Michael Mattern: Technikpionier der Bilderwelt

Itzehoe, ein Einfamilienhaus in bürgerlichster Umgebung: Im Dachgeschoss widmet sich Michael Mattern, Jahrgang 1946, der Schöpfung von Kunst modernster Machart. Er sucht in Bauplänen, Prozessbildern und Anleitungen technischer Geräte und Anlagen grafische Elemente, extrahiert sie und ordnet sie auf der Leinwand malerisch neu an. Kunsthistorisch betrachtet finden sich durchaus Anklänge an den Konstruktivismus der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, der mit strengen geometrisch-technischen Gestaltungsprinzipien umging.

Der Itzehoer Künstler Michael Mattern
Der Itzehoer Künstler Michael Mattern

Mattern ist im Vergleich eher ein eleganter Hannibal Lecter unserer technophilen Zeit, wenn er Smartphones, beutellose Staubsauger oder Turbinen in ihre Grundformen seziert und mit diesen Formen je nach Inspiration neue Werke von spielerischer Leichtigkeit und radianter Komplexität oder schwerindustrieller Wuchtigkeit erschafft.

Bazon Brock gerät ins Schwärmen

Der Kunstbetrieb nahm vom Werk Matterns vor allem durch Bazon Brock Notiz, der von der Entdeckung der Bildwürdigkeit technischer Formen durch Mattern entzückt war. Brock, selbstdarstellender „Kunstvermittler“ mit schillernder akademischer Karriere, schwärmt in seinen Vorträgen von einer „Pioniertat“ Matterns, vergleichbar mit anderen großen Namen der Moderne wie Fernand Léger oder Heinrich Hoerle, die der Kunst Quantensprünge verschafft hätten.

Michael Mattern: Hommage to Lèger, 2011
Hommage to Lèger, 2011

Berufliches Opfer der digitalen Revolution

Sammler von Matterns Werken schätzen deren Wallpower und Modernität, kennen aber meistens nicht das Drama, das hinter dem künstlerischen Beginn gestanden hat. Nach strenger konfessioneller Heimerziehung und unkonventionellen Halbweltaktivitäten als Portier von Animierlokalen oder Ähnlichem, besinnt sich Mattern auf seine genetische Ausstattung als guter Zeichner und erklimmt in kurzer Zeit eine hohe Position in der Bildbearbeitung eines führenden Hamburger Verlagshauses.

Kaum dort angekommen, beginnt die digitale Revolution Einzug zu halten. Matterns Kollegen werden wegrationalisiert oder führten fortan – damals noch in abgedunkelten Studios – kreativ limitierte Arbeitspakete an schwerfälligen Rechnern durch. Matterns Künstlerseele kann die Qual nur kurze Zeit ertragen, dann will sie freischaffend werden und nimmt sich – quid pro quo – gerade die Technik zum dauerhaften Sujet. Als Revanche für den Verlust seiner beruflichen Etablierung besieht sich Mattern seitdem die Technik von innen, führt eine Exzision ihrer Organe durch und konfiguriert diese auf der Fläche neu, nach überlegten Konzepten oder in Ausnahmefällen auch intuitiv. Jedes Werk ist sein Sieg über die Technik, die Matterns Talente verdrängen, jedenfalls aber bedrängen und beherrschen wollte.

Mobile “Dauerausstellungen”

Mit diesem emotionalen Gepäck, das Michael Mattern am Beginn der Zeitenwende zur Digitalisierung geschultert hat, wird er auf seinem künstlerischen Weg tiefe Spuren hinterlassen. Während der Meister im Oberstübchen in Schöpferlaune an der Kunst arbeitet, ist seine Frau Ute im Erdgeschoss mit der Vermarktung beschäftigt. Die neueste Anfrage kommt von einem Unternehmer, der die Außenhaut von zwei Fernbussen mit Werken des Künstlers gestaltet haben will. Die Vorstellung einer Matternschen Dauerausstellung deutschlandweit „on the road“ amüsiert die Künstlergattin, macht ihr gute Laune.

