Kirchen und Kapellen sind in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit so sehr Objekte des geistlichen Auftrags, den sie verkörpern, dass sie als Kunstwerke, als monumentale Kunst im öffentlichen Raum fast nicht wahrgenommen werden. Die Religionsgemeinschaften tun nur wenig, auch diese Seite, diese besondere Qualität des ihnen gehörenden Schatzes hervorzuheben. Er verdient es aber.
Es gibt für mich noch einen anderen Grund, seiner zu gedenken und an seiner Würdigung mitzuwirken:
Ich fühle mich ihm „landsmannschaftlich“ verbunden. Als er seine wesentlichen Werke schuf, waren wir beide Meldorfer, er als Architekt, ich als Schüler der Gelehrtenschule. Er war mir nicht unbekannt.
Sein äußeres Leben (1)
Am 12. Dezember 1924 wird er im damals holsteinischen, von Hamburg verwalteten Bergedorf bei Hamburg geboren.
1943 macht er Abitur am Real-Gymnasium in Hamburg-Blankenese.
Von 1943 bis 1945 absolviert er zur Berufsvorbereitung Praktika im Maurer- und Tischlerhandwerk. Wegen seiner Blutererkrankung ist er vom Dienst in der Wehrmacht befreit.
Von 1946 bis 1951 studiert er Architektur an der TH Stuttgart.
1950 heiratet er seine Kommilitonin Helga Behrmann; das Ehepaar bekommt drei Töchter.
1951 legt er seine Diplomarbeit „Planung eines Verwaltungs-, Verkaufs- und Werkstattkomplexes für die Robert-Bosch AG“ vor; erwirbt damit den akademischen Grad eines Diplom-Ingenieurs des Hochbaus.
Von 1951 bis 1954 ist er angestellter Architekt im Büro seines Schwiegervaters Alfred Behrmann in Hamburg.
Ab 1955 ist er Freischaffender Architekt in diesem Büro.
1959 verlegt er seinen Büro- und Wohnsitz nach Meldorf in Holstein.
Vom 9. bis 12. Januar 1960 nimmt er an der Tagung „Bild und Plastik im heutigen Kirchenbau“ in der Evangelischen Akademie in Loccum teil.
Vom 28. bis 31. Mai 1962 ebenda Teilnahme an der Tagung „Künstlerische Gestaltung mit Glaubensaussage“ mit dem Vortrag „Die Aussage des Raumes“.
Von 1963 bis 1968 besteht die Partnerschaft mit Werner Gross (Blankenese), der überwiegend bauleitend tätig ist. Zusammenarbeit mit Ludwig Bunge und Matthias Schiller (Meldorf).
Die Kirchen
Otto Andersen ist Kirchenbauarchitekt; er schafft auch andere Objekte, doch tritt deren architektonische und architekturgeschichtliche Bedeutung hinter der seiner sakralen Werke zurück. Diese Sakralbauten werden überdauern und legen Zeugnis ab von seiner intensiven Schaffensperiode, die im Jahre 1955 einsetzt und – bis auf eine Ausnahme – schon 1968 erlischt.
In diesem Beitrag werden die Kirchen und Kapellen gezeigt, die sein Wirken in Hamburg und Schleswig-Holstein abbilden:
die Johanneskirche in Ahrensburg (1962),
die St. Ansgarkirche in Elmshorn (1962),
die (ehem.) Friedenskirche in Eutin-Neudorf (1973),
die Pauluskirche in Flensburg (1960),
die Christuskirche in Geesthacht-Düneberg (1957),
die Paul-Gerhardt-Kirche in Hamburg-Bahrenfeld (1956),
die St. Peterkirche in Hamburg-Groß Borstel (1959),
die Martin Lutherkirche in Hamburg-Iserbrook (1956),
die Ansgarkirche in Hamburg-Othmarschen (1965),
die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Hamburg-Rahlstedt (1966),
die Rogatekirche in Hamburg-Rahlstedt (1966),
die Trinitatiskirche in Hamburg-Rahlstedt (1965),
die Auferstehungskirche in Heide (1965),
die Auferstehungskirche in Kappeln-Ellenberg (1968),
die Dreifaltigkeitskirche in Lübeck-Kücknitz (1965),
die Friedhofskapelle in Meldorf (1968),
die St.-Ansgar-Kirche in Meldorf (1968/72),
die Thomaskirche in Molfsee-Schulensee (1959),
die Heilig-Geist-Kirche in Pinneberg (1963),
die Kapelle in Schashagen-Bliesdorf (1966),
die (ehem.) Friedenskirche in Schleswig (1963),
die Erlöserkirche in Uetersen (1961).
