Theaterfotografie heute: Olaf Struck

Mit seiner kleinen Nase stupst Wolle ganz vorsichtig Olaf Strucks Knie, schnuppert, guckt hoch, dann zur Seite. „Sind da Gerüche von einem anderen Hund? Und was hat der in der Hand?“ wird sich Wolle denken. Egal, Wolle – ein sogenannter Wolfhybrid – eine Mischung aus Hund und Wolf – erkundet weiter die Studiobühne des Schauspielhauses. Überall steht Technik herum, sind Podeste aufgebaut, Kameras haben ihn im Blick, nehmen jede kleine Bewegung des Tieres auf.

Es ist ein ganz besonderer Drehtag an der Holtenauer Straße in Kiel im Juni 2016. Die Filmemacher Kay Otto und Aron Kraus aus Hamburg erstellen Kurzfilme für die Sommertheater-Produktion „Die Räuber“ am Seefischmarkt Kiel. Und Wolle ist für einen der Filme der Hauptakteur. Er soll im zornigen Monolog von Franz im ersten Akt auf der Videoleinwand im Hintergrund die dunkle Stimmung der Szene unterstützen. „Das war schon ein ganz besonderer und gleichzeitig intimer Moment“, erinnert sich Olaf Struck. „Ich habe mich ruhig in die Ecke gesetzt, damit der Hund nicht abgelenkt ist. Mein Ziel an dem Tag: Eine eindrucksvolle Aufnahme des Tieres machen, wie er mit der Kamera agiert.“ Und da ist jeder noch so kleine Moment enorm wichtig. „Wolle näherte sich irgendwann der Filmkamera und: Klick! Das perfekte Bild ist im Kasten“, so Struck weiter.

Und die Arbeit hat sich gelohnt – wenige Tage später veröffentlichten die „Kieler Nachrichten“ das Foto auf dem Titel der Tageszeitung als Hauptaufmacher, einige Monate später wird Olaf Struck für diese ganz besondere Aufnahme für den „PR-Bild Award 2016“ in Hamburg von der dpa-Tochtergesellschaft „News Aktuell“ nominiert.

Theaterfotografie hat sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre enorm weiterentwickelt. Und für Olaf Struck, seit August 2003 am Theater Kiel, verändert sich so auch sein gesamtes Berufsbild. „Es geht nicht mehr nur noch um die klassische Frontal-Theaterfotografie, wie sie meine Vorgänger umgesetzt haben.“ Olaf Strucks Fotos sollen Geschichten erzählen – wie die von Wolle. „Zunächst steht die Produktion an sich gar nicht im Vordergrund, sondern die Geschichte hinter dem Bild.“ Die Aufnahme soll neugierig machen. Und erst im zweiten Schritt geht es um die eigentliche Theaterproduktion – in dem Fall „Die Räuber“. „Für mich ist das eine sehr spannende Entwicklung“, so Struck weiter und ergänzt vor allem auch seinen persönlichen Schwerpunkt – den Fotojournalismus. „Ich inszeniere die Bilder und das Setting nicht selbst, sondern gehe mit den gegebenen Umständen um.“ Als Theaterfotograf begleitet man die Proben, ist stiller Teilnehmer, beobachtet und drückt im richtigen Moment ab. „Und mit den Aufnahmen dann den Spagat zwischen Kunst und Werbung zu schaffen, ist eine große Herausforderung.“

Denn ein Bühnenbildner schaut auf Fotos ganz anders wie ein potenzieller Zuschauer ein Plakat entdeckt. „Die Parallele zum Fotojournalismus heißt: Nicht selber zu inszenieren, sondern mit gegebenen Umständen umzugehen und zu interpretieren.“ Das Besondere ist auch mit allen Widrigkeiten umgehen zu müssen. Ob beim Licht, bei den Kostümen, den Gesichtsausdrücken der Sänger und Darsteller. „Man kann als Fotograf nicht sagen: Das ist mir zu dunkel, ändert das mal.“

„Ich bin im August 2003 nach Kiel gekommen und ab dem Zeitpunkt haben Joachim Thode und ich zuerst parallel gearbeitet.“ Thode den Bereich Orchester und weiterhin mit analoger Technik. Olaf Struck von Anfang an digital für die anderen Sparten. Und was macht die digitale Technik so besonders? „Der große Unterschied ist natürlich die Arbeitserleichterung. Es gibt keine Dunkelkammer mehr, Filme müssen nicht entwickelt werden – bis morgens früh um Drei. Endlich mal im Tageslicht am Computer arbeiten.“ Und durch die Digitalkameras an sich kann Olaf Struck seine Arbeit auf dem kleinen Monitor direkt kontrollieren. „So gibt es keine bösen Überraschungen in der Dunkelkammer.“ Den Schritt macht er aber auch erst, als er weiß, dass die digitale Fotoqualität auch so ausgereift ist, dass man sie für Theaterfotografie nutzen kann. „Bloß keine Abstriche machen. Das war mir bei der Umstellung – bereits vor Kiel 2001 in Hagen – sehr wichtig.“

Aber auch auf der Bühne hat sich die Technik weiterentwickelt. „Eine große Veränderung ist vor allem, dass auf den Bühnen mit sehr vielen Projektionen gearbeitet wird – mit Film und Bewegtbild. So muss ich als Fotograf das Bühnengeschehen gleichzeitig aber auch die Projektionen einfangen. Lichttechnisch manchmal eine sehr große Herausforderung.“ Räume werden durch Projektionen ergänzt oder manchmal komplett ersetzt. Die Lichtquellen gehen immer mehr auf LED-Technik. Daraus können sich Probleme für die Fotografie mit der Farbtemperatur ergeben. „Oft sieht man das Ergebnis dann erst auf dem Monitor der Kamera“. Denn für den Fotografen flackern LED-Lichter, weil die Technik die Farben miteinander vermischt. Und dann ist das Bild plötzlich rot, sollte aber eigentlich blau sein. Ein paar Überraschungen hält die digitale Technik also immer noch bereit.

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Volker Walzer,
Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit
am Theater Kiel

 

 

 

 

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