Sonntag, 3. Juli 2022

Editorial

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Chefredakteur Kristof Warda (Foto: Marie Jobst Photography)

Liebe Leserin, lieber Leser,

auch wenn die Menschheit schon immer sehr mobil gewesen ist, scheint der temporäre Ortswechsel „zum Vergnügen“ ein recht junges Phänomen zu sein. Einer der frühesten Belege für die Übernahme des englischen Begriffes tourist ins Deutsche findet sich in einem kleinen Wanderführer aus dem Jahr 1835, wie Susanne Luber zu berichten weiß – Titel: Der Holsteinische Tourist (Vom Reisen zum Tourismus, S. 10). Erst gestiegene Sicherheit, Komfort und Beschleunigung durch neue Verkehrsmittel wie die Eisenbahn – zusammen mit sozialen Innovationen wie dem Recht auf bezahlten Jahresurlaub – erlaubten hierzulande die Entwicklung des modernen Tourismus im späten 19. Jahrhundert – und provozierten, auch das weiß Susanne Luber zu berichten, erste Gegenbewegungen. Prägend für Schleswig-Holstein waren insbesondere die 1960er und 1970er Jahre, als der Tourismus in seine „industrielle Phase“ eintrat, wie Thorsten Harbeke es nennt (Von Sandburgen und Bettenburgen, S. 18).

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ trägt in seinem Kern die Einsicht, die eigene Existenz langfristig dadurch zu sichern, dass man ihre Bedingungen pflegt und erhält. Das gilt für den einzelnen Menschen ebenso wie für einen Betrieb, eine Gemeinschaft oder Gesellschaft. Aufgrund wirtschaftlicher Verflechtungen und globaler Auswirkungen lokalen Handelns (und Konsumierens) auf Natur, Mensch und Klima gilt dies nicht zuletzt für die Menschheit als Ganzes.

Linus Dolder, Sprecher von Fridays for Future, fordert im Interview politische Lenkungsentscheide, damit das 1,5°C-Ziel noch eingehalten werden kann und stellt fest: „Man muss es sich heute leisten können, nachhaltig zu leben“ (S. 110). Damit hat er leider in mehrfacher Hinsicht recht. Die günstige Urlaubsreise ist meist nur auf Kosten Anderer zu haben, zum Beispiel derjenigen Menschen, die im Hotel- und Gaststättengewerbe für niedrige Löhne schwere Arbeit verrichten (Laura Pooth: Nachhaltig heißt sozial, Seite 66) und derjenigen, die die während des Urlaubs konsumierten Produkte herstellen (Antje Edler: Nachhaltiger Tourismus in globaler Verantwortung, S. 76). Da auch die ökologischen Folgen nicht eingepreist sind, tragen einen weiteren Teil der eigentlichen Kosten die Natur und die kommenden Generationen. Und nicht zuletzt wir selbst: Das Klima verändert sich schon jetzt spürbar, wie Sebastian Wache erläutert (Und nun zum Wetter … S. 114). Meike Zumbrock berichtet von der Suche nach Anpassungsstrategien im niedersächsischen Tourismus (Klima und Wandel in Niedersachsen, S. 124).

Auf Seiten von Hotels und Ferienwohnungsanbietern ist der Wille zur Nachhaltigkeit oft da, ebenso jedoch die wirtschaftlichen Zwänge und manchmal schlicht die große Frage: Wo anfangen? Am Beispiel eines Hotels zeigt Nele Feldkamp, wie nachhaltiges Handeln dennoch Teil der Betriebskultur werden kann (S. 146), Anna-Lisa Cohrs stellt das BUND-Projekt Urlaub fürs Meer vor, das Vermietenden von Ferienwohnungen dabei hilft, den Aufenthalt ihrer Gäste nachhaltiger zu gestalten (S. 92). Anke Lüneburg zeigt einfache und kostengünstige Möglichkeiten auf, wie Anbieter Zugänglichkeit und Komfort im Urlaub für alle ermöglichen können (S. 70).

Der Ansatz des nachhaltigen Tourismus werde zwar vielerorts aufgegriffen, sagt Bernd Eisenstein ab Seite 26, doch bestehe der Eindruck, „dass dabei mancherorts das Primat der Ökonomie erhalten geblieben ist.“ Eine nachhaltige Tourismusentwicklung im eigentlichen Sinne erfordere jedoch mehr als die Flankierung ökonomischer Belange durch ausgewählte soziale und ökologische Aspekte, meint der Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung.

In diesem Sinne rückt Nachhaltigkeit für das Land Schleswig-Holstein in der überarbeiteten Tourismus-Strategie 2030 stärker ins Zentrum, erklärt Minister Bernd Buchholz (S. 34) und Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Landesmarketingorganisation TA.SH betont, dass in der Kommunikation und Vermarktung des Landes als Reiseziel und Tagungsort kein Greenwashing betrieben werden darf (S. 50).
Bis 2030 sollen auch die 17 von den Vereinten Nationen 2015 beschlossenen, rechtlich allerdings nicht bindenden, Nachhaltigkeitsziele global erreicht werden (S. 6). Die Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN) leisten wichtige Aufklärungs- und Vernetzungsarbeit auf dem Weg dorthin.

Ich bedanke mich bei Maria Grewe-Grimmelsmann, Dörte Busse-Meyn und Cordula Wellmann sowie beim gesamten Team von RENN.nord für die gute und horizonterweiternde Zusammenarbeit, die für dieses Themenheft maßgeblich war. Ihnen, liebe Leser:innen, wünsche ich eine spannende Lektüre,

aus dem Land der Horizonte im echten Norden,

viel Spaß beim Lesen und Entdecken,

Ihr Kristof Warda

k.warda@schleswig-holstein.sh

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