Rummelsberg
Den (weiten) formalen Rahmen seines schöpferischen Wirkens bilden die „Grundsätze für die Gestaltung des gottesdienstlichen Raumes der evangelischen Kirchen“, die der Evangelische Kirchbautag, ein Arbeitsausschuss der evangelischen Kirchen in Deutschland, auf seiner (5.) Tagung in Rummelsberg/Bayern im Mai 1951 mit Richtliniencharakter für künftige Bauvorhaben beschlossen hatte. Die Richtlinien sollten den Kirchenbau auf das Wesentliche des evangelischen Glaubens zurückführen und dabei insbesondere wucherndes ornamentales Beiwerk und Rückgriffe auf und die Anlehnung an Baustile der Vergangenheit zu vermeiden helfen. Unmittelbarer Anlass für diese Reflexionen waren die Fülle der anstehenden Bauaufgaben, verursacht durch die kriegsbedingte Vernichtung oder Beschädigung zahlreicher Kirchen sowie die Zunahme der Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung in der Bundesrepublik um weit über zehn Millionen Menschen, die potenziell geistlich betreut werden sollten. Dabei ist mit geradezu visionärer Klarheit angesprochen worden, dass sich der Kirchenneubau nicht an den Bedürfnissen der sich auflösenden Massengemeinden, sondern an denen der „lebendigen Gemeindekerne mit dementsprechend nicht allzu großen Kirchen“ orientieren sollte. Allgemein stellte der Kirchbautag fest:
„Evangelischer Gottesdienst kann grundsätzlich überall gehalten werden, in jedem Raum und auch im Freien. Aber schon aus praktischen Gründen ist für eine an einen Ort gebundene Gemeinde ein Kirchengebäude notwendig. Dieses Gebäude muss so ausgestattet sein, dass in ihm das Wort Gottes verkündigt und die Sakramente gereicht werden können. Der gottesdienstliche Bau und Raum soll sich um seines Zweckes willen klar unterscheiden von Bauten und Räumen, die profanen Aufgaben dienen. Aber zugleich wächst er über jede rationale Zweckbestimmung hinaus, da er mit seiner Gestalt gleichnishaft Zeugnis von dem geben soll, was sich in und unter der gottesdienstlich versammelten Gemeinde begibt: nämlich die Begegnung mit dem gnadenhaft in Wort und Sakrament gegenwärtigen heiligen Gott.
Vom Wesen einer evangelischen Kirche her verbietet es sich darum, dass sie in Form und Anlage primär von städtebaulichen Gesichtspunkten aus gebaut wird. In Dorf- und Stadtgebilden, deren Einwohner sich dem christlichen Glauben verpflichtet wissen, werden die städtebauliche und die kirchlich wesensgemäße Aufgabe zusammenfallen. Gleichwohl sollte das Kirchengebäude nicht mit Hochhäusern, Industrie- und Verwaltungsbauten wetteifern wollen.“
In ihren Überlegungen zu den „wesentlichen Bestandteilen des gottesdienstlichen Raumes nach lutherischem Verständnis“ konzentrieren sich die Vorgaben auf Altar, Taufe und Kanzel, wobei der Altar als „physischer Ort der Abendmahlsvorbereitung“ bezeichnet wird. Der Altar ist dienendes vornehmes Instrument des Sakraments des Abendmahls. Wegen seiner zentralen gottesdienstlichen Funktion und Bedeutung fordert der Bauausschuss:
„Er steht in der Mittelachse des gottesdienstlichen Raumes im Angesicht der Gemeinde und sollte um mindestens zwei Stufen erhöht sein.“
Es folgen eingehende Vorschriften zu seiner Gestaltung, wobei er, „so einfach er auch sein mag, ein Stück gediegener Art sein (muss). In der Gestaltung des Altars muss mit besonderer Sorgfalt verfahren werden.“
Zur Taufe:
„Die Bedeutung des Sakraments der Taufe findet in der Gestaltung der Taufstätte ihren Ausdruck. Die Taufe ist für die christliche Gemeinde grundlegend. Formal konstitutives Element ist ihre Einmaligkeit. Wichtig ist die (…) würdige Gestaltung des Taufgeräts. Die Nachahmung alter Steine ist abzulehnen. Sie ist in ihrer Positionierung klar vom Altar abzusetzen; sie muss nicht im Hauptkirchenraum platziert werden.“
Die wichtige Position der Kanzel wird betont.
