Editorial

EditorialEditorial
Chefredakteur Kristof Warda (Foto: Marie Jobst Photography)

Liebe Leserin, lieber Leser,

einzugestehen, dass unser mitteleuropäischer Wohlstand, der überhaupt erst solch eine luxuriöse Selbstbefragung des Menschen wie das Musiktheater ermöglicht hat, auf der Ausbeutung der anderen Teile der Welt beruht, erfordert immer noch bei großen Teilen der europäischen Bevölkerung Überwindung und Mut“, schreibt der leitende Dramaturg der Oper Kiel Ulrich Frey auf Seite 40. Einzugestehen, dass diese und andere „luxuriöse Selbstbefragungen“ unserer Kulturgeschichte – wie am Opernkanon abzulesen – ausschließlich die Perspektive „alter weißer Männer“ abbildet, bedarf einer weiteren Selbstbefragung – und zwar einer kritischen, angefangen innerhalb der Kulturinstitutionen und fortgesetzt in der Gesellschaft. An einem Thementag mit dem Titel Alte weiße Stücke hat sich die Oper Kiel der aktuellen Debatte um Identitätsfragen auf dem Spielplan gestellt. Die gehaltenen Vorträge finden Sie verschriftlicht in diesem Heft ab Seite 38. Ulrich Frey blickt dabei auf den Umgang mit „divers gelesenen“ Figuren in den Inszenierungen am eigenen Haus. Musik- und Theaterwissenschaftler*in Daniele G. Daude legt offen, wie „Rasse“ auf der Opernbühne konstruiert wird (S. 54). Mirrianne Mahn, Referentin für Diversitätsentwicklung der Stadt Frankfurt am Main, stellt klar, dass Diversität nicht erreicht werden kann, ohne den Blick auf Diskriminierung zu richten (S.62). Und der Lüneburger Oboist und Aktivist Tsepo Bollwinkel appelliert schließlich an uns, das Publikum, die eigene Perspektive zu hinterfragen und den Narrativen der rassistischen Erzählung nicht mehr zu folgen (S. 70).

Der auf Ausbeutung anderer Kontinente basierende Wohlstand (der keinesfalls alle Europäer*innen erreichte) ermöglichte nicht nur das Musiktheater, sondern bildet die Grundlage für große Teile unseres kulturellen Selbstverständnisses und unseres kulturellen Kanons. So ist zum Beispiel die Geschichte von Julia Gräfin von Reventlow, Förderin der Künste und Mittelpunkt des Emkendorfer Kreises, untrennbar verbunden mit der Geschichte ihres Vaters Heinrich Carl Schimmelmann, der durch Sklavenhandel zu einem der reichsten Menschen Europas wurde, deshalb seine Töchter in den Adel verheiraten konnte und schließlich selbst in den Adelsstand erhoben wurde. Zusammenhänge wie diese möchte der pädagogische Ansatz des Globales Lernens sichtbar machen und Menschen so ermutigen und befähigen, sich für Gerechtigkeit für alle Menschen auf der Welt einzusetzen. Museen mit ihrem reichhaltigen Fundus an Kultur und Geschichten sind ein idealer Lernort dafür. In der Stiftung Landesmuseen Schloss Gottorf erprobt Nicole Gifhorn diesen Ansatz und blickt aus neuen Perspektiven auf „Altbekanntes“. Janin Thies hat sie begleitet (S. 148).

