„Es ist kein Traum …“ Der Dichter und Revolutionär Harro Harring

Harro Harring, Portrait von Frédéric Emile Simon, 1832 – Grafische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich

Wer war Harro Harring? Die Schweizer Polizei wusste es ganz genau: „Harro Harring, oder wie er sich selbst nannte Hopfer, Paul Kasimir, mit dem Spitznamen Robert Johns, geboren zu Ibenhof in Schleswig, Gelehrter und Maler, 37 Jahre alt 5 Fuß ½ Zoll hoch, kleiner Statur, hat braune Haare und Augenbrauen, runde Stirne, graue Augen, spitzige Nase, mittleren Mund, fehlerhafte Zähne, rundes Kinn, schwarzen Bart, auf der rechten Seite der Stirn eine größere u und kleine Warze hart an den Haaren, er trägt kleine goldene Ohrringe …“. Das ist die phänotypische Beschreibung. Über das Denken eines Menschen sagt sie nichts aus. Dafür muss man sich auf den Weg machen.

Es ist kein Traum; es muss verwirklicht werden:
Das deutsche Volk wird wieder aufersteh´n
Aus Schand´ und Noth, aus Elend und Beschwerden;
So schmachvoll darf kein Volk zugrunde geh´n!
Ob Deutschlands Ehre wankte,
Ob Hermanns Geist erkrankte;
Das Volk steht auf, bewaffnet, stark und kühn
Für´s Vaterland in Kampf und Tod zu zieh´n!

Mein deutsches Volk! wie tief warst du gesunken,
seit deine Kraft die Macht des Korsen brach!
In dir erlosch der Freiheit Funken
Gefühllos schienst Du gegen jede Schmach.
In Sklaventhum erstorben –
An Geist und Herz verdorben;
So lagst du da, der Fürsten Eigenhum,
Ohn Rachedurst und ohne Durst nach Ruhm!

Mein Vaterland! wie war´s in dir so öde
Seit Volksesblut der Eiche Mark getränkt;
Der Geist lag todt, verpönt war Wort und Rede –
Das heil´ge Volksthum war ins Grab versenkt.
Bezahlte Diplomaten
Regierten deine Staaten
Und aus dem Buch der Völkerehre schwand
Dein Name gar, mein deutsches Vaterland!

Der Knechtschaft Fluch allein wars, der dich beugte,
In Knechtschaft sankst Du durch Zerrissenheit,
Daß Schand und Hohn die höchste Stuf´erreichte
Durch aller Fürsten Niederträchtigkeit.
Dem Russen-Szaar verfallen,
gehorchen die Vasallen –
Der deutsche Bund, dem Rußland stärke leiht,
vollzieht Verrath am Volk zu jeder Zeit!

Wohin wir schau´n in vier und dreißig Staaten,
Bedrängt das deutsche Volk nur eine Noth:
Durch Zoll und Mauth, Beamten und Soldaten
Durch Fürstenpracht, der Armuth gar zum Spott!
Für Prinzen und Prinzessen,
Für Fürstliche Maitressen –
Für´s ganze Heer, das Appanage zieht,
Verarmt das Volk, das um sein Brod sich müht.

O Eichenland! Du Vaterland der Treue,
Dein Herz ward untreu seinem Heiligthum
Erwach, o deutsches Volk in bittrer Reue!
Die Ehre ruft! erkämpf Dir neuen Ruhm
Verhöhnt als Hof-Leibeigen
Entehrt dich läng´res Schweigen –
Durch Kraft und Muth, durch blut´ge Schwerdt allein
Erringtst du dir die Würd´ ein Volk zu sein!

Es ist kein Traum; du wirst sie dir erringen,
Die längst verlor´ne Ehr – dein höchstes Gut!
Auch Du, mein Volk, wirst große Opfer bringen
Dem Vaterland in heil´ger Racheglut!
Wirst stark dich nun erheben,
Daß deine Dränger beben!
Es ist kein Traum, mein Volk, du wirst ersteh´n!
Wirst nimmermehr so schmachvoll untergehn

Harro Harring: Es ist kein Traum. Ein Volkslied der Deutschen zu Hambach

Völker! Euch rufet der Geist aller Zeiten:
Auf nun! erwacht aus Schlummer und Ruh´!
Wollt ihr den Untergang selbst euch bereiten?
Schauet nicht länger dem Meuchelmord zu,
der an der Freiheit verübt wird, am Rechte
Der Eure Ehr´und die Wahrheit erstickt!
Auf nun! bekämpfet die schleichenden Knechte –
Völker! Erhebt Euch! – die Schwerter gezückt!

Auf. zu den Waffen, o Menschheit auf Erden!
Stürze den Feind mit gewaltigem Muth,
dann wirst Du werth der Naturgüter werden:
Läutre dich, Menschheit, durch sühnendes Blut!

Aus: Die Völker. Ein dramatisches Gedicht (1832). Laut Harring 1844 ist dieses Gedicht „gewissermaßen das Manifest der Idee des ‚jungen Europa‘“


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