„Kanzel und Altar sind im lutherischen Gottesdienst einander gleichwertig zugeordnet. Dabei muss sowohl dem Altar als auch der Kanzel durch angemessene Gestaltung ein solches Gewicht gegeben werden, dass sie als die eigentlichen Brennpunkte des Raumes in Erscheinung treten. Auf gute Hör- und Sichtbarkeit ist besonders zu achten.“
Den theologischen „Laien“ erstaunt zunächst die zurückhaltende Äußerung zum gekreuzigten und auferstandenen Christus:
„Lutherische Gemeinden werden in der Darstellung des gekreuzigten und auferstandenen Christus im Kirchenraum einen Hinweis auf die Gegenwart des Herrn bei seiner Gemeinde sehen wollen und darum schwerlich auf eine solche Darstellung verzichten.“
Sie ist jedoch schlüssig, vergegenwärtigt man sich die prinzipielle Zurückhaltung des Luthertums gegenüber bildlichen und skulpturalen Darstellungen, auch des Gekreuzigten. Noch strenger sehen dieses die reformierten Kirchen, die sich nach dem biblischen Gebot des „Du sollst dir kein Bildnis machen“ richten und bei der Gestaltung ihrer Kirchenräume auf nüchterne Sachlichkeit achten. Für Luther dagegen gehören Bilder zu den Dingen, die zwar unnötig sind, aber nicht verboten. Puristische Auffassungen von Gremien kommen nicht gegen den unabweislichen Wunsch der Lutherischen Gemeinden an, Christus in ihrer Mitte verkörpert zu sehen. Gleiches gilt für gestaltete Glasfenster und Draperien sowie die Verwendung von Kerzen und Blumenschmuck, die auch der Verkündigung zu dienen vermögen. Man will offiziell nicht „päpstlicher als der Papst“ sein und findet immerhin für den „schönen Gottesdienst des Herrn“ eine biblische Begründung: Psalm 27,4.
Entlang dieser Leitlinien hat Otto Andersen in Loccum 1960 und 1962 sein persönliches Verständnis von modernem Kirchenbau formuliert:
Im Rundgespräch während der Tagung im Jahre 1960 stellt er die Frage: „Wie sieht der Mensch aus, wie sieht die Gemeinde aus, für die ich die Kirche baue?“
Seine Antwort: „Einerseits wird sie gebaut für die konkrete konstituierte Kirchengemeinde, die nur einen engen Kreis umfasst, der in der Regel nach außen nicht offen ist. Andererseits steht diesem gegenüber die Gruppe derjenigen, die im ernsthaften Bemühen um „Kirche“ stehen, aber den Zugang zur etablierten Gemeinde nicht finden, auch, weil er ihnen von dieser nicht eröffnet wird. Auf diese Situation muss der Kirchenraum eine spannungsgestimmte Antwort geben. Einerseits muss er als Sakralbau zur Intimität von Andacht und Stille führen; andererseits muss er in Offenheit nach außen sie in den Raum einladen und willkommen heißen.“
Eine Absage erteilt Andersen dem Mehrzweckraum, da es gerade die einzigartige „Heiligkeit“ des sakralen Raumes sei, die die Voraussetzung sei für die das religiöse Leben und Empfinden der beiden Gruppen, für die die Kirche gebaut werde. Hiervon ausgehend seien den Architekten alle Möglichkeiten gegeben. Otto Andersen hat sie genutzt.
Auf der Tagung im Jahre 1962 schärft er seine Auffassung zum modernen Kirchenbau nach; sechs „don‘ts“ und sechs „do‘s“ formuliert er, zwölf Thesen, die bis zum Ende seines Berufslebens im Wesentlichen sein fortdauerndes Credo bleiben. Sein Beitrag:
„Die Aussage des Raumes“
Das Bedürfnis nach dem s p r e c h e n d e n Kirchenraum ist in der Gemeinde sehr groß, so groß, daß der reine Z w e c k b a u diesem Bedürfnis nicht gerecht wird, daß es des S i n n b a u e s bedarf. Man könnte das Wort „S i n n b a u“ auch durch das Wort „H e i l i g t u m“ ersetzen, aber damit ist dann nicht ein vom Kirchenraum abgesonderter, unzugänglicher kultischer Bezirk gemeint, sondern der Ort, wo sich das Wunder der Begegnung der Gemeinde mit ihrem Herrn vollzieht. Die numinosen Ur- und Hintergründe dieser Begegnung müssen in der sakralen Raumaussage spürbar werden und dem gottesdienstlichen Raum jenes „Mehr“ vermitteln, das über die Zweckmäßigkeit der Gestaltung und das Ebenmaß der Formen hinausgeht.
