Brennende Republik Deutschland

Am 18. Januar 2021 jährt sich der Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße zum 25. Mal. Die schwere Brandstiftung zu einer Zeit, als in der ganzen Republik Asylunterkünfte in Brand gesteckt wurden, ist bis heute ungenügend aufgeklärt, der Mord an zehn Menschen bis heute ungesühnt. Einseitige und von Pannen geprägte Ermittlungen werfen nach wie vor Fragen auf. Kristof Warda erinnert an die Geschehnisse im Januar 1996 und an die Geschichte rassistischer Gewalt in der alten und neuen Bundesrepublik

18. Januar 1996

Morgens um 3:41 Uhr geht in der Lübecker Notrufzentrale ein Anruf ein: „Feuer. Hafenstraße 52. Kommen Sie schnell. Les nazis …“. Die Anruferin Françoise Makodila stirbt im brennenden Haus, ebenso ihre fünf Kinder Christelle, Jean Daniel, Legrand, Christine und Miya. Ahmed Eid kann sich mit seinen Eltern und drei Geschwistern durch einen Sprung aus dem ersten Stock retten. Als einziger bleibt er unverletzt und läuft zur Telefonzelle. Sein Anruf geht um 3:42 in der Notrufzentrale ein.

Um 3:47 Uhr trifft der erste Löschzug in der Hafenstraße ein. Den Rettungskräften bietet sich ein dramatisches Bild. Das Haus brennt an mehreren Stellen gleichzeitig, Feuer und Rauch versperren den Weg durch das Treppenhaus. An den Fenstern der oberen Stockwerke und auf dem Dach stehen Menschen. Monica Bunga und ihre siebenjährige Tochter Suzanna liegen vor dem Haus. Sie waren vom noch leicht vereisten Dach gestürzt. Die Mutter ist bereits tot. Auch das Mädchen stirbt noch in der Nacht an seinen Verletzungen. Insgesamt sterben zehn Menschen, drei Erwachsene und sieben Kinder.

Um 3:55 Uhr gibt eine Polizeistreife die Personalien dreier junger Männer aus dem Mecklenburg-Vorpommerschen Grevesmühlen an die Zentrale durch, die aus einiger Entfernung das Geschehen beobachteten. Am nächsten Morgen werden sie als Tatverdächtige festgenommen. Um 11:45 Uhr mittags beginnt ihre Vernehmung in der Lübecker Polizeizentrale. Sie seien zu viert in einem Auto der Marke Wartburg nach Lübeck gefahren, um Autos und Autoteile zu klauen. In der Karavellenstraße hätten sie einen VW Golf II GTI aufgebrochen und kurzgeschlossen. Einer von ihnen sei damit los. Dieser vierte junge Mann wird erst gegen 22:00 Uhr abends in die Polizeizentrale gebracht. Erkennungsdienstlich behandelt wird er nicht. Von den Beamten wird er geduzt.

Laut Zeugenaussagen des Wirtes einer Musikkneipe an der Untertrave und seiner Angestellten, rasten, als sie zwischen 2:00 Uhr und 2:30 Uhr das Lokal abschlossen, ein Wartburg mit Grevesmühlener Kennzeichen, in dem „mehr als drei Personen“ saßen, sowie ein VW Golf II GTI mit drei Insassen vom Holstentor kommend Richtung Hafenstraße. Der Fahrer oder Beifahrer des Golf hatte, so die Zeugen, bunt gefärbte Haare. Insgesamt sahen die Zeugen in den beiden Autos also mindestens sechs Personen. Der Hinweis darauf, dass „von den vier Grevesmühlenern keiner bunte Haare“ hat, genügt der eingerichteten Sonderkommission, um der Spur nicht weiter nachzugehen.

An den Haaren von dreien der vier jungen Männer aus Grevesmühlen werden allerdings frische Versengungen festgestellt, die laut Gerichtsmedizin nicht älter als 24 Stunden sein können. Genommene Haarproben sind später unauffindbar.

