Mittwoch, 17. April 2024

Tourismus und Flächenverbrauch

ThemaTourismus und Flächenverbrauch

Ferienwohnungen in Bestlage, Infrastruktur, aber auch Lebensmittelproduktion, Abfalldeponien und Abwasserwerke. Als einer der bedeutendsten Wirtschaftsbereiche des Landes trägt auch der Tourismus direkt und indirekt zum Flächenverbrauch bei.

Die Anzahl touristischer Übernachtungen in Schleswig-Holstein kann in den letzten zehn Jahren einen Zuwachs von fast 50 Prozent verzeichnen und es ist davon auszugehen, dass dieser Trend trotz Coronadelle anhalten wird. Mit einem Anteil von fast acht Prozent an der gesamtwirtschaftlichen Leistung Schleswig-Holsteins zählt der Tourismussektor zu den bedeutendsten Wirtschaftsbereichen des Bundeslandes. Zu den touristisch am intensivsten genutzten Kreisen zählen Schleswig-Flensburg, Ostholstein und Lübeck. Nicht nur dort trägt der Tourismus zu einem wesentlichen Teil zum Flächenverbrauch bei.
Unterschieden werden kann der Flächenverbrauch durch Tourismus und Erholungszwecke in einen offensichtlichen – direkten – und in einen auf den ersten Blick unsichtbaren – indirekten – Flächenverbrauch. Flughäfen, Straßen, Unterkünfte, Freizeitattraktionen oder Parkplätze erkennt man direkt als „verbrauchte“ Flächen. Lebensmittelproduktion, Abfalldeponien, Abwasserwerke, Industrie für Ausstattung – alles Beispiele für indirekten Flächenverbrauch – zählt man oft nicht bewusst dazu. Dabei ist gerade der unbemerkte Anteil jener Anteil, der mehr Fläche in Anspruch nimmt.
Je nach Unterbringungsart wird pro Übernachtungsmöglichkeit eine unterschiedlich große Fläche in Anspruch genommen. Gäste- oder Hotelzimmer beanspruchen mit 20m2 bis 40m2 pro Übernachtungsmöglichkeit deutlich weniger Grundfläche als zum Beispiel Ferienhäuser mit bis zu 200m2 benötigter Fläche. Wie viel Fläche in Schleswig-Holstein genau durch den Tourismus belegt wird, ist jedoch nicht bekannt: „In der Statistik werden spezielle Nutzungsarten – wie eine Gebäudenutzung für touristische Zwecke – nicht bei der Erfassung der Siedlungs- und Verkehrsfläche erhoben“, heißt es aus dem Ministerium für Inneres, ländliche Räume, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein (MILIG). Nach Auskunft des MILIG werden zusätzlich vor allem die Gemeinden in der Verantwortung gesehen, die Flächeninanspruchnahme durch Tourismus zu beobachten: „[…] Bei der Anwendung des wohnbaulichen Entwicklungsrahmens verlassen wir uns auf Einschätzungen der Gemeinde […]“.
Besonders flächenintensiv ist die Kategorie der Parahotellerie – Ferien- und Zweitwohnungen –, da diese meist in Vorzugslagen gebaut werden. Diese Lagen sind nicht nur optisch ansprechend, sondern oft auch von hohem Naturwert. Auf den Inseln des Schleswig-Holsteinischen Wattenmeeres wurden schon zur Jahrtausendwende rund 50 Prozent der Häuser und Wohnungen für touristische Beherbergungen genutzt. Dies führt neben großen Anteilen versiegelter Fläche zu erhöhten Immobilienpreisen und oft zur Verdrängung der heimischen Bevölkerung. Zwischen 2018 und 2020 stieg der ohnehin hohe Quadratmeterpreis auf den Inseln um bis zu 50 Prozent – trotzdem bleibt die Nachfrage ungebrochen hoch.
Durch den Bau von touristischen Infrastruktureinrichtungen in landschaftlich ansprechenden und ökologisch sensiblen Gebieten, kann selbst ein geringer Flächenverbrauch gravierende negative Auswirkungen haben. Eine intakte Umwelt ist gerade in Schleswig-Holstein DER entscheidende Standortfaktor für den Tourismus. Die Nachfrage nach naturnahen Urlaubs- und Freizeitmöglichkeiten wird in Zukunft nur noch zunehmen. Fast 80 Prozent der Tourist:innen in Schleswig-Holstein wollen Natur erleben (Tourismusverband Schleswig-Holstein, Reiseanalyse 2019).
Entsprechend hat der Erhalt der Naturlandschaft auch für die Tourismusbranche eine besondere Bedeutung.
Im Sinne eines nachhaltigen Tourismus, bei dem die Aktivitäten in einem Urlaubsgebiet nach der Tragekapazität der Natur ausgerichtet sind und die Nutzung aller Ressourcen möglichst sparsam ist, sollte auch die Kultur und das alltägliche Leben der Einheimischen berücksichtigt und Tourist:innen für die Situation in der Region sensibilisiert werden. Dazu gehört auch die Nutzung bereits bestehender Gebäude sowie Verzicht auf weiteren Neubau, um so zu einer Flächenschonung beizutragen.