In je sechs Thesen sei dargelegt, wodurch dies „Mehr“-Vermitteln verhindert und wodurch es möglich gemacht wird:
- Intimität lässt das nicht mehr zu. Gemeint ist nicht die Kleinheit eines Raumes oder die begrenzte Platzzahl, sondern jene Wohnzimmeratmosphäre der „guten Stube“, die man in Kirchen findet, die liebevoll bis in den Altarraum hinein mit Holztäfelung, Teppichen Vasen, Vorhängen etc. ausgestattet sind und deren sakraler Anspruch nicht mehr spürbar, sondern nur an einigen Symbolen (Kreuz u.a.) erkennbar ist.
- Konstruktivismus, jene aufdringliche Architekten-“Ehrlichkeit“, die unbedingt zeigen muß, wie es gemacht worden ist. Sie drängt sich peinlich in den Vordergrund – nicht selten, um damit einen Mangel an schöpferischer Einbildungskraft zu verdecken – und verdrängt den Geist. Viele dieser Kirchen sind nur mit Hilfe farbigen Glases halbwegs für ihren Dienst zu retten.
- Häufig trifft man Räume von kleinformatiger Vielgestaltigkeit und Vielfarbigkeit, an denen oft mit großer Liebe gearbeitet worden ist. Es ist immer noch ein wenig Mehr hinzugefügt worden und damit das „Mehr“, das gemeint war, gründlich vertrieben.
- Ähnliches gilt für die reiche Ausstattung mit Symbolen. Wenn man neben dem Kreuz noch das Lamm, den Fisch, den Pelikan, das Schiff der Kirche, Alpha und Omega u.a., findet, die Symbole also gleich Böllerschüssen in den Raum knallen, ist diesem oft viel von seiner Sakralität genommen. Die Symbole müssen in einem wirksamen Bezug zu der ihnen konfrontierten Gemeinde stehen. Man hat den heiligen Raum noch nicht, wenn man seine Symbole hat.
- Nicht weniger gefährlich erscheint der verschwenderische Umgang mit hellem ungebrochenen Tageslicht. Wo die Belichtung des gottesdienstlichen Raumes jeglicher Transparenz entbehrt und der Raum nur taghelle Nüchternheit atmet, vermag das Geheimnis nicht zu Hause zu sein.
- Hand in Hand mit der Tageshelligkeit wandert oft die Natur in die Kirche hinein. Der Garten brandet gleichsam an die Stufen des Altars. Es ist viel und ernsthaft diskutiert worden, ob nicht der Kosmos als Symbol der Schöpfermacht Gottes an dem Dialog zwischen der Gemeinde und ihrem Herrn beteiligt sein müsse. Es gibt auch architektonisch ausgezeichnete Beispiele dieser Konzeption, nur verlangt das eine adäquate Form des Gottesdienstes. Es ist zu fragen, ob nicht das bergende Haus die bessere Hülle für unsere Gottesdienste ist, die doch mehr oder weniger in der Tradition der Messe gehalten werden, wo das Schöpfungsall gleichsam auf einen Punkt konzentriert ist, Jesus Christus.
In Umkehrung dieser Negationen sei eine Reihe von Grundsätzen vorsichtig formuliert:
- Der Raum muß innere Monumentalität besitzen. Er k a n n groß sein im Verhältnis zum Eintretenden, der sich dadurch seiner Winzigkeit bewußt wird, aber er muß es nicht, wenn er innerlich von großer Art ist. Es gibt genug kleine Kirchen, die monumental sind, oft von heiterem Ernst, aber nie verspielt.
- Der Raum muß unverwechselbar sein. Ihm darf sein Sakralcharakter nicht durch die Herausnahme des spezifisch christlichen Symbols genommen werden können.