Drei der vier jungen Männer (darunter derjenige, bei dem keine Versengungen festgestellt wurden) geben zu Protokoll, mit dem Wartburg an der Shell-Tankstelle am Padelügger Weg getankt zu haben. Die Uhrzeit auf dem Tankbeleg ist 3:19 Uhr. Der Tankwart erinnert sich an die drei, auch einer Polizeistreife fallen drei Männer und ein Wartburg auf dem Tankstellengelände auf. Die Bänder der Überwachungskamera werden von der Sonderkommission nicht ausgewertet. Stattdessen wird später von einem Alibi aller vier Männer gesprochen.

19. Januar 1996

Um 11:45 Uhr werden die vier Tatverdächtigen freigelassen. Um 17:20 Uhr beginnt die Vernehmung des Rettungssanitäters Jens L., der sich kurz zuvor bei der Polizei gemeldet hatte. Er gab zu Protokoll, auf dem Weg ins Krankenhaus hätte einer der Bewohner ihm gegenüber mit den Worten „wir warn´s“ ein Geständnis abgelegt. Um sich nach einem Streit an einem Familienvater zu rächen, hätten sie ihm Benzin an die Wohnungstür gekippt und angezündet. Das Benzin sei brennend die Treppe hinuntergelaufen, diese in Flammen aufgegangen.

Um 22:00 Uhr wird Safwan E. vernommen. Er streitet Tat und Geständnis ab, wiederholt stattdessen zum dritten Mal gegenüber der Polizei den Hinweis auf eine Beobachtung seines Vaters: Marwan E. sei durch das Geräusch der eisernen Gartenpforte geweckt worden, dann hörte er eine Explosion im Erdgeschoss. Er sei aufgestanden und zum Fenster gelaufen. Von dort hätte er Flammen im hölzernen Bereich des Eingangs gesehen.

Laut gerichtsmedizinischer Untersuchung fanden sich an Safwan E. „keine Brandeinwirkungen an Händen oder im Gesicht, die Hinweis auf den Brandleger geben würden“, die festgestellten Brandverletzungen zweiten Grades an beiden Ohrmuscheln seien hingegen „mit der Darstellung des Geschehensablaufes durch Herrn Safwan E. vereinbar“. Safwan E. hatte sich zusammen mit seinen zwei Brüdern auf das Dach gerettet, harrte dort mit anderen Bewohnern bis zur Rettung aus, hinter sich die glühend heiße Mansarde.

Trotz entlastender Aussagen der anderen Hausbewohner sowie Ungereimtheiten und Widersprüchen in Jens L.s Aussage, wird dem Antrag auf Haftbefehl wegen Brandstiftung und zehnfachen Mordes gegen Safwan E. am 20. Januar 1996 stattgegeben.

Kibolo Katuta, der mit seiner Familie im Erdgeschoss des Hauses wohnte, sagt in einem Anfang September 1996 veröffentlichten Interview: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es schaffen werden, Safwan nochmals hinter Gitter zu bringen. Es gibt ja überhaupt nichts, was sich gegen ihn verwenden ließe. Die Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen bisher geführt hat, muss aber trotzdem weitergehen.“

Auf die Frage hin, wie er die Atmosphäre im Haus empfunden hätte, wo doch Staatsanwaltschaft und Presse davon sprachen, es hätte heftige Streitigkeiten im Haus gegeben, antwortet er: „Ich habe mich in der Hafenstraße wohlgefühlt. Ob Europäer, Araber oder Afrikaner, es gab keinen ernsthaften Streit. Sicher haben die Kinder beim Ballspielen mal gestritten, aber das ist ja normal. Nach dem 18. Januar aber wurden die Afrikaner und die Araber getrennt. Man hat die einen in Hotels, die anderen in einer Kaserne untergebracht. Damals hat die Polizei begonnen, regelrecht Konflikte zu säen. Die Beamten erzählten den Arabern, die Afrikaner hätten gesagt, die Araber seien schlechte Leute. Und gegenüber den Afrikanern sprachen sie davon, die Araber hätten von Problemen berichtet, die wir miteinander gehabt hätten.“ Der These der Ankläger, das Feuer sei im ersten Stock ausgebrochen, hält er entgegen: „Das kann einfach nicht stimmen. Diejenigen die dort gewohnt haben, sagen, sie hätten kein Feuer gesehen. Sie hatten sich in der Nacht auf dem Treppenabsatz im Dunkeln gedrängt – also dort, wo es laut Staatsanwaltschaft gebrannt haben soll – bis die Scheinwerfer der Feuerwehr leuchteten.“