Im offiziellen Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992 finden sich die Betroffenen in der Statistenrolle wieder und schufen mit der Möllner Rede im Exil ihre eigene Gedenkveranstaltung. Anlässlich des bevorstehenden 30. Jahrestages hat sich eine Gruppe Künstler*innen aus dem Raum Stormarn vorgenommen, die Perspektive zu wechseln. Sie arbeiteten intensiv mit Ibrahim Arslan zusammen, der sich als Überlebender der Anschläge seit Jahren bundesweit dafür einsetzt, dass die Perspektive von Betroffenen rassistischer Gewalt ihren Platz in der deutschen Gedenkkultur findet. Die anschließend entstandenen Arbeiten wurden im Frühjahr unter dem Titel Perspektivwechsel im Schloss Reinbek gezeigt. Dessen Leiterin Elke Güldenstein schildert das Projekt und gibt Einblick in die entstandenen Kunstwerke ab S. 124. In Reinbek ist die Ausstellung inzwischen abgebaut, das Gedenkjahr läuft hingegen weiter: Jahrestag des Brandanschlages ist der 23. November. „Gesellschaftlich ist der Weg hin zu einem angemessenen, gemeinsamen Gedenken noch lang“, schreibt Elke Güldenstein am Ende ihres Artikels. Und: „Es ist wünschenswert, dass die Ausstellung den Menschen auch an weiteren Orten im Land Mut machen kann, ihn zu gehen.“ Wie wäre es zum Beispiel im Schleswig-Holsteinischen Landtag?

Außerdem in dieser Ausgabe: Claudia Hönck und Sven-Michael Veit erinnern an das verheerende Sturmhochwasser an der Ostseeküste vor 150 Jahren und erklären, was wir heute daraus lernen können (S. 6), der Illustrator Manfred Schlüter widmet dem Autoren Boy Lornsen eine ganz persönliche Würdigung (S. 80), Kurator Jan Wiktor Sienkiewicz erzählt im Gespräch, warum er im Polnischen Pavillon auf der NordArt 2022 nicht nur Kunst aus Polen zeigt und Uwe Haupenthal gratuliert der Künstlerin Hanne Nagel-Axelsen zum Geburtstag (S.22).
Das alles und noch viel mehr in Ihrer neuen Schleswig-Holstein.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und Entdecken,

Ihr Kristof Warda

k.warda@schleswig-holstein.sh

Weitere Artikel

Perspektivregion

Geschichte ist weder in Stein gemeißelt noch wird sie der Menschheit aus einem brennenden Dornbusch überliefert. Denn jede Generation schreibt ihre eigene Geschichte und legt deren Schwerpunkte und Perspektiven fest. Das Projekt PerspektivRegion möchte das Zusammenleben in der deutsch-dänischen Grenzregion neu denken und lädt dafür im September 2022 zum „Zukunftsparlament“ ein.

Miast auerhiard

auerhiard: überhörtwelkeeren: Fahrradfahrensai: sagenparlen: Perlenstak snaak: Gesprächsuragt: gesorgtuurdial: Urteilspriak: Sprache Wat jaft at beeders, üs onerwais tu weesen an lidj tu belukin an tu beluurin! An miast noch beeder as at, wan ham bi’t welkeeren för en kurten uugenblak ferstun...

Jurek Becker zum 25. Todestag.

„Wenn ich auf die Schlei blicke, laufe ich Gefahr, daß ich anfange, idyllisch zu werden.“ schrieb Jurek Becker über seine Wahl-Heimat. Martin Lätzel erinnert an den 1997 verstorbenen Schriftsteller.

Hanne Nagel-Axelsen. Kreatürlich. Bewegt. 60 Jahre Malerei, Grafik, Plastik.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert zählt Hanne Nagel-Axelsen zu den herausragenden Künstlerinnen in Schleswig-Holstein wie in ihrem Heimatland Dänemark. Ist sie doch eine verlässliche Größe, deren innovatives Potenzial in ihren Werken stets aufs Neue zu begeistern vermag. Als Dänin, die in Deutschland lebt, besetzt sie ein besonderes kulturelles Weichbild, wenn sie es nicht dominiert. Freilich ohne dass sie ein falsches Konkurrenzgebaren befördert. Hanne Nagel-Axelsen schreibt nicht zuletzt auf eigene Weise eine Tradition fort, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausbildete, längstens zum Synonym der nordeuropäischen Moderne geworden ist und die nach dem Zweiten Weltkrieg um Asger Jorn eine besondere Tradition herausgebildet hat.