Ducati Desmotronik · Analyse CCCI + Recycling von A.CCC+CCCI, 2014. Fotograf Manfred Schwellies
Ducati Desmotronik · Analyse CCCI + Recycling von A.CCC+CCCI, 2014. Fotograf Manfred Schwellies

Einen mobilen Mattern gibt es bereits. Einem Hamburger Sammler kam die Idee, technische Details seines Ducati-Superbikes durch Mattern auf der Verkleidung seines PS-starken Zweirades wiedergeben zu lassen und dies auch noch im neuartigen Verfahren der Folierung. Das sehenswerte Ergebnis schafte es zum „Bike des Monats“ im „Kradblatt“ und wurde sogar in einem Vierseiter des auflagenstarken „Motorrad“- Magazins im Kontext des erkenntnistheoretischen Klassikers „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ besprochen.

Von “Wallpower” bis “Technikzynismus”

Überhaupt gibt es neben Ausstellungsroutinen und Atelierbesuchen von Sammlern in letzter Zeit viel Ungewöhnliches. Bis zum Jahreswechsel bespielte Mattern z.B. mit seinen Werken sämtliche Schaufenster des Stör-Carree, eines Kaufhauses in der Innenstadt von Itzehoe und vertrieb zusätzlich mit Licht-Installationen die winterliche Tristesse aus den umliegenden Gassen. Das Werk „m-Eine Geschichte des Konstruktivismus“ arrondiert zur Installation mit Artefakten des Informationszeitalters wie Silikonwafern und Festplatten im größten Schaufenster des Kaufhauses zog die Passanten magisch an.

m-Eine Geschichte des Konstruktivismus, 2010

Wie in der modernen Kunst üblich, kam es nicht auf das Nachvollziehen der vom Künstler angelegten Geschichte an, sondern jeder Betrachter konnte seine eigene Geschichte hineindeuten, bzw. einfach das Seherlebnis des Kunstwerks auf sich wirken lassen.

Insofern kann das Faible für die Kunst von Michael Mattern viele Gründe haben. Vom vergeistigten Philosophen sloterdijkscher Prägung, der in den Werken Matterns einen „Technikzynismus“ zu erkennen meint, bis zu rein dekorativen Erwägungen, für Michael Mattern ist jede Motivation für das Interesse an seiner Kunst gleichwertig.

Every Breath You Take, 2013.
Every Breath You Take, 2013

Gern erzählt er auch die Geschichte von einem Triptychon das im Itzehoer Theater hing, bis die neue Intendantin es aus rein geschmäcklerischen Gründen abhängen ließ. Das verschmähte Werk fand im Handumdrehen einen neuen Käufer, der es auf der extra farblich angepassten Wand der Werkskantine stolz seinen Mitarbeitern präsentierte.

Kommt sie noch, die große Werkschau?

Bei aller Lässigkeit treibt den Künstler kurz vor seinem Siebzigsten doch eines um: Kommt sie oder kommt sie nicht, die große Werkschau mit musealem Glanz mit Menschenschlangen am Eingang und Kartenverkauf? Die Chancen stehen derzeit gut, aber der Schaffensdrang macht den Künstler ungeduldig. Welche Bilder müssen für diesen Zweck von Sammlern zurückgeholt werden, welche sind noch zu erschaffen und was kann aus dem Bestand verwendet werden?

Partner, 2012

Im Geiste hat er die Säle schon bebildert. Wenn dieser Film läuft, benötigt Mattern Ablenkung. Zur Entspannung spaziert er gern durch die Natur seiner norddeutschen Heimat, wechselt von Technik und Leinwand ins organische Habitat. Viel Zeit bleibt heute nicht dafür. Morgen kommt ein Pumpenfabrikant, für den Großformatiges rausgesucht werden muss und nach Praxisschluss will ein Ohrenarzt noch ein abstrahiertes Hörgerät an die Wartezimmerwand genagelt kriegen, auf das er schon zwei Monate wartet. Auf die Reaktion des Käufers ist Mattern schon gespannt :„Sehen statt Hören“ ist das Motto des Abends sagt Michael Mattern und schmunzelt dabei. //

Bernd Roloff
Resident Laudator bei Nissis Kunstkantine, Hafencity Hamburg

zur Website von Michael Mattern