Am 16. September 1996 beginnt der Prozess gegen Safwan E. vor dem Lübecker Landgericht. Mehrere Brandgutachten liefern widersprüchliche Angaben über den Entstehungsort des Feuers und können nicht wesentlich zur Aufklärung des Lübecker Brandanschlags beitragen. Am 30. Juni 1997 wird Safwan E. erstmals freigesprochen. Auch der zweite Prozess vor dem Landgericht Kiel, in dem heimliche Mitschnitte von Gesprächen E.s mit Familienangehörigen und Besuchern aus der Zeit seiner Untersuchungshaft als Beweise der Anklage hinzugezogen wurden, endet im November 1999 mit einem Freispruch. An entscheidenden Stellen gab es grobe Übersetzungsfehler.

Die Ermittlungen gegen die vier Männer aus Mecklenburg werden, trotz mehrfacher (dann jeweils widerrufener) Geständnisse nicht wieder aufgenommen.

Die rechtsextremen 1990er Jahre

In den 1990er Jahren wird die Hansestadt Lübeck Schauplatz zahlreicher rechtsextremer Anschläge: 1994 zünden Rechtsradikale die Synagoge der Stadt an. Die Täter wurden zu Strafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren verurteilt. Im Juni 1995 verletzt eine Briefbombe den Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Lübecker Rathaus. Adressiert war der Brief an Lübecks stellvertretenden Bürgermeister Dietrich Szameit, der das Urteil gegen die Brandstifter als zu milde kritisiert hat. Einen Monat zuvor wurde ein zweiter Anschlag auf die Synagoge verübt. Hinzu kommt eine ganze Reihe weiterer Brandstiftungen und Hakenkreuz-Schmierereien. „Der Rechtsradikalismus, der sich nun auch in terroristischer Form äußert“ habe in Lübeck „nach wie vor wenig zu befürchten“, sagt der Schriftsteller Günter Grass 1997 in einem Interview. Die Ermittlungen seien „jämmerlich und beschämend.“ Und weiter: „Was Innenminister Manfred Kanther mit immer neuen Abschiebeerlassen anrichtet, ist die Vorgabe für das, was in Städten wie Lübeck geschieht.“ Die Asylpolitik der Bundesrepublik hatte kurz nach dem Brandanschlag auch der Lübecker Bürgermeister Michael Bouteiller scharf kritisiert und die Abschaffung von Sammelunterkünften gefordert. In einem Interview spricht er 1996 von menschenunwürdiger Flüchtlings- und Ausländerpolitik, die mit dem sogenannten Asylkompromiss 1993 noch einmal verschärft worden sei. Für Hinterbliebene der Toten des Brandanschlags fordert er die Garantie, ihre Familienangehörigen in ihren Heimatländern beerdigen und anschließend wieder nach Deutschland zurückkehren zu können. Schließlich stellt er ihnen selbst die erforderlichen Papiere dafür aus. Die Opposition fordert daraufhin wegen Kompetenzüberschreitung seinen Rücktritt. Das Schleswig-Holsteinische Innenministerium verhängte wegen Dienstvergehens eine Disziplinarstrafe in Höhe von 6 000 DM. Bouteiller legte Widerspruch ein.

Doch nicht nur in Lübeck, sondern in der gesamten Bundesrepublik häufen sich die rechten Gewalttaten im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Im August 1992 greifen im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen Rechtsextreme unter dem Beifall mehrerer tausend Zuschauer ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter und die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber an. Bei den mehrtägigen Ausschreitungen waren Polizei und Rettungskräfte machtlos. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass der Gewaltexzess organisiert und zentral gelenkt wurde.

