Freitag, 3. Februar 2023

Editorial Ausgabe Winter/Frühjahr 23

EditorialEditorial Ausgabe Winter/Frühjahr 23

Liebe Leserin, lieber Leser,

an einem schönen Wintertag begegnete der Fotograf Holger Rüdel dem Wanderschäfer John Kimmel und seiner Schafherde auf den Wällen des UNESCO-Weltkulturerbes Danewerk. Wie er im Gespräch schildert, war dies der Auslöser dafür, die letzten verbliebenen Wanderschäfereien in Schleswig-Holstein mit seiner Kamera zu begleiten und die Arbeit dieser bedrohten Berufsgruppe in einer Langzeit-Bildreportage zu dokumentieren.
Das Danewerk ist heute Symbol einer gemeinsamen Geschichte in der Grenzregion – das war nicht immer so. Der Direktor des Danevirke Museum Lars Erik Bethge schildert die eskalierende nationale Vereinnahmung des Bodendenkmals im Zuge der immer radikaler werdenden Nationalitäts- und Identitätskonstruktionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei spielten Archäologie sowie Geschichts- und Altertumsforschung, die in Kombination mit völkischer Ideologie und Rassenlehre dem Nationalismus, Rassismus und Chauvinismus das Deckmäntelchen der „wissenschaftlichen Erkenntnis“ überwarfen.
Ans Ende der wissenschaftlichen Erkenntnis schien man um die Wende zum 20. Jahrhundert in der Physik gelangt zu sein: Die Mechanik der Welt schien entschlüsselt und das Theoriegebäude der Physik fertiggestellt. Große neue Entdeckungen waren nicht mehr zu erwarten, und so erntete er erst einmal Unverständnis und Ablehnung, als er im Jahr 1900 die Idee der Quantisierung elektromagnetischer Strahlung – also der Abgabe von Strahlung in „Paketen“ – der Fachöffentlichkeit präsentierte. Schließlich brach Max Planck hier mit der allgemein anerkannten und bewährten Auffassung der Physik, nach der Strahlung etwas Kontinuierliches sei.
Sein Vortrag gilt heute als Geburtsstunde der Quantentheorie. Diese ist gewissermaßen ein Neubau neben dem Theoriegebäude der klassischen Physik. Ein Neubau, durch dessen kontinuierliche Erweiterung auch andere Disziplinen sich zu grundlegenden Sanierungsmaßnahmen gezwungen sahen, stellte er doch als gesichert geltende Erkenntnisse zum Funktionieren der Welt (ja, der Erkenntnis selbst) infrage. Dass in den letzten Jahren zahlreiche Nobelpreise – nicht nur in der Physik – für Forschungen auf Basis dieser revolutionären Theorie verliehen worden sind, zeigt eindrucksvoll, welch innovative Kraft Plancks Idee bis heute hat. Und das nicht nur für die Grundlagenforschung: Zahlreiche technische Geräte und praktische Anwendungen – vom allgegenwärtigen Smartphone bis zur Lasertechnologie – sind auf Basis der Quantentheorie entstanden. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler stehen wir sogar erst am Anfang der Erschließung ihres innovativen Potenzials.
Michael Bonitz, Professor für Theoretische Physik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, setzt sich seit Jahren für eine angemessene Würdigung des Nobelpreisträgers Max Planck in dessen Heimatstadt ein. Seit 2013 erinnert nun in den Räumen der Sektion Physik der Uni eine kleine Ausstellung an diesen wohl einflussreichsten Sohn der Stadt. Als Plancks Nachkommen Michael Bonitz fragten, ob er Interesse an dessen bisher ungesichteten Korrespondenz der letzten Lebensjahre hätte, zögerte er nicht.
In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Regionalgeschichte unter der Leitung von Professor Oliver Auge wird der umfangreiche Nachlass nun erschlossen. Vielleicht ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem Max-Planck-Museum in der Landeshauptstadt? Die wissenschaftlichen Mitarbeiter Karoline Lieblig, Anne Krohn und Erik Schroedter geben uns erste Einblicke. In die Quantenphysik und in Max Plancks wissenschaftliches Wirken führt uns Michael Bonitz ein.
Ein weiterer Nobelpreisträger aus Schleswig-Holstein ist Theodor Mommsen. Für seine Römische Geschichte erhielt der in Garding geborene Historiker im Jahr 1902 den Nobelpreis für Literatur. Ab Seite 146 wirft Martin Lätzel einen Blick auf Mommsen und seine Freundschaft zum Schriftsteller Theodor Storm.
Die Schriftstellerin Dörte Hansen erhielt 2022 den Kulturpreis des Landes Schleswig-Holstein. Auf Seite 32 finden Sie die Laudatio zur Preisverleihung von Iris Radisch. Mit dem Förderpreis wurde Zara Zerbe ausgezeichnet. In ihrer Laudatio stellt uns Julia Ingold ab Seite 36 das Werk der Schriftstellerin vor.

Und außerdem?

Klaus Alberts begibt sich auf die Suche nach Kunst im öffentlichen Raum an der Westküste und findet blühende Landschaften vor (Seite 90), Maike Manske richtet den Blick auf Leben und Werk von Ernestine Voß, die weit mehr als nur „Dichtergattin“ war, der Autor, Illustrator und Künstler Manfred Schlüter schaut auf seine „Wanderung zwischen den Welten“ und Johannes Spallek stellt das Werk der Fotokünstlerin Renée Pötzscher vor.

Das alles und noch viel mehr in Ihrer neuen Schleswig-Holstein. Viel Spaß beim Lesen und Entdecken,

Ihr

Kristof Warda
k.warda@schleswig-holstein.sh

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50 Jahre künstlerische Fotografie: Renée Pötzscher

Renée Pötzscher gehört zu den bedeutenden Fotokünstlerinnen. Ihr komplexes Oeuvre ragt hervor. Als gelernte Fotografin und Absolventin der Hochschule für Bildende Künste Hamburg beherrscht sie fotografische Techniken meisterhaft, insbesondere die o h n e Kamera, die sie unorthodox an ihre Grenzen treibt und dabei innovativ in neue künstlerische Welten und fotografische Ausdrucksfelder vorstößt. Dabei lässt sie methodisch gezielt Experimentelles und den kalkulierten Zufall zu. Ein charakteristisches Merkmal ist der intensive gestalterische Prozess. So entstand seit 1973 konsequent ein eigenständiges Werk, das anhand einiger Beispiele im folgenden Artikel vorgestellt werden soll.

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Es ist vielleicht das Gegenteil von l’art pour l’art und trotzdem alles andere als instrumentalisierte Kunst: Hochwertige Produktionen, in denen die Grenzen zwischen Kunstarten oder zwischen Kunstwerk und Publikum verschwimmen. Die Vorstandsmitglieder von „Frequenz_“ möchten in Kiel zeitgenössische Werke präsentieren, die alle erreichen, und zwar metaphorisch ebenso wie buchstäblich – eingebunden in die Szenerie der Landeshauptstadt. Sherif El Razzaz, Annegret Rehse und Tarek Krohn wollen mit ihrem Projekt für Klangkunst begeistern und die neue Künstler:innen-Generation nach Kiel holen.

Am a klöören

Ik haa so’n aanang, dat al jodiar saagen an teemen, huar ik mi rocht för begeistre koon, mi eentelk bluat tu paak fu, auer jo a rocht klöören haa. Ian leewentsteorii faan mi het: klöören an mönster, wat ham...

Artikel aus den letzten Ausgaben

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