Montag, 8. August 2022

Die große Ostsee-Flut 1872

KulturzeitschriftDie große Ostsee-Flut 1872

Vor 150 Jahren, im November 1872, trifft das bislang schwerste Sturmhochwasser die südwestlichen Ostseeküsten zwischen Dänemark und Usedom. Eine Ausstellung im Museum für Regionalgeschichte im Ostseebad Scharbeutz zeigt, wo die meterhohen Wellen vor 150 Jahren besonders wüten, wie es zu der Katastrophe kommt und was wir aus ihr lernen können.

Das Wasser kommt in der Nacht vom 12. auf den 13. November und trifft die Menschen unvorbereitet. Zwar tobt seit Tagen ein heftiger Sturm, und man weiss, dass mit der überwiegend friedlichen Ostsee durchaus nicht immer zu spaßen ist. Dass aber das Meer Brecher über die Dünen jagt, die alles zerstören, was ihnen im Weg steht, das kennt man so nicht. In Todesangst klettern die Bewohner auf die Dächer ihrer einfachen Katen und Fachwerkhäuser. Einige haben Glück und treiben auf den Dachstühlen landeinwärts auf höheres Gelände. Andere können sich nicht halten und ertrinken oder werden von einstürzenden Mauern erschlagen.

Der Salzsee

Zu einer ökologischen Katastrophe wird die Sturmflut für den Hemmelsdorfer See, dessen schmaler Ausfluss Aalbeek damals wie heute in Niendorf in die Ostsee mündet. Das Meer erobert sich seine eiszeitliche langgestreckte Bucht, deren Ausgang verlandet ist, zurück – die Hemmelsförde mit einem hunderte Meter breiten Ausgang zur See entsteht über Nacht neu.
Etwa 6.500 Jahre zuvor bildet der „Brodtener Dorn“ eine sechs Kilometer lange Halbinsel zwischen der Hemmelsförde und der Traveförde. Seine Struktur ist heute noch unter Wasser nachweisbar, flache Stellen sind auf Seekarten vermerkt. Dieses Brodtener Steilufer, wie es heute heißt, ist ein geologisch labiles Kliff und bröckelt beständig, derzeit weicht es um etwa einen Meter pro Jahr zurück. Aus seinen Sedimenten haben sich im Lauf der Jahrtausende die Halbinsel Priwall in der heutigen Travemündung und die Nehrung, auf der Niendorf steht, gebildet.
Die Sturmflut 1872 überschwemmt diese Nehrung 3,30 Meter hoch mit Meerwasser. Fast alle Tiere und Pflanzen im Hemmelsdorfer See überstehen den Salzwasserschock nicht. Der Lübecker Lehrer Dr. R. Griesel nimmt von 1914 bis 1934 jährliche Messungen im bis zu 40 Meter tiefen Gewässer vor. Er weist eine dichte, wenngleich jährlich um 50 bis 60 Zentimeter abnehmende Salzwasserschicht nach. Erst Mitte der 1930er Jahre, gut 60 Jahre nach der Sturmflut, ist der Hemmelsdorfer See wieder salzfrei. Die Fischerei auf Süßwasserfische kann wieder aufgenommen werden.

Das Wasser stand bis zur Markierung in 3,30 Meter Höhe: Flutstele an der Aalbeek. Foto: Bernhard Buchen/Regionalmuseum Scharbeutz

Insgesamt fordert die Sturmflut vor 150 Jahren mindestens 271 Menschenleben. Hunderte Schiffe sinken, Tausende Häuser werden zerstört oder schwer beschädigt, mehr als 10.000 Haus- und Nutztiere ertrinken. Rund 15.000 Menschen werden obdachlos, Fischerboote zertrümmert, Ernten vernichtet, Brunnen, Äcker und Weiden versalzen. Im Zentrum der Katastrophe liegt die Lübecker Bucht. Sierksdorf, Haffkrug, die am Strand gelegenen Teile von Scharbeutz sowie Niendorf und Travemünde werden zum größten Teil überschwemmt (Timmendorfer Strand gibt es damals noch nicht). Neun Menschen kommen allein hier ums Leben, kaum ein Haus bleibt unbeschädigt. Der Flutscheitel beträgt hier mehr als drei Meter über Normalnull, der Wellenschlag erreicht 5,50 Meter, einzelne Brecher sind bis zu sieben Meter hoch.

