(Un)bekannte Moderne: Die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra in Quickborn

Der Tag des Offenen Denkmals findet in diesem Jahr am 8. September statt und steht unter dem Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“.


Mit der Architekturvermittlerin Barbara von Campe und der Architekturhistorikerin Eva von Engelberg-Dočkal sprach Johannes Warda über die Moderne im Allgemeinen und über ein besonderes Beispiel aus Schleswig-Holstein im Speziellen.


Johannes Warda (JW): Das Motto des diesjährigen Denkmaltages lässt einen im Jahr 2019 sofort an die 100. Wiederkehr der Gründung des Staatlichen Bauhauses in Weimar denken. Der Denkmaltag möchte den Begriff „modern“ aber im weiteren Sinne als Bruch mit dem Althergebrachten, ganz unabhängig von einer konkreten Epoche, verstanden wissen. In dieser Bedeutung wird der Begriff bereits in der Spätantike verwendet. Trotz des jubiläumsgeleiteten Fokus auf der sogenannten klassischen Moderne werden also Objekte und Gebäude aus allen Zeiten, die einmal etwas Unerhörtes darstellten, im Mittelpunkt des Programms stehen. Warum ist es wichtig, den populären Moderne-Begriff immer wieder in Frage zu stellen und auf die Vielfalt gleichzeitiger, aber unterschiedlicher Entwicklungen hinzuweisen?

Eva von Engelberg-Dočkal (EvE): Bis heute wird die Architekturgeschichtsschreibung von einem gewissen Tunneldenken bestimmt, das die Protagonisten der klassischen Moderne selbst haben. Man schaut nur auf die eine elitäre Seite, Sachlichkeit und den Internationalen Stil der 1920er und 30er Jahre. Die meisten Bauten dieser Zeit sind aber ganz anders, viel unspektakulärer und oftmals historisierend: keine Leuchttürme der „schicken“ weißen Moderne wie das ikonische Haus Schroeder in Heikendorf. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir immer nur fragen, wann das früheste Beispiel, die fortschrittlichste technische Errungenschaft, die gewagteste Lösung, die eleganteste Form und so weiter aufgetreten sind, und dies als alleinige Qualitätsmerkmale verstehen.

Architekturen, die sich nicht dezidiert über einen Bruch mit dem Status quo definierten, geraten so aus dem Blick: Die für Schleswig-Holstein wichtige Heimatschutz-Architektur etwa wollte sich nicht kontrastierend vom Alten absetzen, sondern eine Tradition fortschreiben – die dann natürlich auch erst konstruiert wurde, aber das wäre ein anderes Thema. Fest steht jedenfalls, dass wir kaum fundierte wissenschaftliche Methoden haben, um diese andere Form einer Moderne, wenn wir von Moderne als Epoche sprechen, bewerten zu können. Ich glaube, da müssen wir grundsätzlich umdenken. Gerade für das ländlich geprägte Schleswig-Holstein mit vielfach schlichten Bauten wäre das sehr wichtig.

JW: Barbara von Campe, Sie haben im Rahmen des Projektes „Neutras Erben: Schleswig-Holsteins unbekannte Moderne“ mit der Klasse 10b des Quickborner Elsensee-Gymnasiums ein Beispiel der Nachkriegsmoderne hier im Land erkundet, auf das die eben erwähnten Kriterien gleichermaßen zutreffen: einerseits ein prominenter Leuchtturm der Nachkriegsmoderne, andererseits aber eher ländlich gelegen und nicht ganz so bekannt wie die Ikonen der klassischen Moderne – die BEWOBAU-Siedlung in Quickborn von Richard Neutra.

Barbara von Campe (BvC): Die Neutra-Siedlung liegt vor der Haustür der Schüler, da bot es sich, im Europäischen Kulturerbejahr 2018 an, die Moderne und ihre europäischen und globalen Einflüsse zu untersuchen. Wir haben die Schüler ausschwärmen und eigenständig recherchieren lassen. Mehr als 15 Eigentümer haben für das Projekt großzügig ihre Häuser und Gärten geöffnet. Die Schüler hatten einen Lageplan, in dem vermerkt war, was wo fotografiert werden durfte – bei den einen innen, bei den anderen nur außen. Weil wir eine Veröffentlichung planten, spielten Privatsphäre und Datenschutz eine große Rolle. Die Grundstücke sind ohne Weiteres zugänglich: Man geht durch die Straßen und hat keinerlei Einblick mehr in das ursprünglich offen und fließend angelegte Gelände – heute verwehren Hecken die Sicht. Die Schüler kamen wieder und hatten ganz viele Stichworte im Kopf, eigentlich die wesentlichen. Sie haben sofort gemerkt, was hier los ist: Die Verbindung von innen und außen – im Wohnzimmer zu sitzen und sich doch wie im Garten zu fühlen. Einer der Schüler nannte das den „Wow-Effekt“. Ich finde es faszinierend, dass der Funke sofort übergesprungen ist. Das war ein großartiger Ausgangspunkt, um das Gesehene und Erlebte zu vertiefen. Ich glaube, vielen ist nicht bewusst, dass wir hier in Schleswig-Holstein so etwas haben.