- Der Raum muß Raum geben, daß das Ereignis, um dessentwillen er gebaut ist, auch geschehen kann. Der Geist der Gläubigen darf nicht verwirrt werden durch eine Vielzahl von Kunstwerken, die von den Bauenden immer wieder aus dem Bedürfnis eingebracht werden, das Fest bis an die Hörner des Altars zu schmücken. Es gibt eine Leere, die beredt ist, während die Fülle oft schweigt.
- Dem Raum muß Symbolkraft innewohnen. Nicht Symbolismus, der sich aufdrängt und den Empfindsamen peinlich berührt, sondern Symbolik, die ins Unterbewußtsein geht und die vom Gläubigen selbst gewünschte innere Haltung stützt. Es ist durchaus von spürbarer symbolischer Bedeutung, wie man in die Kirche hineinkommt, welchen Weg man nimmt – etwa vom Eingang über die Taufe zum Altarbezirk – ob man einen Platz im Rund des Gemeindegestühls hat, in dessen Mitte sich der Altar befindet oder ob der Altarbezirk abgeschnürt ist vom Raum der Gemeinde.
- An die Stelle des ungehemmt einfließenden Tageslichtes soll ein erhelltes Dunkel treten. (1. Könige 8,12: „Der Herr hat geredet, er wolle im Dunkeln wohnen.“ und Jochen Klepper*: „Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.“) Dies erhellte Dunkel des christlichen Vatergottes hat das Grundelement der Dunkelheit nicht eingebüßt. Wenn auch das Dunkel der Gottheit ins Geistige und Christliche übertragen werden muß, – es muß spürbar werden.
- Wenn wir das Numinose als eine Urerfahrung des Menschen von der göttlichen Wirksamkeit anerkennen, dann ist seine eine Komponente, das Faszinosum, das Faszinierende, das Beseligende in der Gottesbegegnung, nicht wegzudenken. Dies müßte seinen Ausdruck finden in einer Sprache, die ins harte Baumaterial nur schwer zu übersetzen ist: in die Sprache der Poesie.
Diese in ihrer Luzidität beeindruckenden Thesen bedürfen „an und für sich“ keiner weiteren Kommentierung. Eine Anmerkung möchte ich aber dennoch zum Begriff der Poesie am Schluss seines Vortrages machen:
Hier fordert er – nicht mehr, aber auch nicht weniger!-, dass „das Beseligende in der Gottesbegegnung“ in der Architektur seinen Ausdruck finden müsse, sie habe dieses „Beseligende“ zu übersetzen „in die Sprache der Poesie“. Was er im Zusammenhang dieses Textes mit dem Begriff der Poesie meint, sagt er nicht. Mir scheint sicher, dass er damit nicht die formalen Gesetzmäßigkeiten der Poetik meint, vielleicht bis auf das Disziplinierte, Gebundene, das letztlich Einfache der klassischen Dichtkunst. Ansonsten aber könnte es sein, dass er das meint, das im antiken Griechenland als das „kaloskagathos“ bezeichnet wurde, das „Schöne und Gute“ als Ausdruck höchsten Ebenmaßes, eines Wertes, in dem moralische und ästhetische Kategorien eine ideale Verbindung miteinander eingehen. Poesie als Dienst an Gott am Ort der Begegnung mit ihm.
Wie Otto Andersens theoretische Überlegungen und Überzeugungen Niederschlag in seinem Werk gefunden haben, wird jede Leserin, jeder Leser für sich beim Betrachten von Jan Petersens Fotografien „abprüfen“.
„Erläuterungen“
Otto Andersens erster ohne Zweifel von ihm allein gestalteter Kirchenbau ist die 1957 eingeweihte Christuskirche in Geesthacht-Düneberg. Einer der wenigen noch erhaltenen von ihm selbst verfassten Erläuterungsberichte zu seinem Wettbewerbsentwurf zeigt beispielhaft seine Herangehensweise an eine solche Aufgabe:



„E r l ä u t e r u n g e n zu dem Vorentwurf für den Neubau einer Kirche in Geesthacht-Düneberg.
I. Städtebauliche Aufgabe
Das für den Neubau de Kirche vorgesehene Grundstück liegt an der Straße „Neuer Krug“ in einem Waldstreifen, der sich vom westlich gelegenen Moor her kommend bis an den Stadtrand Geesthachts erstreckt. Die Straße selbst ist ausgebaut und hat keine verkehrsmäßige Bedeutung; sie ist nach Angabe des Stadtbauamtes vielmehr zum Ausbau als Promenadenweg zu dem westlich der Stadt gelegenen Waldgebiet vorgesehen.