Diese Ausgabe bestellen

Artikel aus den letzten Ausgaben

Die Eiche: biologische Einordnung – mythologische Bedeutung – kulinarische Verwendung

Die Eiche: Weltweit gibt es mehr als 400 Arten. In vielen Weltregionen wurden alte Bäume der Gattung als Kultstätte verehrt - und ihre Früchte nicht nur in Notzeiten verzehrt

Bühne frei für Stieglitz, Wiesenschlüsselblume und Winterlinde

Jana Schmidt stellt Baum, Blume, Schmetterling und Vogel des Jahres 2016 vor

Wendy Vanselows friesische Kolumne: Muar Lok üüs ferstant

Ferlicht kön jam jam diarüüb beseenk, dat ik föör hög muuner diaram uun spikeliarin wiar, hü an huar ik...

Nur schöner Schein?

Noch heute ist das Notgeld der frühen 1920er Jahre uns ein Begriff: als beklemmendes Zeitdokument der Weimarer Republik, aber auch als bunter Trash eines kuriosen Sammelwahns. In der Landesbibliothek befindet sich eine nahezu vollständige Sammlung des schleswig-holsteinischen Notgeldes – von Nordschleswig bis Lauenburg.

Kristofs Kulturkritik

Kristof Warda ist viel unterwegs in Sachen Kultur. In der Kolumne "Kulturkritik" schildert er seine Eindrücke zu einigen Veranstaltungen aus seinem Terminkalender.

Lena Kaapke: Die Kunst der Keramik und die Wissenschaft

Die freie Künstlerin Lena Kaapke arbeitet mit Keramik und mit wissenschaftlichen Methoden. Julia Lucas stellt sie vor

Die Kulturzeitschrift abonnieren

Meistgelesen

Mahlzeit, Erstmal, Moin. Grüße in Nordfriesland und anderswo

Jeder kennt „Mahlzeit“ und „Moin“ als Gruß – zumindest in Norddeutschland; die Verabschiedung „Erstmal“ ist schon südlich von Eider und Nord-Ostsee-Kanal seltener. Wo kommen diese Grußformeln her und wie werden sie gebraucht? LANDRAT in...

Die Schule für Schauspiel in Kiel – private Berufsfachschule und kreativer Kulturort

Ob als freie Schauspieler, feste Ensemblemitglieder oder als Regisseure. Ihre Absolvent*innen bereichern die Theaterszene nicht nur in Kiel und im Land. Rolf Peter Carl stellt die einzige Schauspielschule in Schleswig-Holstein vor.

Die gängigsten Spechtarten in Schleswig-Holstein

Diese Spechtarten können Sie in den Wäldern Schleswig-Holsteins entdecken

Tanne – Abies

Welf-Gerrit Otto betrachtet die Tanne im Spiegel von Mythologie und Volksglaube - und zeigt, wie die Wildpflanze in der Küche verwendung finden kann ...

Gut Panker: Vom Rittersitz zur Gutsgemeinschaft

Panker heute – das ist eine Gemeinde im Landkreis Plön, Amt Lütjenburg, 22.76 qkm, etwa 1500 Einwohner. Das gewöhnliche gelbe Ortsschild lässt von einem „Gut“ Panker nichts erkennen, aber der interessierte Tourist stößt...

Der Harmlos – James Krüss zum 95. Geburtstag

Die Nordsee zeigt sich von ihrer besten Seite, als der junge Mann den Dampfer besteigt, um auf die in der weiten See liegende Insel, um nach Hause zu fahren. Auf dem Schiff trifft...

Heimat. Begriff und Gefühl – am Beispiel der Gebrüder Grimm

Der Begriff "Heimat", wie wir ihn heute benutzen, entwickelte sich erst in der Romantik, seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Kirsten Boie und der Glaube an den Apfel

Ihr erstes Buch erschien 1985. Inzwischen hat Kirsten Boie und Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Doch auch als vehemente Fürsprecherin für die Rechte von Kindern als Leser*innen setzt sie sich ein und wurde 2011 für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im März 2020 wird sie 70 Jahre alt.