Merlin Michaelis

Der Leitfaden zum Thema findet sich unter: https://bund-sh.de/leitfaden-flaechenverbrauch

Weitere Artikel

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn die Menschheit schon immer sehr mobil gewesen ist, scheint der temporäre Ortswechsel „zum Vergnügen“ ein recht junges Phänomen zu sein. Einer der frühesten Belege für die Übernahme des englischen Begriffes tourist ins Deutsche findet...

17 Ziele, die unsere Welt verändern

Die 17 Nachhaltigkeitsziele wurden 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Bis 2030 sollen sie erreicht werden. In Deutschland unterstützen die Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN) Akteure, Unternehmen und Institutionen auf dem Weg dorthin.

Vom Reisen zum Tourismus. Ein historischer Rückblick

Zum Vergnügen irgendwohin reisen? Bis vor gar nicht allzu langer Zeit machten das bloß „seltene Narren“. Erst mit dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert begann der Aufschwung des organisierten Tourismus. Und mit ihm seine Gegenbewegungen in Frühformen von Slow Tourism und Micro-Adventures

Artikel aus den letzten Ausgaben

Editorial

Chefredakteur Kristof Warda stellt die Ausgabe Winter/Frühjahr 2024 vor.

Das Unfassbare haptisch machen. Die Regisseurin Marie Schwesinger

Sie recherchiert in Archiven und Gerichtssälen, spürt Zeitzeugen auf und vereint Stückentwicklung mit klassischer Regiearbeit. Ihr Dokumentarstück LebensWert am...

Das Dokumentartheaterstück „LebensWert“ am Theater Kiel

LebensWert ist ein auf einer mehrmonatigen, aufwändigen Recherchearbeit basierendes Dokumentartheaterstück, das sich einem dunklen Kapitel der Kieler und schleswig-holsteinischen Vergangenheit widmet: der NS-Euthanasie und vor allem ihrer gar nicht oder nur schleppend erfolgten Aufarbeitung.

Die Welt umarmen. Die Designerin Nanna Ditzel

Befreit in Gedanken und Taten: Nanna Ditzel hatte einen scharfsinnigen Blick für die Konventionen und Lebensstile ihrer Zeit und machte sich daran, sie zu verändern. Sie tat dies mit Farben, Formen, Möbeln und Design, die unsere etablierten Vorstellungen davon, wie Dinge auszusehen haben, wie sie benutzt werden und zu erleben sind, liebevoll auf die Probe stellen und erweitern. Nanna Ditzel übernimmt selbst die Führung – von Anfang bis Ende.

Heimat – eine Suche

Im Juni 2023 hat sich die neonazistische NPD umbenannt – in: Die Heimat. Aber auch andere verfassungsfeindliche Parteien und Gruppierungen wie die sogenannte identitäre Bewegung reklamieren den Heimatbegriff für sich und geben vor, genau zu wissen, was damit gemeint ist und wer dazugehört – vor allem aber: wer und was nicht dazugehört.

Wo öffnet sich die Welt? Der Autor Ralf Rothmann

„Der Weizen war fast reif, der Himmel blau, die Schwalben flogen in großer Höhe. Erstaunlich viele Kühe grasten auf...

Die Kulturzeitschrift abonnieren

Meistgelesen

Mahlzeit, Erstmal, Moin. Grüße in Nordfriesland und anderswo

Jeder kennt „Mahlzeit“ und „Moin“ als Gruß – zumindest in Norddeutschland; die Verabschiedung „Erstmal“ ist schon südlich von Eider und Nord-Ostsee-Kanal seltener. Wo kommen diese Grußformeln her und wie werden sie gebraucht? LANDRAT in...

Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen bereichern die Theaterszene nicht nur in Kiel und im Land. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Die gängigsten Spechtarten in Schleswig-Holstein

Diese Spechtarten können Sie in den Wäldern Schleswig-Holsteins entdecken

Tanne – Abies

Welf-Gerrit Otto betrachtet die Tanne im Spiegel von Mythologie und Volksglaube - und zeigt, wie die Wildpflanze in der Küche verwendung finden kann ...

Gut Panker: Vom Rittersitz zur Gutsgemeinschaft

Panker heute – das ist eine Gemeinde im Landkreis Plön, Amt Lütjenburg, 22.76 qkm, etwa 1500 Einwohner. Das gewöhnliche gelbe Ortsschild lässt von einem „Gut“ Panker nichts erkennen, aber der interessierte Tourist stößt...

Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Der Begriff "Heimat", wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Nachgelesen: Das bewegte Leben der Lotti Huber

Lotti Huber war eine Künstlerin. Sie war eine Lebenskünstlerin. In einschlägigen Artikeln wird sie als Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und avantgardistische Künstlerin bezeichnet. Übersetzerin und Schriftstellerin war sie auch. Martin Lätzel über das bewegte Leben der gebürtigen Kielerin.

(Un)bekannte Moderne: Die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra in Quickborn

Die Architektur-wissenschaftler Barbara von Campe, Eva von Engelberg-Dockal und Johannes Warda sprechen über die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra und die Moderne im Allgemeinen