Seit vier Jahrzehnten prägen Ursula Lins und Uta Lemaitre als Restauratorenteam das kulturelle Gesicht Schleswig-Holsteins. Ihre Arbeit am Schleswiger Dom und zahlreichen weiteren Kunstwerken des Nordens ist beispielhaft für eine Denkmalpflege, die Fachlichkeit mit Beharrlichkeit, Wissenschaft mit Engagement und Handwerk mit Ethos vereint.
Es war der 7. Januar 1985, ein kalter Montagmorgen, als sich zwei junge Restauratorinnen in Schleswig dazu entschlossen, ein gemeinsames Team zu bilden. Ursula Lins und Uta Lemaitre waren zu diesem Zeitpunkt kaum dreißig Jahre alt, ihre Ausbildungen abgeschlossen, ihre Berufung jedoch gerade erst am Anfang. Was als praktische Entscheidung begann – ein Zusammenschluss zur besseren Projektbewältigung – entwickelte sich in den kommenden Jahrzehnten zur prägenden Kooperation der norddeutschen Restaurierungsszene.
Bemerkenswert an der beruflichen Entwicklung von Ursula Lins und Uta Lemaitre ist ihre frühe Spezialisierung in einem Feld, das in den 1970er- und 1980er-Jahren erst noch im Begriff war, sich zu professionalisieren. Während Lins mit ihrer Diplomarbeit an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart zu den ersten akademisch ausgebildeten Restauratorinnen in Deutschland gehörte, setzte Lemaitre auf eine durch und durch praxisnahe Ausbildung – ergänzt durch ein Volontariat in Schleswig-Holstein und eine Weiterqualifizierung bei einem international renommierten Experten für Wandmalerei in der Schweiz. Beide Wege verdeutlichen exemplarisch, wie sich die Restaurierung in jener Zeit zwischen Wissenschaft und Handwerk neu positionierte – und wie Schleswig-Holstein von dieser Entwicklung profitierte.
Zwischen Staub und Ehrfurcht
Der Schleswiger Dom, genauer das Bordesholmer Retabel von Hans Brüggemann, steht exemplarisch für die restauratorische Arbeit von Ursula Lins und Uta Lemaitre. Dieses Hauptwerk norddeutscher Schnitzkunst, zwischen 1514 und 1521 geschaffen, wurde bereits 1985 zu ihrem ersten großen Projekt – ein Vertrauensvorschuss, den das Denkmalamt und das Landeskirchenamt ihnen unmittelbar nach Abschluss ihrer Ausbildung gewährten. In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Dr.-Hartwig-Beseler-Preises 2025 erinnerten sich beide an die Ehrfurcht, mit der sie dem Werk begegneten – und an die Gewissheit, diese Aufgabe gemeinsam meistern zu können: „Wir waren zu zweit.“
Der fast 13 Meter hohe Altar mit Hunderten fein geschnitzten Figuren verlangt eine besondere Sorgfalt: Er ist empfindlich gegenüber Berührung, Staub und Klimaeinflüssen. Die Restauratorinnen reinigen und sichern ihn daher regelmäßig – stets im Bewusstsein, dass jede Maßnahme ein Eingriff ist, der sensibel abgewogen werden muss. Ursula Lins bezeichnete das Werk als ihr „größtes Sorgenkind“ – ein Ausdruck tiefer fachlicher wie emotionaler Bindung.

Altar. Links Uta Lemaitre, rechts Ursula Lins.
Prof. Dr. Uwe Albrecht, langjähriger Begleiter ihrer Arbeit, hob diese Beziehung in seiner Laudatio hervor. Er sprach von einer „fruchtbringenden Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ – zwischen Restauratorinnen und Objekt ebenso wie zwischen Restauratorinnen und Wissenschaft.
Ihre Tätigkeit im Dom geht jedoch weit über das Retabel hinaus. Mindestens dreißig Werke – darunter Epitaphien, Leinwandgemälde mit aufwändigen Rahmen und Holzskulpturen – wurden in den vergangenen vier Jahrzehnten durch ihre Hände betreut. Besonders das Cypraeus-Epitaph mit seiner weitgehend originalen Fassung und dem seltenen Motiv der Himmelfahrt des Elias ist Ursula Lins ans Herz gewachsen – ein Werk, das künstlerisch wie restauratorisch besondere Herausforderungen und Reize birgt.
Nichts hinzuerfinden, nichts wegnehmen
„Restaurieren heißt nicht wieder neu machen“, lautet einer der zentralen Sätze, mit denen Lins ihr Verständnis von Denkmalpflege umreißt. Die Spuren der Geschichte, die Patina, die Alterung von Farben, die handwerklichen Besonderheiten vergangener Zeiten – all dies ist kein Makel, sondern Teil des Kunstwerks. Diese Haltung, die Altes nicht glätten, sondern verständlich machen will, zieht sich durch das gesamte Werk der beiden Restauratorinnen.
Laudator Uwe Albrecht würdigt genau diesen Ansatz als einen, der die Restaurierung nicht nur als technische, sondern auch als kulturelle und wissenschaftliche Aufgabe versteht. Er hob hervor, dass jede Maßnahme der Restauratorinnen in enger Abstimmung mit Kunstgeschichte und Denkmalpflege erfolgt – und dabei nie den Blick für das Eigene des Objekts verliert. Die Restauratorinnen seien Anwältinnen der Kunstwerke, nicht deren Umgestalterinnen.