„Rioting skinheads throwing molotov cocktails at refugee shelters, onlookers applauding and cheering, slogans such as „foreigners out“ and „Germany for Germans“, inevitably recall images of Nazi terror during the Third Reich”, heißt es dem Bericht „Foreigners out. Xenophobia ans Right-Wing Violence in Germany“, den die NGO Human Rights Watch im Oktober 1992 veröffentlicht.

Blühe, deutsches Vaterland

Zu 30 Jahren deutscher Einheit gehören nicht nur die anstehenden Jahrestage von Brandanschlägen und Morden auf offener Straße, sondern auch die Erkenntnis, dass Rechtsextremismus eben nicht als Problem der „neuen Bundesländer“ verdrängt werden konnte. Doch gerade hier, in der allgemeinen Verunsicherung und Perspektivlosigkeit der wirtschaftlich und gesellschaftlich zusammengebrochenen ehemaligen DDR, fanden Nazis aus Ost und West ein ideales Betätigungsfeld. Die Geschichte des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) nimmt von hier aus ihren Lauf. Die Bundesregierung erkannte nicht – so Human Rights Watch 1992 – die Schwäche und Überforderung der ostdeutschen Polizei, brachte Asylsuchende zur Entlastung Westdeutschlands in den neuen Bundesländern unter, ohne für ihre Sicherheit garantieren zu können. Zudem ging sie die ökonomischen und sozialen Probleme nicht an, die Auslöser der steigenden Ausländerfeindlichkeit gewesen seien – stattdessen nutzte sie die Gewalt für ihre Zwecke, um striktere Asylgesetze auf den Weg zu bringen.

Die Schleswig-Holsteinische Staatsanwaltschaft versuchte nach den mehrtägigen rechtsradikalen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991, sich gegen einen Anstieg der rechten Gewalt im eigenen Bundesland zu rüsten. Am 10. Oktober 1991 wurde die Einrichtung von Sonderdezernaten „Verfolgung von ausländerfeindlichen Gewalttaten“ in allen vier Staatsanwaltschaften des Landes beschlossen. In der Presseerklärung dazu heißt es: „Generalstaatsanwalt Prof. Heribert Ostendorf wies darauf hin, dass die Gewalttaten gegen Ausländer auch in Schleswig-Holstein zunahmen. Er bezeichnete sie als Herausforderung für den Rechtsstaat. Weiter betonte er, dass vielen das Gewicht der Strafandrohungen offenbar nicht bewusst sei. Insbesondere werde bereits die einfache Brandstiftung mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren bestraft. Wenn ein Mensch durch einen Brandanschlag zu Tode kommt, d.h. im Falle einer schweren Brandstiftung, droht die lebenslange Freiheitsstrafe.“

Trotz dieser offenbaren Sensibilisierung gegenüber ausländerfeindlichen Gewalttaten gelingt es der Lübecker Staatsanwaltschaft ein Jahr später nicht, beim Amtsgericht Lübeck Haftbefehl gegen Michael P. und Lars C. zu erwirken, die an Brandanschlägen in Gudow, Kollow und dem Mecklenburgischen Pritzier beteiligt waren – ihr Antrag wird am 17. November 1992 abgelehnt. Am 23. November 1992 werfen die beiden Neonazis Molotowcocktails in zwei Wohnhäuser in Mölln. Zahlreiche Menschen werden zum Teil schwer verletzt, die 51-jährige Bahide Arslan, ihre zehnjährige Enkelin Yeliz und die vierzehnjährige Ayşe Yilmaz sterben.

