Sonntag, 7. August 2022

Jurek Becker zum 25. Todestag.

KulturzeitschriftJurek Becker zum 25. Todestag.

In Sichtweite der Schlei liegt die alte Kirche von Sieseby. Im Ursprung ein Feldsteinbau aus dem 13. Jahrhundert, heute geweißelt, mit dem für die Gegend charakteristisch geduckten Kirchturm samt Giebeldach. Ganz in der Nähe liegt das Haus Pastoratsweg 4. Hier lebte der Schriftsteller Jurek Becker nach einem Umzug von Kappeln bis zu seinem allzu frühen Tod 1997. „Sicher“, so schrieb er über die Gegend an seinen langjährigen Freund, den Schauspieler Manfred Krug, „sieht es in Kalifornien anders aus, aber auch unsere kleine norddeutsche Welt hat ihre Vorzüge. Wir liegen nicht unter Palmen, sondern unter umweltfreundlichen Windrädern.“
Nach der durch das DDR-Regime erzwungenen Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 protestierten zahlreiche Intellektuelle sowie Künstlerinnen und Künstler. Einer von ihnen war Jurek Becker. Der hieß ursprünglich eigentlich Jerzy Bekker und wurde 1937 im polnischen Łódź geboren. Doch die jüdische Familie Bekker geriet in die Fänge der deutschen Vernichtungsmaschine in den Bloodlands Osteuropas. 1940 kamen sie ins Ghetto, danach in verschiedene Konzentrationslager. Die Mutter Anette überlebte diesen Horror nicht. Jerzy, der bei ihr im Konzentrationslager Sachsenhausen war, kam erst nach dem Krieg mit seinem Vater, der unterdessen in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden war, zusammen. Sie waren sich zunächst fremd, so ausgemergelt, so krank waren beide zugerichtet.
Die Familie zog nach Ost-Berlin. Es geht die Geschichte, Beckers Vater habe als Geburtsort Fürth angegeben, da das dortige Rathaus zerstört gewesen sei und mit ihm alle Personenstandsurkunden. „Ich denke mir“, vermutet Jurek Becker später, „dass er im Krieg insofern die Heimat verloren hatte, als Heimat in erster Linie aus ja aus Menschen besteht und nicht aus Landschaft; aus Verwandten, Freunden, Vertrauten. Die waren nicht mehr da, die waren tot, im glücklichsten Fall spurlos verschwunden. So hat mein Vater nach dem Grundsatz gehandelt, dass einer, der sich nirgendwo hingezogen fühlt, am bequemsten gerade da bleiben kann, wo er gerade ist.“ Mit dem Vater sprach Jurek zunächst weiter polnisch, erst spät lernte er die deutsche Sprache. Das aber umso fulminanter und mächtiger, wie man schnell feststellt, wenn man seine Texte liest. Er studiert nach der Schule in Berlin Philosophie, kommt aber bald in einen politischen Konflikt mit der Universität. Becker schwenkt um, schreibt für das Kabarett, beginnt, Drehbücher zu verfassen und reicht einen Text ein, der von der Idee und von seinem Aufbau – heute würde man sagen: vom Plot – Jurek Beckers bleibenden Ruhm begründet. Ist Jakob der Lügner, weil er im Ghetto berichtet, er habe das Radio abgehört und die Rote Armee werde bald einmarschieren, um dem nationalsozialistischen Elend ein Ende zu bereiten und die Juden zu befreien? Wie viel eigenes Empfinden, wieviel Erzählungen aus seiner näheren Umgebung, wieviel von der Person seines Vaters stecken in diesem eindrücklichen Text, der niemanden kalt lassen kann? Doch das Drehbuch wird abgelehnt und kurzerhand macht Becker einen Roman daraus. Der wird dann letztlich doch verfilmt. Das Buch bringt Becker ersten Ruhm und den Heinrich-Mann-Preis ein, der Film den Silbernen Bären.

Weiterlesen …?

Um den gesamten Artikel lesen zu können, buchen Sie bitte unser monatlich kündbares Online-Abo oder bestellen Sie die Print-Ausgabe.

Schon gewusst? Auch als Print-Abonnent*in der Kulturzeitschrift Schleswig-Holstein erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln auf unserer Internetseite. Sie sind Abonnent*in und haben noch keinen Online-Zugang? Dann senden Sie uns eine Mail mit Ihrer Abo-Nummer an info@schleswig-holstein.sh und wir richten es Ihnen ein.

