Montag, 8. August 2022

Der Erzväteraltar von St. Nikolai in Kiel

KulturzeitschriftDer Erzväteraltar von St. Nikolai in Kiel

Das als Erzväteraltar bekannte Altarretabel von St. Nikolai war ursprünglich nicht für St. Nikolai, sondern für den Altar der etwa 200 Meter von dieser Hauptkirche Kiels entfernten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten ehemaligen Klosterkirche des Bettelordens der Franziskaner hergestellt worden. Von Anfang an hob es sich ab von seiner schlichteren Umgebung. Seine reiche Bildwelt ist uns im Detail wenig vertraut. Wir müssen uns erst einsehen, um dann zu versuchen, dieses Bildwerk im Zusammenhang der Zeit seiner Entstehung zu verstehen.
Das Altarretabel mit seiner Gesamtbreite von 6,66 Meter und seiner Höhe von 2,41 Meter ist das größte des 15. Jahrhunderts in Schleswig-Holstein. Sein reiches Schnitzwerk ist in drei Kästen untergebracht. Die beiden äußeren Kästen, jeweils halb so breit wie der große mittlere, sind mit diesem durch Scharniere verbunden. Ihre Rückseiten sind bemalt. Außerdem hängt an den äußeren Kästen noch je ein weiterer beidseitig bemalter Flügel. Dadurch sind drei verschiedene Wandlungen dieses Wandelaltars möglich, nämlich zum einen die aufwändigste Ansicht mit vergoldetem und bemaltem Schnitzwerk. Sodann: Wenn die äußeren Kästen zu- und die beiden Flügel, die an ihnen hängen, aufgeklappt werden, erscheinen sechzehn Bildfelder mit Erzvätergeschichten aus dem 1. Buch Mose, der Genesis. Werden diese Flügel zugeklappt, ist damit das Retabel ganz geschlossen und man sieht, ganzfigurig, sechs Heilige, vier Männer und zwei Frauen.
Das Jahr der Entstehung und Stiftung dieses Wandelaltars, 1460, wird aus der Inschrift ganz oben abgeleitet: Anno D(OMI)NI 1460 is disse tafele gemaket tho der erre gads. Diese Inschrift stammt erst vom Anfang des 17. Jahrhunderts, gibt aber wohl eine ursprüngliche korrekt wieder. Die gemalten Tafeln werden dem Hamburger Maler Hans Bornemann (* um 1420, † im Winter 1473/74) und seiner Werkstatt zugeschrieben, aufgrund von Stilvergleichen mit dessen Hauptwerk, dem Altar in der Kirche St. Andreas des Prämonstratenserklosters Heiligental bei Lüneburg (1444-47) und mit dem von ihm geschaffenen Passionsaltar aus der dortigen ehemaligen St. Lambertikirche (1447). Beide Altäre befinden sich seit langem in St. Nikolai in Lüneburg.

Nachdem das Kieler Franziskanerkloster am 13. Oktober 1530 aufgelöst worden war, kam das Retabel 1541 nach St. Nikolai. Es blieb dort bis heute, nicht als beiseite gestelltes Mobiliar aus „katholischer Zeit“, wie gelegentlich gesagt wurde, sondern, wie die vorgenommenen Veränderungen und die Restaurierungen zeigen, als bewusst in Gebrauch genommenes und bewahrtes Erbe. Auf dem Retabel selbst sind zwei Restaurierungen verzeichnet: Anno 1606 HTW und Renovatum 1819 CB. Belegt sind ferner Renovierungen der Kirche in den Jahren 1842 und 1878-84, wobei vor allem 1884 in das Retabel eingegriffen wurde.

Das Zentrum des eucharistischen Geschehens

Bei der Feier der Messe vor dem zu seiner prächtigsten Wandlung geöffneten Altarretabel ergibt sich auf der Mittelachse von oben nach unten eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten Leib Christi, unter diesem die zeigende Hand des Hauptmanns, der sprach: Dieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn (Markus 15,39 und Parallelstellen); fortgesetzt in dem Brot und dem Kelch mit Wein, Leib und Blut Christi, die der vor dem Altar stehende Priester nach den Einsetzungsworten Jesu in die Höhe hebt: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. … Das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Viele Altarretabel, auch solche, in deren Zentrum nicht die Kreuzigung Christi dargestellt ist, haben eine solche auf Christus und auf die Eucharistie, auf Leib und Blut Christi bezogene Mittelachse. In vielen Fällen ist auch die Predella, der Sockel, auf dem der mittlere Kasten des Wandelaltars steht, mit ihrem Zentrum als wesentlicher Teil dieser Mittelachse ausgewiesen.

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Ulrich Kuder

Der Erzväteraltar von 1460
ist schwer bedroht

Klimaveränderungen und Sonneneinstrahlung haben ihm so zugesetzt, dass er dringend restauriert werden muss. Um ihn auch für künftige Generationen zu erhalten, ist eine speziell auf den Kunstschatz abgestimmte Klimatechnik erforderlich. Zudem müssen die Fenster des hohen Chores restauriert, abgedichtet und mit Filtergläsern gegen Sonneneinstrahlung versehen werden. Das alles kostet viel Geld.

Namhafte Institutionen haben Unterstützung zugesagt – das unterstreicht die Bedeutung des Projektes. Dazu gehören die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler, die Sparkassenstiftung Schleswig Holstein und die Bürgerstiftung Kiel.
Doch das reicht nicht aus, die fast 1,5 Mio Euro aufzubringen.

Die Kirchengemeinde Sankt Nikolai bittet alle, denen der Altar am Herzen liegt um Spenden. Zudem können Patenschaften für einzelne Bildtafeln übernommen werden.

Bitte spenden Sie auf das Konto:

Ev.Luth.Kirchengemeinde Sankt Nikolai, Ev.Bank Kiel
IBAN: DE 87 5206 0410 0206 4270 49
Verwendungszweck: Altar-Schatz
Für eine Spendenbescheinigung geben Sie bitte Namen und Adresse an.

Kontakt:
Pastorin Maren Schmidt
p.schmidt@st-nikolai-kiel.de

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