Diese Verantwortung verlangt nicht nur höchste Präzision, sondern auch ethische Klarheit. In ihrer Dankesrede erinnern sich Lins und Lemaitre an einen Leitsatz, den ihnen einst ein Vorgesetzter mitgab: „Restauratoren sind nicht dazu da, bequem zu sein.“ Dieser Satz hat sie geprägt – im Ringen um Entscheidungen, im Gespräch mit Auftraggebern, im Anspruch, auch unter schwierigen Bedingungen nichts zu tun, was nicht fachlich tragbar ist.
So gilt bei ihrer Arbeit stets: Jede Restaurierungsmaßnahme muss reversibel sein. Jeder Eingriff wird akribisch dokumentiert, fotografisch und schriftlich. Es entsteht ein stilles Archiv der Pflege, ein in Berichten niedergelegtes Gedächtnis des Werks. Diese Sorgfalt ist nicht nur Selbstverständnis, sondern auch Teil ihrer Verantwortung gegenüber künftigen Generationen.
Ihre Restaurierungen umfassen daher nicht nur das Handwerkliche – etwa die Festigung von Fassungen, die Verleimung loser Teile oder die Abnahme von Staub- und Schimmelauflagen –, sondern auch wissenschaftliche Befunduntersuchungen, materialkundliche Analysen und konzeptionelle Vorschläge zur Rekonstruktion von Raumfarbigkeit und Fassaden. Dabei zeigen sie, dass Restaurierung ein interdisziplinäres Feld ist – zwischen Kunsttechnik und Naturwissenschaft, zwischen historischem Verständnis und gestalterischer Zurückhaltung.
Mit Pinsel und Präzision unterwegs zwischen Keitum und Petersdorf
Zwar bildet Schleswig das Zentrum ihres Wirkens, doch reicht der Radius der beiden Restauratorinnen weit darüber hinaus. Zahlreiche Kirchen im Landesteil Schleswig wurden durch ihre Arbeit geprägt – darunter Medelby, Keitum auf Sylt, Leck, Witzwort, Gettorf und Haddeby, wo sie vielfach komplette Kirchenausstattungen restaurierten. Auch in Ostholstein, etwa in Giekau, Selent und Petersdorf auf Fehmarn, sowie in Westholstein, etwa in Neuenkirchen und Heide, haben sie bedeutende barocke Ausstattungselemente gesichert.
Darüber hinaus betreuten sie Sammlungen in bedeutenden Museen des Landes wie Schloss Gottorf, dem Nissenhaus in Husum, dem Museum Eckernförde und der Kieler Kunsthalle. Diese geografische Spannweite ist Ausdruck ihrer langjährigen Verankerung im Land – aber auch ihrer Reputation über die Region hinaus.
Das „Restauratorenteam Schleswig“ längst als Synonym für Qualität, Integrität und Beständigkeit. Ihre Arbeitsweise – akribisch, methodisch, interdisziplinär – gilt vielen Kolleg:innen als Referenz. Der Dr.-Hartwig-Beseler-Preis, der ihnen 2025 verliehen wurde, würdigt deshalb nicht nur zwei Einzelpersonen, sondern ein beispielhaftes Lebenswerk, das in seiner Wirkung weit über Landesgrenzen hinaus Beachtung findet.
Restaurieren als Haltung
Neben ihrer restauratorischen Arbeit engagieren sich beide Frauen ehrenamtlich in Schleswig. Ursula Lins ist Vorsitzende des St.-Petri-Domvereins, Mitglied im Kirchengemeinderat, im Domausschuss und im Lektorenkreis. Beide führen regelmäßig durch den Dom, erklären ihre Arbeit vor Ort, öffnen dem Publikum einen sonst verborgenen Zugang zur Kunst.
Sie publizieren in Fachzeitschriften, beteiligen sich an wissenschaftlichen Projekten und tragen bei zu monumentalen Editionswerken wie dem „Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein“. Besonders bemerkenswert ist, dass ihre Erkenntnisse nicht von anderen verschriftlicht wurden, sondern von ihnen selbst – ein selbstbewusster Schritt zur Sichtbarkeit restauratorischer Expertise.
Mit Kulturtechnik gegen Verfall
Auch nach vierzig Jahren ist für beide kein Ende in Sicht. Derzeit arbeiten sie im Rahmen eines interdisziplinären Teams an der Analyse der klimatischen Veränderungen im Innenraum des Schleswiger Doms. Ziel ist ein Wartungsvertrag, der eine kontinuierliche Pflege ermöglicht, bevor großer Schaden entsteht. Ihre Zuwendung zu diesen Fragen zeigt: Denkmalpflege ist für sie kein nostalgisches Bewahren, sondern eine vorausschauende Kulturtechnik.
Ein Teil des Preisgeldes, das sie für den Dr.-Hartwig-Beseler-Preis erhielten, wird übrigens nicht privat verwendet, sondern fließt in die Restaurierung eines barocken Silberleuchterpaars von 1655 im Schleswiger Dom. Diese Geste ist emblematisch: Was man sich erarbeitet hat, wird zurückgegeben in den Dienst an der Sache.
Die Kunst, im Verborgenen zu wirken
Ursula Lins und Uta Lemaitre halten sich im Hintergrund. Ihre Arbeit spricht durch das, was erhalten bleibt, nicht durch große Worte. Ihre Spuren sind in den Kunstwerken sichtbar, die sie betreut haben – nicht als Signatur, sondern als sorgsame Zuwendung. Wer den Schleswiger Dom besucht, begegnet vielen Objekten, deren Zustand ihrer langjährigen Arbeit zu verdanken ist. Es ist ein Wirken, das auf Fachlichkeit, Erfahrung und stille Beharrlichkeit setzt – unaufgeregt und dennoch unverkennbar präsent.

Frühjahr 2026