Michael P., der offenbar auch in Rostock-Lichtenhagen dabei war, und Lars C. werden später zu Höchststrafen verurteilt. „Das Geständnis der beiden kurzhaarigen Deutschen überzeugt nicht an den Theken und Tischen des Brandortes“, schreibt Cordt Schnibben am 7. Dezember 1992 in seiner Spiegel-Reportage „Die Stammtischtäter“. „Die beiden können es nicht gewesen sein, weil schon feststeht, wer das gemacht hat, seit die Todesnachricht durch die Gassen des 17 000-Seelen-Städtchens eilte. Viele Möllner deuten es nur an, der Bauunternehmer nennt die Täter beim Namen, laut und deutlich, so daß es alle im Lokal hören können: „Die türkische Mafia!“ Und dabei guckt er schneidig wie der Generalbundesanwalt.“ Schnibben schließt mit der bitteren Erkenntnis: „Im Mief deutscher Wirtshäuser können nicht nur die dümmsten auf den Gedanken kommen, sich als Vollstrecker deutschen Volksempfindens, als Arm der Stammtischtäter Anerkennung zu verschaffen. Die zwei jungen Männer, die in der vergangenen Woche in Winsen an der Luhe einen Brandsatz in die Wohnung einer schlafenden Familie aus Rumänien schleuderten [Anm. d. Red: 29. November 1992], waren nicht aus Mölln. Sie waren keine Skinheads, keine Rechten, sie waren „unbescholtene Bürger“, wie die Polizei nach der Festnahme erklärte: „Als potentieller Täter kommt mittlerweile fast jeder in Frage.“

Neuverhandlung gesellschaftlicher Werte? Brandanschläge und Lichterketten

Doch stellen sich auch mehr und mehr Menschen dem rechten Mainstream entgegen und organisieren Unterstützung für Betroffene. Im 1995 erschienenen Folgebericht von Human Rights Watch heißt es: „Neighbors of those murdered in Mölln and Solingen tried to help rescue them from the flames and wept when they failed. Wolfgang Richter risked his life to try to protect the Vietnamese trapped in the firebombed building in Rostock. Birgit Königsheim went to the assistance of an asylum seeker being trampled by a gang of men and was herself knocked to the ground. […] There are many others too numerous to mention. They include individuals who work full time to aid foreigners in Germany, as well as those who volunteer their free time to tutor foreigners, to establish community programs where Germans and foreigners can meet or to work on anti-racist telephone chains and other political and educational activities.”

Durch Kundgebungen und Demonstrationen erlangen sie auch mediale Aufmerksamkeit: „In early November 1992, ten weeks after the Rostock riots and following ten consecutive weekends of anti-foreigner violence, 350,000 people marched in Berlin, 10,000 marched in Dresden, and 100,000 marched in Bonn. The arson and murders in Mölln triggered more demonstrations against violent attacks on foreigners. From 6,500 in Mölln to 15,000 in Kiel to 20,000 each in Hamburg and Dortmund, there were marches against racism in at least twenty cities and towns in late November 1992. December saw additional demonstrations: 350,000 people in Munich; 450,000 in Hamburg; 150,000 in Frankfurt am Main; 120,000 in Hannover; 100,000 in Stuttgart; 10,000 in Dresden; and many more people in many more towns. On Christmas Day 1992, 200,000 people demonstrated against xenophobia in Berlin. On New Year’s Day 1993, 300,000 people gathered in Essen to protest violence against foreigners. In total, the government figures indicate that almost three million people joined in at least fifty different demonstrations against xenophobia and racism in late 1992 and early 1993.”

Demonstrationen seien jedoch kein Allheilmittel und hätten weitere Anschläge nicht verhindern können. Dennoch seien sie eine wichtige Entwicklung: „If the public demonstrations begin to change public attitudes so that neighbors no longer support and protect right-wing attacks on foreigners, as they did in Rostock in 1992 and in Halle in 1994, this will be a substantial improvement.”

Vierfaches Polizeiversagen

Eine couragierte Zivilgesellschaft sei auch, so der Bericht, unerlässlich für erfolgreiche Aufklärung der Straftaten: „Crimes will be solved and criminals punished only if ordinary people report information and assist the police.”