Martin Lätzel

Weitere Artikel

Miast auerhiard

auerhiard: überhörtwelkeeren: Fahrradfahrensai: sagenparlen: Perlenstak snaak: Gesprächsuragt: gesorgtuurdial: Urteilspriak: Sprache Wat jaft at beeders, üs onerwais tu weesen an lidj tu belukin an tu beluurin! An miast noch beeder as at, wan ham bi’t welkeeren för en kurten uugenblak ferstun...

Grundlage für Diversität ist, Diskriminierung sichtbar zu machen

Mirrianne Mahn, Referentin für Diversitätsentwicklung des Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, stellt klar, dass Diversität nicht erreicht werden kann, ohne den Blick auf Diskriminierung zu richten.

Martin Lätzels Ana[B]log

An dieser Stelle analysiert, kommentiert, moderiert und pointiert Autor und Publizist Martin Lätzel kulturelles Geschehen im Lande, schreibt auf und nieder, was ihm so in den Sinn kommt oder über den Weg läuft.

Perspektivregion

Geschichte ist weder in Stein gemeißelt noch wird sie der Menschheit aus einem brennenden Dornbusch überliefert. Denn jede Generation schreibt ihre eigene Geschichte und legt deren Schwerpunkte und Perspektiven fest. Das Projekt PerspektivRegion möchte das Zusammenleben in der deutsch-dänischen Grenzregion neu denken und lädt dafür im September 2022 zum „Zukunftsparlament“ ein.

Diese Ausgabe bestellen

Artikel aus den letzten Ausgaben

Irland literarisch entdecken

Sara Prinz, Projektleiterin des Literatursommers 2020 Irland, gibt uns Leseempfehlungen

Von Affenbrut und Jugendwahn: Ein Märchen der Gebrüder Grimm kulturkritisch gelesen

Das junggeglühte Männlein Zur Zeit da unser Herr noch auf Erden gieng, kehrte er eines Abends mit dem heiligen Petrus...

Seit 1999 regelmäßig in Kiel: das Monodrama-Festival THESPIS

„Mit dem THESPIS-Festival steht Kiel auf der Weltkarte der internationalen Theaterfestivals“. Rolf-Peter Carl über die Entstehungsgeschichte und im Gespräch mit Gründerin und Festivaldirektorin Jolanta Sutovicz

Rudolph und Gus Dirks. Comic-Pioniere aus „Schleswick-Holstein“

Comics und Graphic Novels boomen. Dass wichtige Teile dessen, was eine narrative Bildergeschichte ausmacht von schleswig-holsteinischen Auswanderern geschaffen wurden, ist außerhalb der Comic-Szene wenig bekannt

Der Fischotter – knuffiges Kerlchen mit dickem Fell

Er kommt in der Dunkelheit der Nacht, er kommt auf leisen Pfoten durch das verästelte Dickicht geschlichen oder lautlos...

Übern Belt

Foto-Essay einer Beltquerung

Die Kulturzeitschrift abonnieren

Meistgelesen

Mahlzeit, Erstmal, Moin. Grüße in Nordfriesland und anderswo

Jeder kennt „Mahlzeit“ und „Moin“ als Gruß – zumindest in Norddeutschland; die Verabschiedung „Erstmal“ ist schon südlich von Eider und Nord-Ostsee-Kanal seltener. Wo kommen diese Grußformeln her und wie werden sie gebraucht? LANDRAT in...

Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen bereichern die Theaterszene nicht nur in Kiel und im Land. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Die gängigsten Spechtarten in Schleswig-Holstein

Diese Spechtarten können Sie in den Wäldern Schleswig-Holsteins entdecken

Tanne – Abies

Welf-Gerrit Otto betrachtet die Tanne im Spiegel von Mythologie und Volksglaube - und zeigt, wie die Wildpflanze in der Küche verwendung finden kann ...

Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Der Begriff "Heimat", wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Nachgelesen: Das bewegte Leben der Lotti Huber

Lotti Huber war eine Künstlerin. Sie war eine Lebenskünstlerin. In einschlägigen Artikeln wird sie als Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und avantgardistische Künstlerin bezeichnet. Übersetzerin und Schriftstellerin war sie auch. Martin Lätzel über das bewegte Leben der gebürtigen Kielerin.

(Un)bekannte Moderne: Die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra in Quickborn

Die Architektur-wissenschaftler Barbara von Campe, Eva von Engelberg-Dockal und Johannes Warda sprechen über die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra und die Moderne im Allgemeinen

Wie Theodor Fontane mit einem Wortspiel einen Kriegshelden erschuf

Der Pionier Carl Klinke wurde nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 zum Kriegsheld stilisiert. Eine wichtige Rolle dabei spielte Theodor Fontane ...