Der Goldschatz

Tage nach dem Sturmhochwasser finden sich am Strand von Neuendorf auf der Insel Hiddensee zehn reich verzierte goldene Schmuckstücke, sechs weitere Teile werden zu Pfingsten 1873 und im Februar 1874 entdeckt: Der „Hiddenseer Goldschatz“, vom Meer angeschwemmt oder aus den Dünen herausgespült, gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen der Goldschmiedekunst der Wikinger. Der 16-teilige Feingoldschmuck aus der Zeit um 950 mit einem Gesamtgewicht von 596 Gramm wurde wahrscheinlich in Jütland gefertigt. Er besteht aus einer runden Spange, einem aus drei Goldbändern geflochtenen Halsreif, sechs großen und vier kleinen Hängestücken sowie vier Zwischengliedern. Eine Nachbildung ist im Hiddenseer Heimatmuseum im Ort Kloster zu sehen, die Originale mit einem Versicherungswert von 70 Millionen Euro befinden sich im Kulturhistorischen Museum Stralsund.

Über 1.000 Jahre alt: Teile des Goldschatzes im Kulturhistorischen Museum in Stralsund. Foto: Klugschnacker/Wikimedia

Der Pastor Gustav Quade, der als Chronist penibel die Folgen des Hochwassers in einem noch 1872 erschienenen „Gedenkbuch“ zusammenträgt, berichtet aus Niendorf, das sich damals gerade vom Fischer- zum Badeort entwickelt: „Die der See zunächst gelegene Reihe von Häusern ist so gut wie gänzlich zerstört; von den davor befindlichen Pavillons ist keine Spur mehr übrig und ebensowenig von dem mit großen Kosten aus festen Quadern aufgeführten Uferdamm… Von einzelnen (Häusern) ragen noch Ruinen hervor über den Seesand, von welchem sie 6 Fuß hoch, wie Pompeji und Herculanum von der Lava, eingesargt sind… Überall totes Vieh, zerstörtes oder verdorbenes Mobiliar, tief im Sande begrabene Fischerboote.“

Weiterlesen …?

Um den gesamten Artikel lesen zu können, buchen Sie bitte unser monatlich kündbares Online-Abo oder bestellen Sie die Print-Ausgabe.

Schon gewusst? Auch als Print-Abonnent*in der Kulturzeitschrift Schleswig-Holstein erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln auf unserer Internetseite. Sie sind Abonnent*in und haben noch keinen Online-Zugang? Dann senden Sie uns eine Mail mit Ihrer Abo-Nummer an info@schleswig-holstein.sh und wir richten es Ihnen ein.

Claudia Hönck und Sven-Michael Veit
Ausstellungsverantwortliche im Museum Scharbeutz

Weitere Artikel

Grundlage für Diversität ist, Diskriminierung sichtbar zu machen

Mirrianne Mahn, Referentin für Diversitätsentwicklung des Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, stellt klar, dass Diversität nicht erreicht werden kann, ohne den Blick auf Diskriminierung zu richten.

Glücksfall und Herausforderung für Lübeck: Die Afrikasammlung Muhlack

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hütete Bernd Muhlack (1937-2020) jahrzehntelang eine der letzten großen privaten Afrikasammlungen Deutschlands in seiner Wohnung unweit des Kieler Hauptbahnhofes. Mit seinem überraschenden Tod gingen diese 3.655 Masken, Skulpturen, Waffen, Textilien und Gemälde in den Bestand der Lübecker Völkerkundesammlung über und können daher einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Das macht etwas mit mir … Perspektive aus dem Orchestergraben

Der Lüneburger Oboist und Aktivist Tsepo Bollwinkel appelliert an das Opernpublikum, die eigene Perspektive zu hinterfragen und den Narrativen der rassistischen Erzählung nicht mehr zu folgen.