Der Polizei jedoch stellt Human Rights Watch kein gutes Zeugnis aus. Der Bericht des Jahres 1992 stellte vierfaches Versagen der Polizei bei ihrer Arbeit fest: „to intervene to protect foreigners who were being attacked, to investigate crimes against foreigners, to curb police discrimination against foreigners, and to combat police brutality”. Bis 1995 hätte sich die Situation in einigen Bereichen verbessert. So sei die Aufklärungsrate rechter Straftaten von 8 % im Jahr 1993 auf 30 % im Folgejahr gestiegen. Viele der 1992 genannten Probleme würden jedoch fortbestehen – so gibt es nach wie vor zahlreiche Fälle von Polizeigewalt gegen Ausländer und Beispiele für unterlassene Ermittlungen nach von Ausländern berichteten Straftaten. Zwar gäbe es einige spektakuläre Aufklärungsversuche, doch würde nach wie vor gegen solche Amtsvergehen nicht ausreichend vorgegangen werden: „There have been several highly publicized investigations of police abuse of foreigners in the last year, especially in Berlin and Hamburg. As discussed above, some of these cases have resulted or are likely to result in disciplinary or criminal action against the officers. However, disciplinary action has rarely been taken against police officers, and criminal prosecution of police officers for misconduct involving foreigners has been even rarer.” In Hamburg war Innensenator Werner Hackmann am 12. September 1994 aus Protest gegen die steigende Anzahl von der Polizei verübter rassistischer Gewalttaten zurückgetreten: „Hackmann stated that he could no longer control his officers and that the police in Hamburg had developed a pack mentality.” Ein Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft kommt 1996 zu dem Schluss, dass aufgrund der Häufigkeit der Übergriffe – insbesondere auf der Wache am Hamburger Hauptbahnhof – nicht von „Einzelfällen einiger weniger schwarzer Schafe“ gesprochen werden könne.

Die Wurzeln des Terrors und seine Kontinuität

Die Wiedervereinigung war weder Ursache noch Beginn rechter Gewalt im Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Für diese Erkenntnis reichte damals schon ein Blick in die Geschichte des Rechtsterrorismus im „Westen“. Seit ihrer Gründung gab es in der Bundesrepublik rechtsterroristische Organisationen – oftmals mit Zugang zu erheblichen Waffenvorräten. Teils wurden sie verboten, oft wurden sie verharmlost – wie die im Januar 1980 verbotene „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Mitglieder der Gruppe verübten später den Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest im September 1980, der 13 Todesopfer forderte, sowie den Doppelmord an dem Verleger Shlomo Levin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke im Dezember 1980 in Erlangen. Nach von Lücken und Pannen geprägten Ermittlungen kamen die Behörden zu dem Schluss, dass die beiden bereits toten Täter allein und nicht zwingend aus politischen Motiven gehandelt hätten. Erst im Juli 2020 wird dies zumindest für das Oktoberfest-Attentat nach der Wiederaufnahme des Verfahrens von der Bundesanwaltschaft teilrevidiert: Der Attentäter handelte aus rechtsextremen Motiven. Konkrete Hinweise auf Mittäter konnten demnach jedoch nicht gefunden werden – vor dem Hintergrund der Vernichtung vieler Asservate, wie es heißt aus Platzgründen, – ließe sich mutmaßen: nicht mehr.

