenstiftung. Im übrigen bieten gerade diese Ausstellungen eine wunderbare Gelegenheit, mit Entdeckungen aufzuwarten.

Das NordseeMuseum wiederum hat einen deutlichen Schwerpunkt in den Themen Meer, Deichbau und Küstenschutz. Überaus gerne denke ich in diesem Zusammenhang an die Ausstellung mit den dunklen Nordmeer-Bildern von Werner Knaupp oder an die Ausstellung zur Sturmflut 1962 zurück. Augenblicklich bereiten wir mit der Kieler Universität, der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein, dem Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz und namhaften Wissenschaftlern eine Ausstellung zum Thema Rungholt vor, die mich immer wieder ins Staunen versetzt.

Das NordseeMuseum besitzt aber auch eine volkskundliche Abteilung und ist Stadtgeschichtliches Museum, was nicht zuletzt den Bezug zur unmittelbaren Region einfordert. Nicht zuletzt sei in diesem Zusammenhang auf die faszinierende Persönlichkeit unseres Museumsstifters Ludwig Nissen hingewiesen, einen der wirtschaftlich erfolgreichsten Auswanderer Schleswig-Holsteins. Seine Sammlung mit amerikanischer und europäischer Kunst sowie der Erwerb einer ethnologischen Sammlung aus Weimar in den 1920er Jahren gibt dem Husumer Museum ein ganz eigenes und unverwechselbares Gepräge, auf das wir auch in wechselnden Ausstellungen reagieren.

Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft in Karlsruhe, hat kürzlich in der ZEIT eine Philippika gegen die „missionarischen Kunstvermittler“ losgelassen. Teilen Sie seine Auffassung, dass sich die Museen beim „Anwerben von Zielgruppen“ zuweilen unter ihr Niveau begeben und so ihre eigentliche Bildungsaufgabe verfehlen?

Uwe Haupenthal: Unbedingt! Wir sollten uns in den Museen auch in der medial bestimmten Welt unsere Ziele nicht von außen diktieren lassen. Das aber setzt sowohl einen anderen Zeitbegriff als auch das Beharren auf einem absolut gesetzten Qualitätsbegriff voraus. Ein gutes Kunstwerk veraltet niemals und kennt demnach auch keine „Zielgruppe“. Ein Museum aber, das sich wissentlich in eine Schieflage begibt, um erfolgreich zu sein, hat auf Dauer seine Existenzberechtigung verloren.

Das Frankfurter Städel macht jetzt seine komplette Sammlung digital verfügbar. Verliert das Original im Museum allmählich seine Bedeutung? Wird das Museum als realer Erlebnisort demnächst überflüssig?

Uwe Haupenthal: Nein, ganz im Gegenteil! Die Digitalisierung der Sammlung gewährleistet einen raschen informativen Zugriff und erleichtert das Arbeiten im Museum. Auch wir sind daher wie viele andere schleswig-holsteinische Museen an digiCULT, d. h. an der Digitalisierung unserer Sammlung, beteiligt und verfolgen vergleichbare Ziele. Das aber wird niemals das Erlebnis des Originals ersetzen können, da nur dieses ein authentisches und nachhaltig wirkendes Erlebnis garantiert. Aus diesem Grunde ist übrigens auch gute Museumsarchitektur notwendig, so wie sie nicht zuletzt das Frankfurter Städel mit seinem Erweiterungsbau vorhält.

Chris Dercon, ehemals Direktor am Münchner Haus der Kunst, gegenwärtig an der Tate Modern in London und künftiger Intendant der Berliner Volksbühne hat in einem Interview erklärt: „Die Museen von heute sind wie Theaterräume; deshalb habe ich auch keine Angst, an die Volksbühne zu gehen“. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Uwe Haupenthal: Ein Museum darf sich niemals gegenüber äußeren Veränderungen verschließen, sondern muss sich im Grunde immer wieder neu erfinden. So gesehen hat Chris Dercon recht.

Ein Museum kann durchaus laut und spektakulär sein, muss sich aber auch seine genuine innere Verfasstheit bewahren. Es ist daher immer auch ein Ort der Stille, der Kontemplation, der persönlichen Erlebnisse, der individuellen Entdeckungen, der ästhetischen Lust und der Erfahrung von Schönheit. Eine Steigerung der Besucherzahlen ist uns wichtig, wenngleich wir niemals die Vermittlung einer besonderen, individuell begründeten Qualität aus den Augen verlieren dürfen. Museen sollten sich nicht als Getriebene begreifen, sondern Rückzugsorte für den vielfach getriebenen modernen Menschen sein und ihm dabei Wege zur eigenen Identität und zu deren Wurzeln aufzeigen. Das aber geschieht auf gänzlich unterschiedliche Weise und erweist sich als ein überaus spannender Prozess. Vordergründige Erfolgszahlen helfen da nicht wirklich weiter.

Herr Dr. Haupenthal, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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