„Wir sind heute keinen Schritt weiter“ Feridun Zaimoglu im Gespräch

„Inzwischen ist rechtsradikale Gewalt, verbal wie körperlich, eine Alltagserscheinung wie der Gang zum Bäcker“, schreibt Feridun Zaimoglu im Vorwort zu seinem Buch Koppstoff. Das war 1998. Im selben Jahr erhält er, zusammen mit Günter Senkel, für Brandmal den Drehbuchpreis der Medienstiftung Schleswig-Holstein. Das Drehbuch entstand unter dem Eindruck des Brandanschlages in der Lübecker Hafenstraße 52 im Jahr 1996 und thematisiert behördliche Vertuschungsversuche. Ein Gespräch über bundesdeutsche Normalität.

Feridun Zaimoglu, was hat Günter Senkel und Sie dazu veranlasst, sich literarisch mit den Ereignissen um den Lübecker Brandanschlag 1996 auseinanderzusetzen?

In der offiziellen Geschichtsschreibung werden regelmäßig Anfänge ausgemacht, die selbstverständlich konstruiert und künstlich, mitunter auch völlig wahrheitswidrig sind. Bei dem Anschlag in Lübeck wurde schon wieder so getan, als hätte es davor keinerlei rechtsradikale Attacken, Anschläge auf Leib und Leben von sogenannten fremdstämmigen Menschen, Obdachlosen oder Linken gegeben. Es wurde schon wieder so getan, als wäre das ein erstes Mal.

Man hatte wieder den Eindruck, dass – am liebsten schon bei der ersten Begehung des Tatorts – ein rechtsradikaler Hintergrund unbedingt ausgeschlossen werden sollte.

Wir hatten es also schon wieder mit einem ersten Mal und mit den bekannten Lügen des bundesdeutschen Staates zu tun. Erstens: Es gibt kein nationalsozialistisches Kontinuum. Der Rechtsradikale an sich ist zu doof, sich zu organisieren. Zweitens: Falls es ein deutscher war, dann ein sicherlich verwirrter Einzeltäter. Drittens: Die Täter werden verstärkt im Umfeld der Opfer gesucht – und mafiöse Strukturen und Bandenkriminalität sind dort nicht auszuschließen.

Diese Gründe führten meinen Ko-Autor Günter Senkel und mich dazu, es nicht bei einer Empörung zu belassen, sondern – wir sind ja Schreiber – ein Stück zu schreiben.

Drei noch in der Tatnacht verhaftete Jugendliche wurden offenbar vorschnell wieder auf freien Fuß gesetzt, sichergestellte Beweisstücke gegen sie sind im Laufe der Ermittlungen unter ungeklärten Umständen verschwunden. Unterdessen wird gegen den Bewohner des Hauses Safwan E. auf dürftiger Basis ein Prozess eröffnet. Im Vorwort von Koppstoff, das 1998 erschien, schreiben Sie: „Die Aufklärung des Lübecker Brandanschlags verkommt zu einem unwürdigen Spektakel, in dem sich rechtsradikale Straftäter aus Grevesmühlen immer wieder zu ihrer Täterschaft bekennen und ihre Aussagen widerrufen, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt.“ Bis heute ist der Brandanschlag, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen, offiziell nicht aufgeklärt. Im Zuge des NSU-Prozesses wurden Stimmen laut, die erneute Untersuchungen forderten. Und gegenwärtig gibt es eine Debatte um strukturellen Rassismus in der Polizei. Sind wir heute weiter als zum Ende der 1990er Jahre?

Keinen Schritt! Es hat sich nicht nur überhaupt nichts verändert – es ist zu einer Normalisierung gekommen – um im Jargon der zynischen Vernunft zu sprechen. Es gehört zur bundesdeutschen Normalität, dass hochmotivierte Rassenkrieger losziehen und Menschen töten. Dass das eine Schande ist, mit der man sich nicht abfinden darf, muss man nicht gesondert feststellen – ich gehöre nicht zu denen, die sich auf Kundgebungen oben hinstellen und Reden schwingen und dann hoffen, dass der Weltfrieden einkehrt. Noch einmal: Es gehört zur bundesdeutschen Normalität, dass Hitlers Enkel, organisiert und vernetzt, Jagd machen auf Fremdstämmige und Gesinnungsfeinde. Und sie brauchen keinen Hitler mehr und kein deutsches Vaterland, um zu morden. Man kommt nicht weiter, wenn man den Faschismus historisiert. Dann ist man blind für die Gegenwart. Man darf nicht sagen: „Oh, die haben ja keine Hakenkreuz-Binden, also sind es keine Nazis.“ So einfach ist das nicht.