Ebenfalls 1980, am 22. August, starben in Hamburg-Billbrook der 22-jährige Nguyen Ngoc Châu und der 18-jährige Đo Anh bei einem Brandanschlag auf ein Wohnheim für vietnamesische Flüchtlinge. Der Anschlag stand am Ende einer Serie von Brand- und Sprengstoffattentaten der Deutschen Aktionsgruppen. Die Terrororganisation wurde vom rechtsradikalen Manfred Roeder gegründet. Am 28. Juni 1982 wird Roeder wegen Rädelsführerschaft einer terroristischen Vereinigung zu 13 Jahren Haft verurteilt, 1990 jedoch vorzeitig entlassen. Am 26. September 1996 sitzt Roeder, der Heldenstatus in der rechten Szene besaß, nach einer Farbattacke auf die Wehrmachtsausstellung in Erfurt erneut auf der Anklagebank. Unter den Prozessbesuchern die jungen Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Boehnhardt. Als Mitglieder des NSU verüben sie bis zu ihrer Enttarnung 2011 zahlreiche Morde und Sprengstoffattentate. Während dieser Zeit spielt Schleswig-Holstein offenbar als Rückzugsort und Verbindung zu Skandinavien eine wichtige Rolle für die Terroristen. In den Sommermonaten hielten sie sich oft auf einem Campingplatz in Fehmarn auf. „Sie waren oft da, sie fühlten sich zurückgezogen, in Ruhe gelassen, und haben offenkundig ihre Taten auch dort vorbereitet“, sagt der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Hajo Funke am 15. April 2013 im Schleswig-Holstein-Magazin. Bei einer Diskussionsveranstaltung Anfang April 2013 in Neumünster zu dem Thema spricht die Obfrau der Linken im Untersuchungsausschuss des sächsischen Landtages Kerstin Köditz von Verbindungen des Trios nach Quickborn, Nessendorf im Kreis Plön, Kiel, und Lübeck. Sie resümierte damals: „Das Netzwerk ist nicht aufgedeckt.“ Bis heute nicht.

Kristof Warda

Quellen & Literatur

Carstens, Udo: shz.de: War der NSU in der Stadt aktiv?, Holsteinischer Courier, 04. 04. 2013.
https://www.shz.de/lokales/holsteinischer-courier/war-der-nsu-in-der-stadt-aktiv-id19249.html

Dietrich, Oliver: „Deutsche Aktion“: Tödlicher Neonazi-Terror 1980, NDR.de, https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Deutsche-Aktion-Toedlicher-Neonazi-Terror-vor-40-Jahren,anschlag185.html , Hamburg Journal 18. 03. 2012.

Eilts, Stefan, Janz, Carsten und Lüthje, Eike, NDR.de: NSU: Schleswig-Holstein als Rückzugsort?, NDR1 Welle Nord 15. 04. 2013.

Gensing, Patrick: Ein Jahr nach Bekanntwerden des NSU. Der vergessene Terrorismus, tagesschau.de, https://www.tagesschau.de/inland/einjahrnsu100.html, wochenspiegel, 4. 11. 2012.

https://www.hoyerswerda-1991.de/

Human Rights Watch/Helsinki (Hrsg.): “Foreigners out”. Xenophobia and Right-Wing Violence in Germany, Human Rights Watch New York, Washington, Los Angeles, London, 1992.

Human Rights Watch/Helsinki (Hrsg.): “Germany for Germans“. Xenophobia and Right-Wing Violence in Germany, Human Rights Watch New York, Washington, Los Angeles, London, 1995.

Juhnke, Andreas: Brandherd. Der zehnfache Mord von Lübeck: Ein Kriminalfall wird zum Politikum, Ch. Links Verlag, Berlin 1998.

Kleine-Brockhoff, Thomas: Geläutert durch das Feuer?; in: Die Zeit 05/1996.

Scherer, Peter: Lübeck: Explosion im Rathaus, in: Die Welt, 14. Juni 1995. https://www.welt.de/print-welt/article659436/Luebeck-Explosion-im-Rathaus.html

Schnibben, Cordt: Die Stammtischtäter, in: Der Spiegel 50/1992, S. 35-37.

Sternsdorff Hans-Wolfgang: „Chef, ich habe den Vorsitzenden erschossen“, in: Der Spiegel 47/1984.

Vogel, Wolf-Dieter (Hrsg.): Der Lübecker Brandanschlag. Fakten, Fragen, Parallelen zu einem Justizskandal, Elefanten Press, Berlin 1996.

Wille, Heinrich: Der Lübecker „Brandanschlag“. Nie aufgeklärt: Der Tod von zehn Asylbewerbern. Ein Lehrstück von Medien, Vorurteilen und Lügen, Verlag Vitolibro, Malente 2017.