EvE: Etwas Fremdes – aber nicht ganz fremd, denn Neutra hat seine Bauweise durchaus angepasst und die spektakulären Villen, die er sonst entworfen hat, auf kleinere Siedlungsbauten heruntergebrochen. Es ist eine verdichtete Wohnsiedlung geworden, an die deutschen Gepflogenheiten angepasst und nicht ganz so offen wie die kalifornischen Häuser. Neutra hat überdies mit dem Hamburger Gartengestalter Gustav Lüttge zusammengearbeitet, der auch landestypische Pflanzen vorsah. Und die verwendeten Materialien unterscheiden sich deutlich von denen der Häuser in Kalifornien: in Quickborn kommen etwa rote Ziegel und Waschbeton zum Einsatz.

BvC: Richard Neutra schreibt in seiner Autobiografie wie es war, aus Amerika kommend die Wünsche der Quickborner Bauherren einzubeziehen. Sie wollten einen Vorraum, während Neutra beim Betreten des Hauses offene Übergänge in den Wohnraum bevorzugte. In der Hoffnung, dass auf die Trennwand aus Kostengründen verzichtet werden würde, hat er diese als teures Zusatzmodul angeboten. Ebenso hielt er den Keller für unnötig: Die Menschen dachten damals aber noch stärker an die Vorratshaltung. Also wurden die Häuser teilunterkellert. Es gibt also ein paar Details, an denen man merkt: Neutra hat sehr genau hingehört und ist auf die Eigenheiten und Bedürfnisse seiner deutschen Auftraggeber eingegangen.

JW: Neutra hat in seiner Architektur Vorstellungen des sogenannten Biorealismus umgesetzt. Woran sieht man das in Quickborn?

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Das Gespräch führte Johannes Warda im Juni 2019 an der Bauhaus-Universität Weimar.

Barbara von Campe hat Innenarchitektur, Denkmalpflege und Bauforschung studiert. Sie ist Kulturvermittlerin des Landes Schleswig-Holstein „Schule trifft Kultur – Kultur trifft Schule“, Gründerin der Kulturerben | Cultural Heirs e.V. (www.kulturerben.eu) und Initiatorin zahlreicher Projekte zur Kulturerbe- und Baukulturvermittlung im Norden.

Eva von Engelberg-Dočkal ist Architekturhistorikerin und vertritt derzeit die Professur Theorie und Geschichte der modernen Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar.

Reza Ghadyani arbeitet als Fotograf, Regisseur, Filmemacher und Dozent. Er ist Werkstattleiter und Dozent an der Muthesius Kunsthochschule Kiel.

Johannes Warda studierte Geschichte, Politikwissenschaft, Amerikanistik und Architektur in Jena, Weimar und Berkeley. Als Historiker und Architekturwissenschaftler lehrte und forschte er an der Bauhaus-Universität Weimar, der Akademie der bildenden Künste Wien und der Technischen Universität Dresden. 2014 Promotion mit der Arbeit Veto des Materials. Denkmalpflege, Wiederverwendung von Architektur und modernes Umweltbewusstsein (erschienen 2016) als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Weitere Stipendien erhielt er von Fulbright und der Bauhaus-Universität Weimar. Von 2009 bis 2017 koordinierte er die BMBF-Forschungsverbünde „Denkmal – Werte – Dialog“ und „Welche Denkmale welcher Moderne?“. 2017/8 führten ihn Gastaufenthalte als Dresden Junior Fellow an die Technische Universität Dresden und an das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) an der Universität Leipzig. Seit 2018 hat er einen Lehrauftrag für Architekturgeschichte an der Fachhochschule Erfurt inne.


1 Eva von Engelberg-Dočkal: Richard Neutras Siedlung in Quickborn – »Kalifornische Moderne« in Schleswig-Holstein, in: DenkMal!
Zeitschrift für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein, 10. Jg., 2003, S. 37–47.
2 Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bd. Hamburg, Schleswig-Holstein. Bearb. v. Johannes Habich. München: Deutscher Kunstverlag,
1971, S. 527.

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