Vor ein paar Wochen [Ende August 2020] wurde in den Medien an Angela Merkels Satz “Wir schaffen das” aus dem Jahr 2015 erinnert. Viele KommentatorInnen sehen in ihm und der damit einhergehenden Flüchtlingspolitik eine Zäsur und einen Fixpunkt für das Wiedererstarken von Rechtspopulismus und Ausländerfeindlichkeit.

Ein weiteres konstruiertes erstes Mal. Die Kaschmirliberalen von der Zeit und all den Feuilletonredaktionen im Land haben lupenreine Rassisten wie Thilo Sarrazin schon vor zehn Jahren hofiert und den “Neurechten” Vollhonk Götz Kubitschek mit ihren regelrechten PR-Maßnahmen dabei geholfen, sich aufzuschwingen. Wenn die Kaschmirliberalen der rechten Buchhändlerin Susanne Dagen und diesen ganzen tantigen und onkelhaften Geschöpfen die Möglichkeit geben, schön Werbung zu machen, dann darf man sich nicht wundern, dass der Wutbürger da draußen sagt: “Donnerwetter, stimmt ja.“

Und währenddessen weitet die AfD die Grenzen des Sagbaren. All diese ganzen Vaterländler, die sich an Hitlers Strategie halten “Schlage die Demokratie in der Demokratie mit den Mitteln der Demokratie”, die nicht mehr sagen können, der Jude sei unser Unglück, die aber sagen, der Moslem sei unser Unglück. All diese Leute wissen ganz genau, was sie sagen. Es gibt keine Versehen. Es gibt keine Missverständnisse. Und die Mordbuben sind die Putztruppe solcher Patrioten. Manch einer wird nun sagen, das muss man doch auseinanderhalten. Nix.

Das Oktoberfest-Attentat und die Wehrsportgruppe Hoffmann in den 1980er Jahren, Pogrome und Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Lübeck in den 1990er Jahren. Die Mordserie des NSU von 2000 bis 2007, die Gruppe Freital 2015, kursierende Todeslisten wie im Fall des Bundeswehrsoldaten Franco A. im Jahr 2017, Halle 2019, Hanau 2020. Das sind nur einige der spektakulärsten Fälle des Rechtsterrorismus …

Man weiß, dass dieser Spuk nicht erst gestern begonnen hat, sondern vorgestern schon da war. Wenn man sich zum Beispiel die Geschichte des NSU anschaut, wird einem klar, dass das nicht die Geschichte von drei Lumpen ist, die in den Untergrund gehen. Es ist die Geschichte des Sympathisantensumpfs. Dass man trotz vieler Hinweise sie so lange hat gewähren lassen, dass so lange keine Zusammenhänge zwischen den Taten gesehen wurden, und dass plötzlich, wie in einer konzertierten Aktion, tausende von Akten verschwunden sind, und schließlich, dass V-Männer der bundesdeutschen Staatssicherheit sich an überhaupt nichts mehr erinnern können. Diese Form des Gedächtnisverlusts kannte man bisher nur aus der Entnazifizierung.

Ich möchte noch einmal in der Kategorie, die die eilfertigen Diener des bundesdeutschen Staates gern beim Blick auf die linke Szene anwenden, nach rechts schauen: Wir müssen darüber reden, dass man den Sympathisantensumpf bei den ermittelnden Behörden austrocknen muss. Wir müssen über die klammheimliche Freude sprechen, die empfunden wird, wenn Kanaken da draußen sterben.

Lieber Feridun Zaimoglu, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Kristof Warda

Feridun Zaimoglu erhielt 2006 als „einer der wichtigsten jüngeren deutschsprachigen Autoren der Gegenwart“ den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein. Mit seinen Romanen Kanak Sprak (1995) und Koppstoff (1998) setzte er den zwischen den Kulturen aufgewachsenen Kindern und Kindeskindern türkischer Gastarbeiter wortgewaltige literarische Denkmäler. Es folgten zahlreiche Romane und – in Zusammenarbeit mit Günter Senkel – Theaterstücke und Stückübersetzungen, u.a. Luther als Auftragswerk für das Theater Kiel 2017. Zuletzt erschien von Feridun Zaimoglu Die Geschichte der Frau (2019).

Schleswig-Holstein.