Die Lage und Richtung der Kirche im Grundstück wird im wesentlichen durch zwei Faktoren bestimmt, und zwar erstens durch die Gegebenheiten der umliegenden vorhandenen und zu erwartenden Bebauung, und zweitens durch den Weg, den der Strom der Gottesdienstbesucher zur Kirche hin nehmen wird.
Die vorhandene Baumasse der Schule, sowie die Möglichkeit, daß die dem Kirchengrundstück benachbarte Parzelle etwa in der Bauflucht der Schule bebaut werden könnte, lassen es unangebracht erscheinen, die Kirche in die Tiefe des Grundstücks zu legen und damit (zudem noch hinter dem Kiefernwäldchen) zu verstecken. Vielmehr erscheint es wünschenswert, den Kiefernbestand gerade im rückwärtigen Grundstücksteil zu erhalten und damit den Ausblick auf die Bahnlinie und die dahinter liegenden Industriebauten zu verdecken. Aus diesem Grunde wird vorgeschlagen, die Kirche so nahe an die vordere Grundstücksgrenze zu legen, daß sie zwar noch von Bäumen umgeben ist, jedoch auch im Raum der Straße sichtbar wird.
Da der Hauptstrom der Gottesdienstbesucher von Osten und Nordosten her, nämlich durch die Straße „Neuer Krug“ und ihre Nebenstraßen sowie durch einen Fußweg, der am Pastorat in die Straße einmündet, zu erwarten ist, wird vorgeschlagen, auf eine Ostung der Kirche zu verzichten, dagegen den Kircheneingang dem Besucherstrom zuzuwenden. So sehr eine Ausrichtung der Kirche nach Osten in ihrer symbolischen Bedeutung sinnvoll und daher grundsätzlich wünschenswert ist, würde sie in der gegebenen Situation jedoch zu verkrampften Grundrißlösungen führen.
II. Innere und äußere Gestalt der Kirche.
Die im Vorentwurf dargestellte Raum- und Bauform entspringt dem Wunsch, einmal die Gemeinde in einem lichten, möglichst hohen Raum um die Stätten des gottesdienstlichen Geschehens: Altar, Kanzel und Taufstein zu versammlen und zum anderen den Baukörper der Kirche möglichst niedrig und breitgelagert unter die Baumkronen des Kiefernwäldchens zu ducken, ihn jedoch durch einen schlanken, die umliegende Bebauung und die Bäume überragenden Glockenturm sichtbar zu machen.
Der Schrägstellung des Gestühls zu seiten eines Mittelganges, der vom Eingang im Turm zu dem halbrund geschlossenen Altarraum hinführt und damit dem Raum die Richtung gibt, entspricht die Schrägstellung der Giebelwände. Die Raumdecke steigt unter voller Ausnutzung des Dachraumes von den Seitenwänden (mit 4,00 m Höhe) zur Mitte hin auf 9,00 m Höhe an und verstärkt so den durch die schräggestellten Giebelwände erzielten Eindruck der räumlichen Geschlossenheit.
Auch die Führung des Lichtes dient durch die Anordnung der großen Fenster in der dem Altarraum gegenüberliegenden Giebelwand (also im Rücken der Gemeinde) dem Ziel, eine ungestörte Sammlung auf den Schwerpunkt des Raumes und das Geschehen in ihm zu fördern. Die Sänger- und Orgelempore ist dem Altarraum korrespondierend frei in den Raum hineingestellt.
Die äußere Form entspricht der Gestalt des Raumes. Der Bau erreicht mit seinem um 30° geneigten Dach am First nur eine Höhe von 10,50 m und tritt so nicht in Konkurrenz zu den ca. 15,00 m hohen Bäumen, während der 22,00 m hohe Turm mit seiner halboffenen Glockenstube den Wald und die umliegende Bebauung überragt.
