Markus Dentler und seine “Komödianten” – Kiels ältestes Privattheater

Rolf Peter Carl über Markus Dentler und seine “Komödianten” – Theater als Lebensform.

Ideen haben viele, auch gute Ideen. Aber man muss eine gute Idee nicht nur haben, man muss sie auch umsetzen wollen und können und man muss sie an den Mann / an die Frau zu bringen wissen. Einer, der darin Meister ist, dessen Ideenreichtum geradezu unerschöpflich ist, lebt und wirbelt jetzt seit 35 Jahren in Kiel. Manche seiner Ideen sind verrückt, andere (wenige) erweisen sich als Eintagsfliegen oder gar als Flops, andere werden zum Renner und sind so naheliegend, dass man sich fragt, wieso bisher noch niemand darauf gekommen ist. Immer aber erregen sie Aufsehen, machen Publicity und halten ihn und sein Theater im Gespräch, auch und gerade wegen ihrer oft ‚schrägen‘ Begründung. Laut, bunt und vollmundig präsentiert er sich, nach dem Motto: lieber mal etwas zu grell, als auf eine Pointe oder eine kleine Provokation zu verzichten. Sein bester PR-Mann in eigener Sache – das ist er selbst, der Erzkomödiant, Markus Dentler.

Ein Schwabe mit „überdurchschnittlicher Begabung“

Wie hat es angefangen? Da beschließt ein 31jähriger Schwabe, sich nach etlichen Lehr- und Wanderjahren auf eigene Füße zu stellen und sesshaft zu werden. Geboren 1953 in Blaubeuren als Kind leidenschaftlicher Theaterleute, hatte er schon mit sechs Jahren einen ersten Bühnenauftritt (als kindlicher Apfeldieb). Mit 14 spielte er eine Kinderrolle in einem Stück von Tolstoi („Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“). Nach dem Abitur und dem Besuch der Schauspielschule – erst in München, dann an der Hochschule in Stuttgart, wo er zwei Semester wegen „überdurchschnittlicher Begabung“ überspringen darf – wird er dann selbst Berufsschauspieler, mit Engagements am Stuttgarter Staatsschauspiel und an den Münchner Kammerspielen.

Mit 23 Jahren gründet er ein eigenes Tourneetheater, mit dem er in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich auftritt und macht dann für einige Jahre den Spielleiter im Theater in der Westentasche in Ulm, dem Zimmertheater seines Vaters, wo er auch weiter selbst spielt. Und dann kommt der Moment, wo er meint, sich nun doch ganz abnabeln zu müssen. Ein eigenes stehendes Privattheater will er aufmachen, möglichst weit weg und möglichst dort, wo es noch keines gibt.

„Kulturelle Entwicklungshilfe“ für die Landeshauptstadt

Und in Kiel – das er fünf Jahre zuvor bei einem Besuch der Kieler Woche bereits (kurz) kennengelernt hatte – wird er fündig und leistet – wie er es später in aller Bescheidenheit gern formuliert – „kulturelle Entwicklungshilfe“ für das Land. Eine Landeshauptstadt ohne ein Privattheater – das geht doch gar nicht. Dentler schafft es, damit denen ein schlechtes Gewissen zu machen, auf die es ankommt, wenn man Fuß fassen will. Der (ehrenamtliche) Kieler Kulturdezernent und der Leiter der Kulturabteilung im Bildungsministerium sichern eine (bescheidene) Anschubfinanzierung zu: 20 TDM von der Stadt und 15 TDM vom Land.

Nicht eben viel, aber doch ein Erfolg für den Newcomer, dessen Potential noch niemand einschätzen konnte. Und er findet auch eine erste Spielstätte: die ehemalige Werkskantine der ELAC – Electroakustic GmbH am Westring. Zum Start mit dem „Theater für Eilige“, einer Revue aus Liedern, Gedichtrezitationen, Clownerie und Zauberkunststücken, die so ähnlich schon in Ulm auf dem Programm stand, musste jede*r Besucher*in eine Sitzgelegenheit mitbringen (und da lassen), denn eine Bestuhlung gab es noch nicht. Dafür entfiel dann der Eintrittspreis.

Das erste Team der Komödianten bestand aus fünf Personen einschließlich des Direktors und seiner Frau Tine Riese. Erfahrungen, an die sie anknüpfen konnten und neue Programmideen brachten sie reichlich mit.

„Der kleine Prinz“, der dann in Kiel zum Hit des jährlichen Sommer-Freilichttheaters im Rathausinnenhof werden sollte und Ionescos „Unterrichtsstunde“, aber auch Straßenspektakel wie der „Sklavenmarkt“, der schon im Herbst des ersten Jahres hier die Gemüter erhitzte und auf ein zwiespältiges Echo traf, waren in Ulm bereits erprobt worden. Zu seinem Einstand in Kiel gehörte auch ein artiger Antrittsbesuch bei OB Karl Heinz Luckardt im Juli 1984, gemeinsam mit seiner Frau und selbstverständlich in Kostüm und Maske. Als Kostprobe werden Verse von Cervantes rezitiert.

Im übrigen werden erste eigene Programme entwickelt und man lädt sich Gäste ein. Die ehemalige Leiterin der privaten Schule für Schauspiel in Kiel liest Texte von Joachim Ringelnatz, ein „Schwaben-Duo“ aus Tübingen serviert einen Mix aus Clownerie, Kabarett und Pantomime und auch Truppen aus Hamburg, Berlin, Köln, München und sogar aus Schwerin und Stralsund treten auf. Es gibt einen Brecht- und einen Shakespeare-Abend und Dany Bober aus Wiesbaden bietet eine „Jüdische Zeitreise“ mit Liedern, Berichten und Humoresken an. Für ein breites – und kontroverses – Presseecho bis hin zu BILD sorgt gleich die zweite Eigenproduktion „Die rote Rosa“. Tine Riese spielt und spricht die Rede, mit der sich Rosa Luxemburg 1914 vor dem Frankfurter Schwurgericht gegen die Anklage wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit“ verteidigte und ergänzt sie durch Briefzitate der Angeklagten, die zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wird. In der Kieler Aufführung waren die Zuschauer als ‚Geschworene‘ aufgerufen, posthum über ihre Rehabilitierung zu entscheiden (ihr Votum fiel mit 54:11 für Freispruch aus).

Ebenfalls noch in der ersten Spielzeit starten Die Komödianten ihre Erfolgsgeschichte mit dem „Kleinen Prinzen“ in Kiel – als Freilichttheater auf der Krusenkoppel. Umzug in die Wilhelminenstraße Aber schon nach einem Jahr kommt ihnen ihre Spielstätte abhanden: die Christian-Albrechts-Universität meldet Eigenbedarf an, sie müssen ihr Domizil am Westring räumen. Als quasi ‚Planungsverdrängter‘ schafft es Markus Dentler jedoch, bei Stadt und Land eine finanzielle Entschädigung auszuhandeln – als Starthilfe für die neue Spielstätte, die seine Truppe in einer ehemaligen Schlosserei in der Wilhelminenstraße findet und mit viel Knochenarbeit und Improvisationstalent herrichtet. Die Eröffnung mit Ephraim Kishons „Es war die Lerche“ wird zum Riesenerfolg: 100 Zuschauer mit OB Luckardt (der selbst einen Programmbeitrag liefert und ein italienisches Arbeiterlied zur Gitarre vorträgt) und dem Generalintendanten des Kieler Theaters, Volkmar Clauß, an der Spitze.

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Rolf-Peter Carl

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