Winter 20/21

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    Viel Spaß beim Lesen und Entdecken unserer bisher umfangreichsten Ausgabe
  • Zum hundertsten Geburtstag der Malerin Gerda Schmidt-Panknin
    Uwe Haupenthal gratuliert der Malerin Gerda Schmidt-Panknin zum hundertsten Geburtstag
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    Was hätte das Jahr 2020 für ein Kulturjahr in Schleswig-Holstein werden können? Die Vorzeichen waren positiv, die Jahresprogramme gedruckt und verteilt, Ausstellungen, Konzerte, Auf- und Vorführungen geplant und vorbereitet, Tickets ver- und gekauft – und dann kam das Virus, welches die Welt verändert hat.
  • Shoppst Du noch oder sammelst Du schon Müll?
    Archäolog*innen werden ihre Freude haben, wenn sie in ein paar hundert Jahren die Überbleibsel unserer Zeit ausgraben. Bisher hat keine Gesellschaft jemals so viel Abfall und Reste produziert wie die globalen Wohlstandsgesellschaften.
  • „Die Kunst an sich ist zweckfrei aber nicht sinnlos“ – Martin Lätzels Ana[B]log
    In diesen Monaten ist viel von Albert Camus und seinem Buch „Die Pest“ gesprochen worden. Aktueller aber ist ein ganz anderer Text von Camus, nämlich „Der Mythos des Sisyphos“.
  • Onerskiasen / Unterschiede
    Wendy Vanselows friesische Kolumne
  • Den Wohlfahrtsstaat möblieren. Warum dänische Design-Ikonen so weit verbreitet sind
    Architektur, Möbel und Gebrauchsgegenstände spielten einst eine wichtige Rolle bei der Formierung der egalitären dänischen Gesellschaft. Warum dänisches Design heute vor allem als exklusiver Luxus verbreitet ist, erklärt Nan Dahlkild
  • Møbleringen af velfærdssamfundet
    Er der en sammenhæng mellem den store udbredelse af dansk design og udviklingen af det danske velfærdssamfund?
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    Das Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (zebra) führt eine Statistik für Schleswig-Holstein. 2019 ist die Zahl der Menschen, die rechte Gewalt erfahren haben, um 61 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Für 2020 geht zebra davon aus, dass sich die Situation nicht entspannt hat
  • Brennende Republik Deutschland
    Am 18. Januar 2021 jährt sich der Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße zum 25. Mal. Die schwere Brandstiftung zu einer Zeit, als in der ganzen Republik Asylunterkünfte in Brand gesteckt wurden, ist bis heute ungenügend aufgeklärt, der Mord an zehn Menschen bis heute ungesühnt. Einseitige und von Pannen geprägte Ermittlungen werfen nach wie vor Fragen auf. Kristof Warda erinnert an die Geschehnisse im Januar 1996 und an die Geschichte rassistischer Gewalt in der alten und neuen Bundesrepublik
  • „Wir sind heute keinen Schritt weiter“ Feridun Zaimoglu im Gespräch
    „Inzwischen ist rechtsradikale Gewalt, verbal wie körperlich, eine Alltagserscheinung wie der Gang zum Bäcker“, schrieb Feridun Zaimoglu in den 1990er Jahren. Im Gespräch mit Kristof Warda stellt er fest, dass sich seitdem nichts verändert hat
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    „…aus dem Bewusstsein heraus, dass eine politische Auseinandersetzung mit Neonazis immer auch bedeuten muss, sich mit den von ihren Taten Betroffenen zu solidarisieren“, arbeitet seit 2001 die Beratungsinititative für Betroffene rechter Gewalt LOBBI in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Gespräch über 30 Jahre Wende, Einheit, Wiedervereinigung
  • Die Kartierung des Himmels an der Schwelle zur Neuzeit.
    Weltbilder und Himmelskarten in der Eutiner Landesbibliothek. Die Frühe Neuzeit steht für die Fortschritte der Wissenschaften in Europa. Und sie gilt als „Zeitalter der Entdeckungen“: Europäische Expansion und überseeische Handelsbeziehungen nährten das Bestreben, die Welt als Gesamtheit zu erfassen. Atlanten und Karten wurden aufgrund neuer Möglichkeiten der Vermessung immer exakter. Weiße Flecken von „unentdeckten“ Gebieten verschwanden allmählich. Auch der Himmel wurde neu vermessen und kartiert, die Erkenntnisse in Himmelsatlanten veröffentlicht. Gerade die Astronomie erbrachte Erkenntnisse, die die gesamte mittelalterliche Weltsicht ablöste. Astronomen wie Tycho Brahe, Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei und Isaac Newton halfen, das Weltensystem neu zu verstehen.
  • „Es ist kein Traum …“ Der Dichter und Revolutionär Harro Harring
    Wer war Harro Harring? Martin Lätzel erinnert an den 1798 in Nordfriesland geborenen Dichter, Maler und Revolutionär
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    Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein will mit ihrem neuen Moorschutz-Programm nicht nur kurz die Welt retten, sondern langfristig und beispielhaft

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