Sonntag, 7. August 2022

Das macht etwas mit mir … Perspektive aus dem Orchestergraben

KulturzeitschriftDas macht etwas mit mir … Perspektive aus dem Orchestergraben

Der Lüneburger Oboist und Aktivist Tsepo Bollwinkel appelliert an das Opernpublikum, die eigene Perspektive zu hinterfragen und den Narrativen der rassistischen Erzählung nicht mehr zu folgen.

Ich war etwa sechs Jahre alt, als mich meine Mutter zum allerersten Mal mit in die Oper nahm. Ein unvergessliches Ereignis, dieser Rausch in Tönen, Bewegung und Licht. Und ich hatte wahrscheinlich großes Glück: Denn meine erste Oper war Verdis Don Carlos.
Mit meinen sechs Jahren habe ich nicht alles verstanden – aber, dass es um die ganz großen Gefühle ging, um all die Schwierigkeiten in Beziehung zu sein, um das Elend, zwischen innerer Wahrheit und äußerem Druck entscheiden zu müssen, das kannte ich auch schon in diesem jungen Lebensalter, damit konnte ich mich emotional leicht verbinden.
Und all die Düsternis hatte auf der Opernbühne einen tröstlichen Reiz, eine eigene, irgendwie schimmernde Ästhetik – ganz im Gegensatz zu meinem realen Leben.
Auf der Bühne gab es einen Sinn in all dem Verrat, Leid und Blut dieser Oper. Auch ganz im Gegensatz zu meinem realen Leben, das schon zur Genüge Verrat, Leid und Blut kannte, bin ich doch ein Kind der Flucht. Don Carlos machte aus dem Elend etwas Schönes – Zauber der Oper. (Übrigens mag ich noch heute lieber tragische Werke auf der Opernbühne. Die Happy-End-Literatur ist mir immer noch zutiefst suspekt …)
Wie gut, dass es der gruselige, traurige Don Carlos war, meine allererste Oper. Hätte ich zuerst meine zweite Oper gesehen, wäre mein Leben wohl anders verlaufen.
Die zweite Oper war nämlich Die Zauberflöte. Ich erinnere noch, wie eine Person aus dem familiären Umfeld meine Mutter lobte: „Das ist jetzt doch mal ein Stück für Kinder.“ Und so bestaunte ich also diese fantastische Welt der Zauberflöte.
Fantastisch: der Drache, die heldinnenhaften drei Damen, ein Typ, der sich in ein Bild verliebt, eine dämonische Nachtgöttin mit unglaublicher Tonakrobatik, ein weiser Priester, der geradezu unerträglich gut zu sein scheint.
Und dann dieser Vogelmensch und eine junge Prinzessin – die beiden Einzigen, die sich meiner Meinung nach wie vernünftige Menschen benahmen. Denen galt meine Sympathie. Denen gilt meine Sympathie noch heute.
Und: Da spielte ja eine Figur mit, die hatte viel mit mir gemeinsam. Oder vielmehr sollte es so scheinen, denn die Rolle des Monostatos spielte ein weißer Sänger in Blackface und orientalisierendem Kostüm. (Die erniedrigende Bedeutung und den Skandal von Blackfacing und Orientalisierung sollte ich erst später verstehen.) Aber schon bei meiner ersten kindlichen Begegnung mit der Zauberflöte konnte ich keine Freude empfinden, jemanden wie mich auf der Bühne dargestellt zu sehen.
Schließlich ist der Monostatos so ein ganz Böser, ein so Böser, dass er am Schluss der Oper als Einziger nicht Teil des Happy Ends ist, sondern mit der Peitsche bestraft wird.(Ich komme übrigens aus Südafrika, aus Apartheid-Südafrika. Mein Vater wurde noch von der Polizei mit der Nilpferdpeitsche geschlagen. Dieses Detail der Oper war für mich also kein fantastisches Märchen, sondern gelebte, erlittene Realität.)
Aber die Musik! Die Musik der Zauberflöte ist in vielen Nummern so unfassbar gut. Und zu den Perlen dieser Musik gehört auch die einzige Arie jenes Monostatos, wo in virtuosem Tempo Begehren, Erregung und Angst einen Ausdruck finden, der doch liedhaft eingängig ist.
Und – vielleicht weil ich mir diese Figur, die mir doch ziemlich glich, mit der ich mich identifizieren konnte, doch sehr nahe ging, kam ich aus der Aufführung mit dem Refrain aus seiner Arie als Ohrwurm: „… weil ein Schwarzer hässlich ist, weil ein Schwarzer hässlich ist.“ Und mir wurde schlecht …
Das ist nun schon mehr als 50 Jahre her. Ich bin also Theaterprofi geworden, wollte es von klein auf werden, weil ich Oper so liebe, diese Kunst der großen Gefühle, die die Schwierigkeiten und das Glück in Beziehung zu sein besingt, die das Elend, zwischen innerer Wahrheit und äußerem Druck entscheiden zu müssen, wieder und wieder neu verhandelt.
Ich liebe das Zusammenspiel so vieler unterschiedlicher Gewerke und Berufe, die erst gemeinsam jenen einmaligen Moment einer Aufführung erschaffen. (Sie, das Publikum, sind übrigens ein wichtiger Teil jener kollektiven Bemühung, die Musiktheater erst möglich macht. Wir hinter, unter und auf der Bühne brauchen Ihre aktive Mitwirkung. Oper kann mensch nicht nur konsumieren.)
Dass ich an dieser Kunstform Oper als Musiker teilhabe, dass die Oboe mein Instrument ist, das ist mehr biografischen Zufällen zu verdanken. Was ich immer wollte, war Oper mitgestalten. Und so spiele ich Oper professionell seit inzwischen vier Jahrzehnten. Alles in allem auch ganz gern.
In diesen vier Jahrzehnten bin ich natürlich auch sehr, sehr häufig der Zauberflöte begegnet, ich habe sie wohl einige hundert Male gespielt.

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Tsepo Bollwinkel

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