III. Material.
Für den Innenraum werden weißgeschlämmter Ziegelrohbau, naturfarbene Kiefernholzraumdecke und Klinkerplatten-Fußboden, für die äußere Gestaltung gefugtes rotes Backsteinmauerwerk in Verbindung mit Beton, für die Dachfläche graue Falzpfannen vorgeschlagen.“
In seiner umfassenden und grundlegenden Würdigung „Der Architekt Otto Andersen (1924-1981) und seine Kirchenbauten in Schleswig-Holstein und Hamburg“* schreibt Oberkirchenrat a.D. Dipl.-Ing. Claus Rauterberg zu dieser Kirche:
„Die 1955 entworfene, 1956/57 ausgeführte Christuskirche in Geesthacht-Düneberg, ein freistehender Bau ohne zusätzliche Gemeinderäume, ist kein traditioneller Langbau, sondern bietet einen Raum auf einem in der Querrichtung gestreckten Sechseckgrundriss, breiter als lang. Durch die Firstrichtung des tief herabgezogenen Satteldaches, dem die holzverschalte Decke folgt, und die Ausweitung des Sechsecks in eine halbrunde Apsis um den Altar ist dennoch eine eindeutige Ausrichtung auf den Ort der Liturgie erreicht. Der relativ niedrige Raum mit reichlicher Verwendung von Naturholz an Decke und Gestühl wirkt bergend und anheimelnd. Sein gedämpftes Licht empfängt er blendungsfrei aus wandhohen, wieder von Claus Wallner verglasten Fensterelementen zwischen gemauerten Pfeilern im Rücken der Gemeinde. Hinzu kommen kleine seitliche Fenster in Augenhöhe; weniger als Lichtspender, denn als farbglühende Glasbilder mit biblischen Symbolen, ein Motiv, das Andersen noch oft verwenden wird. Der Turm des im Äußeren noch konservativ wirkenden Backsteinbaus wächst wie bei alten Kirchen über dem Eingang auf. Zeittypisch sind die Struktur aus tragenden und füllenden Wandscheiben, die süddeutsche, an die Stuttgarter Ausbildung Andersens erinnernde flach geneigte Satteldachform und das zierliche gewölbte Vordach über dem Hauptportal.“
Dieser Bau ist noch kein ganz typischer „Andersen“ wie seine späteren Werke, aber seine Entwicklung ist unverkennbar eingeleitet. Er ist schon auf seinem Weg: so etwa der frei gewählte Sechseckgrundriss, mit dem er den „Rummelsberger Grundsätzen“ seine Reverenz erweist, die gerade die freie Gestaltung zu einem der konstitutiven Elemente evangelischen Kirchenbaus erklären. Auch das weißgeschlämmte Ziegelmauerwerk der Wände nimmt schon seinen späteren unverwechselbaren Stil vorweg wie auch die Lichtintensität und -führung der Fenster bereits auf sein Loccumer Petitum von 1962 hinweisen, dem Raum von Andacht und Stille nicht durch zu krasses, ungefiltertes Licht das Geheimnisvolle zu nehmen. Diese Kirche ist Gesellenstück, das den späteren Meister ahnen lässt.

Sein äußeres Leben (2)
Seit 1970 reist er zunehmend extensiv durch Griechenland, Marokko, die Türkei, den Iran und Afghanistan.
1973 gibt er sein Büro ganz auf, verkauft sein Haus, entfremdet sich von seiner Familie und vernichtet seine Zeichnungen und Entwurfsakten vollständig.
1973 erleidet er in Kabul einen schweren Autounfall.
1974 kehrt er zurück. Er zieht nach Malente. Bis 1976 arbeitet er zeitweilig im Büro eines Freundes, des Garten- und Landschaftsarchitekten Raimund Herms in Eutin.
1976/77 ist er in Agadir tätig.
1977 meldet er sich in Hamburg als arbeitslos.
Im Juli 1978 erleidet er einen schweren Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung.
1980 findet er nach mehrmaligem Wohnortwechsel Aufnahme im Johanniter-Altersheim auf Gut Bothkamp bei Kirchbarkau im Kreis Plön.
Am 5. Juli 1981 trifft ihn ein weiterer Schlaganfall.
Am 6. Juli 1981 stirbt er im Krankenhaus in Hamburg-Wandsbek im Alter von 56 Jahren.
Sein früher Tod, den er in traurigen Verhältnissen erleiden muss, beendet sein von Süchten, die er nicht beherrschte, aber auch von treuer Freundschaft geprägtes Leben; er beendet zugleich das Leben eines hoch begabten, disziplinierten Architekten, der in nicht einmal fünfzehn Jahren Maßstäbe im modernen Sakralbau gesetzt hat, die fortgelten.
Bilder: Jan Petersen
