Freitag, 30. September 2022

Sangeslust und Nationalgefühl

KulturzeitschriftSangeslust und Nationalgefühl

Nach seiner Auflösung im Jahr 1974 ging der Nachlass des Gesangvereins „Eintracht“ Schönberg an das Probstei Museum. In einer Ausstellung bettet das Museum die Vereinsdokumente nun in ihren historischen Kontext ein.

Aus heutiger Sicht wirkt es fast absurd zu fragen, wo sich die Gesangvereine politisch verorten ließen. Denken wir an heutige Chöre, ist der Gesang in den meisten Fällen etwas völlig Unpolitisches – wenn es so etwas überhaupt gibt. Und zu allen Zeiten hatte die Sangeslust, die Freude am gemeinsamen Gesang mit und ohne Begleitung, mit Sicherheit großen Anteil am Erfolg der Vereine. Denkt man aber nur wenige Jahrzehnte zurück an die großen Sängerfeste in den baltischen Staaten, die ein wichtiger Teil der Unabhängigkeitsbewegung von der Sowjetunion waren, wird deutlich, wie politisch Gesang doch sein kann.
Im 19. Jahrhundert waren Vereine in den deutschen Fürstentümern keine Selbstverständlichkeit wie heute. Diese Form der Geselligkeit war neu. Es gab kaum politische Teilhabe des Bürgertums. Die liberalen Freiheitsrechte, die die napoleonische Herrschaft im Westen Deutschlands mit sich gebracht hatte, waren von den Fürsten in Folge des Wiener Kongresses wieder einkassiert worden. Die Turnvereine nach dem Vorbild von Turnvater Jahn waren die ersten Vereine, die die Idee eines deutschen Nationalstaates propagierten. Im Ursprung in Opposition zur französischen Herrschaft, später in Opposition zur Fürstenherrschaft in der Ära der Restauration. Das Verbot der Turnvereine und der ebenfalls national-oppositionell ausgerichteten Burschenschaften durch die Karlsbader Beschlüsse in Preußen und weiteren deutschen Ländern machten die Männergesangvereine, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerorts gründeten, zu wichtigen Trägern der Nationalbewegung.
Die erste Liedertafel Carl Friedrich Zelters in Berlin und die nach seinem Vorbild gegründeten Vereine in den Städten waren noch elitäre, männerbündische Zirkel, die durch hohe Mitgliedsbeiträge und aufwendige Aufnahmeverfahren die eigene Exklusivität zu wahren suchten. Nur bei sehr guten Sängern wurde eine Ausnahme gemacht. Zur gleichen Zeit gründete aber auch Hans Georg Nägeli in der Schweiz einen ersten Männergesangverein, der im Sinne der Volksbildung Interessenten aller Schichten offenstand. Da ausschließlich Männer als Mitglieder zugelassen waren, musste die Musik für die Vereine zunächst noch geschrieben werden. Klassischerweise waren Chorstücke für gemischte Stimmen gesetzt.

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Robert Zeltner
Leiter des Probstei Museum Schönberg

So03apr(apr 3)11:15So27nov(nov 27)17:00Schönberg: Sangeslust und NationalgefühlGesangvereine auf dem Land

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