Identitätsfragen im Opernspielplan

"Alte weiße Stücke“ – eine überraschend und vermutlich unerwartet ehrliche Einschätzung des eigenen Opernrepertoires, die die Oper Kiel als Titel für ihren Thementag ausgesucht hatte. Ulrich Frey, leitender Dramaturg der Oper Kiel, blickt auf den Umgang mit „divers gelesenen“ Opernfiguren in den Inszenierungen am eigenen Haus und reflektiert dabei auch den eigenen Standpunkt.

Diese Ausgabe bestellen

Artikel aus den letzten Ausgaben

Boy Lornsen – der Schreiber von der Küste

Vor hundert Jahren wurde er geboren. Der Schöpfer von Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt war sein Leben lang in der Nähe des Wassers zu Hause. Und seine Geschichten und Gedichte, nahezu alle schmecken nach salziger Seeluft. Eine persönliche Würdigung von Manfred Schlüter.

„Ich kann alles. Bloß nicht das, was ich muß.“ Friedrich Hebbel und Elise Lensing

Im Nachlass des Dichters Friedrich Hebbel findet sich ein Uhrband aus Echthaar. Was hat es damit auf sich? Maike Manske erzählt die Geschichte

Museum im Schloss. Stellungnahme der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte zur Nutzung des Schloss-Areals

Das Kieler Schlossareal soll zum zentralen Ort für die Präsentation der Kieler Geschichte werden. So lautet zumindest der Vorschlag von Doris Tillmann und Rolf Fischer

As „net“ at letj saster faan…?

Ik haa diar al muarsis mä lidj am snaaket an seenk uk uf an tu’ns am det fraag: kön...

Mit Zwangsübersetzungen zurück in die Zeit der Konflikte?

Im Oktober 2020 stellte die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen ihr Programm für das Parlamentsjahr 2020/21 vor. Dabei war auch ein kurzer Hinweis darauf, dass ein Gesetz geplant sei mit dem Ziel, größere Offenheit zu schaffen, wenn es um Predigten in anderen Sprachen als Dänisch geht. Harro Hallmann von der Deutschen Minderheit nimmt dazu Stellung.

Sehnsucht und wieder Sehnsucht: Fanny zu Reventlow

Ein Leben zwischen Kunst und Tragik: Nach einem Zerwürfnis mit ihrer Familie wurde die in Husum geborene Fanny zu...

Die Kulturzeitschrift abonnieren

Meistgelesen

Mahlzeit, Erstmal, Moin. Grüße in Nordfriesland und anderswo

Jeder kennt „Mahlzeit“ und „Moin“ als Gruß – zumindest in Norddeutschland; die Verabschiedung „Erstmal“ ist schon südlich von Eider und Nord-Ostsee-Kanal seltener. Wo kommen diese Grußformeln her und wie werden sie gebraucht? LANDRAT in...

Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen bereichern die Theaterszene nicht nur in Kiel und im Land. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Die gängigsten Spechtarten in Schleswig-Holstein

Diese Spechtarten können Sie in den Wäldern Schleswig-Holsteins entdecken

Tanne – Abies

Welf-Gerrit Otto betrachtet die Tanne im Spiegel von Mythologie und Volksglaube - und zeigt, wie die Wildpflanze in der Küche verwendung finden kann ...

Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Der Begriff "Heimat", wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Nachgelesen: Das bewegte Leben der Lotti Huber

Lotti Huber war eine Künstlerin. Sie war eine Lebenskünstlerin. In einschlägigen Artikeln wird sie als Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und avantgardistische Künstlerin bezeichnet. Übersetzerin und Schriftstellerin war sie auch. Martin Lätzel über das bewegte Leben der gebürtigen Kielerin.

(Un)bekannte Moderne: Die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra in Quickborn

Die Architektur-wissenschaftler Barbara von Campe, Eva von Engelberg-Dockal und Johannes Warda sprechen über die BEWOBAU-Siedlung von Richard Neutra und die Moderne im Allgemeinen

Wie Theodor Fontane mit einem Wortspiel einen Kriegshelden erschuf

Der Pionier Carl Klinke wurde nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 zum Kriegsheld stilisiert. Eine wichtige Rolle dabei spielte Theodor Fontane ...